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Ostholstein Ein Denkmal im Dornröschenschlaf
Lokales Ostholstein Ein Denkmal im Dornröschenschlaf
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09:00 16.03.2019
Der Kapitelshof in der Stolbergstaße 16 – das Hauptgebäude soll um 1775 herum entstanden sein. Quelle: Ulrike Benthien
Eutin

 Wer mit historischen Gebäuden zu tun hat, muss viel Geduld aufbringen. Erst im zweiten Anlauf gelang es Falk Herzog aus Stendorf (Gemeinde Kasseedorf) im April 2016 in einer Zwangsversteigerung, den Zuschlag für den Kapitelshof in der Stolbergstraße 16 in Eutin zu erhalten. Nun steht eine aufwendige Sanierung des denkmalgeschützten Ensembles bevor - der 38-Jährige ist auf Überraschungen gefasst.

Bevor Herzog, landwirtschaftlicher Unternehmer und Geschäftsführer der Eutiner Festspiele, sein Eigentum überhaupt vollständig in Augenschein nehmen konnte, gab es noch einige Intermezzi. Nach der Zwangsversteigerung folgte ein langes rechtliches Hin und Her mit der Voreigentümerin. Falk Herzog drohte schließlich mit einer Zwangsräumung. „Ein Horrorszenario. Was hätte das gekostet, und wie lange hätte das gedauert!“, sagt er. Allein im Haupthaus hätten sich etliche Kubikmeter an Möbeln, Büchern und Kisten befunden. Er fand einen anderen Weg: „Ich habe alles, was Wert hat, auslagern lassen und angekündigt, dass es das erst zurückgibt, wenn der Kapitelshof leer ist“, berichtet Herzog. Innerhalb einer Woche sei das Haus geräumt gewesen.

Das Herrichten wird viel Zeit und Geld kosten

Ein Architekt mache jetzt eine Bestandsaufnahme, der eine umfassende Sanierung folgen wird. Unter denkmalpflegerischer Begleitung, versteht sich. „Ich habe seit jeher eine Leidenschaft für historische Gebäude gehabt, und der Kapitelshof hat mir schon immer gefallen“, erzählt Herzog. Langfristig will er selbst mit seiner Familie dort einziehen. Über Nutzungen unmittelbar nach der Sanierung denkt er noch nach.

Der Unternehmer, der das Gut Stendorf führt, ist erleichtert, dass die Grundsubstanz des Kapitelshofs gut ist. Erneut werden muss aber die Haustechnik, die Holz-Fensterrahmen müssen aufgearbeitet werden. „Auch das Dach muss neu gedeckt werden, das ist Ende der 1970er Jahre mit Betonpfannen gemacht worden“, schildert er. Eine Seitenwand des Gebäudes sei zudem mit Asbestplatten gedämmt worden.

Der Kapitelshof in der Stolbergstraße 16

Ein Rundgang durch die Räume offenbart noch viel mehr Mängel. Aber es ist ebenso zu erkennen, dass hier ein Schmuckstück ruht, das wieder aufpoliert werden will. In einem Zimmer war die Stuckumrandung verborgen unter einer Zwischendecke. Bis auf eine sind die Ofennischen leer. Stolz verweist Falk Herzog auf die Winterklappläden innen vor den Fenstern, sie lassen sich ziehharmonikaartig hervorziehen.

Aktuell ist es im Haus kalt wie in einer Gruft. Schon vor Jahren sind Gas, Wasser und Strom abgestellt worden. Mehrere Heizkörper sind damals geplatzt. Vor der Komplettsanierung des Hauses neue zu installieren, lohnt sich nicht. Falk Herzog hat zunächst Trockner und Ventilatoren zum Luftverwirbeln aufstellen lassen. Auch außen wurden Notmaßnahmen vorgenommen: Dachrinnen gereinigt und Abflussrohre gespült.

Letzte Sanierung in den 1960er Jahren

Nach seinen Kenntnissen ist der Kapitelshof in den 1960er Jahren letztmalig saniert worden, sagt Falk Herzog. Während des Zweiten Weltkrieges und in den ersten Jahren danach seien in der Stolbergstraße 16 Flüchtlinge einquartiert gewesen, berichtet er. Eigentümer sei unter anderem ein Kompaniechef aus der Rettbergkaserne gewesen, dessen Sohn und Tochter hätten das Haus später auf Leibrentenbasis an einen Rechtsanwalt verkauft. Dieser habe im Obergeschoss gewohnt und im Erdgeschoss seine Kanzlei betrieben. Die in Ofennischen eingebauten Regale für die Aktenordner sind noch erhalten.

Wie Kapitelshöfe entstanden

Die Stolbergstraße in Eutin gilt als eine der ältesten Straßen der Stadt. Im Jahr 1309 wurde das Eutiner Kollegiatsstift durch Bischof Burkhard von Serkem gegründet und sechs Stiftsherren erhielten in der Stolbergstraße größere Grundstücke zugesprochen: Kurien oder Kapitelshöfe genannt. Einige der Höfe wurden Anfang des 19. Jahrhunderts abgerissen.

Die heute erhaltenen Kapitelshöfe, darunter auch der in der Stolbergstraße 16, weisen mit ihren Gebäuden die Grundmuster ostholsteinischer Gutsanlagen auf, denn ihre Bewohner entstammten häufig dem Landadel. Die angrenzenden Grundstücke wurden in ähnlichem Stil bebaut – sie vermittelten trotz kleiner Fläche herrschaftlichen Charakter.

Das denkmalgeschützte Ensemble Nummer 16 mit Haupthaus und Nebengebäuden steht auf einem rund 1500 Quadratmeter großen Grundstück. Die Stolbergstraße hieß übrigens früher Pfaffenstraße, wohl weil sie von Pastoren und Stiftsherren bewohnt war.

Eine Zwangsversteigerung hat der Kapitelshof um 1829 herum schon einmal erlebt. Zu der Zeit musste Advokat Johann Lindemann Konkurs anmelden. Der Mediziner Lorenz Lorenzen übernahm den Kapitelshof. Damals wie heute erfolgte vor dem Verkauf über das Gericht eine ausführliche Bewertung des Hauses. 1829 hieß es: „Der Bauzustand war sehr gut. Die beiden Stallgebäude vor dem Hause waren 1817 abgerissen und verkürzt neu gebaut worden.“ Das jüngste Architekten-Gutachten dagegen hebt den Renovierungsbedarf („Unterhaltungsstau“) hervor.

Ulrike Benthien

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