Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Ostholstein Exil-Autor Rafik Schami: „Zensur zerstört Menschen“
Lokales Ostholstein Exil-Autor Rafik Schami: „Zensur zerstört Menschen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:54 11.05.2019
Erzählte im Eutiner Schloss aus seinem bewegten Leben: Bestseller-Autor Rafik Schami. Quelle: Saskia Bücker
Anzeige
Eutin

Eine Stadt, die einem das Gefühl gibt, alles sei unbeschadet geblieben, gut erhalten, restauriert. Die Menschen, sehr höflich. Sie grüßen, leise zwar, aber sie grüßen. Und dann das Schloss, wie eine Perle mittendrin. So beschreibt Bestseller-Autor Rafik Schami Eutin. Der berühmte Erzähler hat die Stadt auf seiner Lesereise zum ersten Mal besucht und am Freitagabend im Rittersaal des Eutiner Schlosses aus seinem Leben erzählt.

Vor 48 Jahren entscheidet sich Rafik Schami, Syrien zu verlassen, weil er keinen Militärdienst leisten und nicht in einer Diktatur unter Zensur leben will. Er kommt nach Deutschland, studiert Chemie, macht seinen Doktor, dann Karriere in einem großen Konzern – und entscheidet sich dann doch für die Literatur.

Anzeige

Rafik Schami erzählt von Deutschland und Syrien

Heute lebt Rafik Schami in einem kleinen Dorf in der Pfalz, 40 Kilometer von Mainz entfernt. Seine Erzählungen sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden. Er hat diverse Literaturpreise verliehen bekommen, gilt als einer der bedeutenden Schriftsteller in Deutschland. „Das Exil ist schlimm“, sagt Schami, „aber ohne Exil wäre meine Zunge nicht frei.“

Kein Tisch, kein Buch: Anderthalb Stunden erzählt Schriftsteller Rafik Schami vor seinem Publikum frei aus dem Kopf heraus. Quelle: Saskia Bücker

Rafik Schami erzählt frei und intuitiv, im Raum stehend, hat keinen Text vor der Nase. „Vorlesen hat nicht die gleiche Zauberkraft wie freies Erzählen“, sagt der Autor. Einen Monolog wiedergeben geht nicht, „da schläft das Publikum.“ Wenn Rafik Schami erzählt, bringt er alltägliche Lebenswelten in Deutschland und Syrien zusammen.

So berichtet er von seiner Heimat Damaskus in Form persönlicher Kindheitserinnerungen. Gerüche, ein Tee mit dem Nachbarn, Familienbesuche. Er stellt arabische Gastfreundschaft der deutschen Zuverlässigkeit gegenüber. Und kommt immer wieder auf sein zentrales Thema zurück: die Zensur, die Diktatur, die er in der arabischen Welt kennengelernt hat.

Ein humorvoller Erzähler

Sein Werkzeug, um Unerträgliches erträglich zu machen: der Humor. Immer wieder kichert das Publikum. „Denn Lachen bildet Gemeinschaft“, sagt der Schriftsteller. Dadurch entstehe in Eutin eine Solidarität unter den Leuten – gegen die Zensur in Damaskus. Ein Prediger mit schlechter Laune und erhobenem Zeigefinger wolle er nicht sein. „Humor ist der Schmuggler von schweren Gedanken.“ Es sei gut, dass die Leute über Zensur lachen, während diese gleichzeitig fürchterlich, demütigend, zerstörerisch sei.

Als politischen Erzähler begreift Rafik Schami sich aber nicht. „Wenn ich das Leben unter der Diktatur beschreibe, muss ich die Politik streifen, ohne politisch zu werden.“ Seiner Familie begegne in Damaskus jeden Tag Gewalt und Kontrolle. Das müsse er natürlich beschreiben, „aber ohne zu moralisieren.“

Zur Person Rafik Schami

Der Exil-Autor Rafik Schami wurde am 23. Juni 1946 im syrischen Damaskus geboren. 1970 floh er aus Syrien, um dem Militärdienst und der Zensur zu entkommen. Seit 1971 lebt der Erzähler in Deutschland, promovierte zunächst im Fach Chemie, entschied sich dann aber für ein Leben als Literat. Seit 1977 veröffentlicht er auch Texte in deutscher Sprache.

Berühmte Werke sind unter anderem „Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte: Oder wie ich zum Erzähler wurde“ (2011) „Das Geheimnis des Kalligraphen“ (2008) und „Die dunkle Seite der Liebe“ (2004). Schamis Erzählungen wurden in über 30 Sprachen übersetzt.

Zuhörerin Annette Koenig ist beeindruckt davon, wie sich Rafik Schami von einer Anekdote zur nächsten hangelt: „Ihm zuzuhören ist wie ein Feuerwerk, da frage ich mich, was fällt ihm denn jetzt noch alles ein?“ Besucherin Karen Genn (64) ist begeistert: „Das ist ein sehr reifes Erzählen mit kindischer Freude.“ Auch Yousef Rehani hört während der Lesung gebannt zu. „Das ist ein bisschen wie Heimat“, sagt der 16-Jährige. Und Mechthild Bruhn resümiert: „Das freie arabische Erzählen ist etwas ganz besonderes.“

Lesen Sie auch: ein Interview mit Rafik Schami über den Konflikt in seiner Heimat, ein Einwanderungsgesetz und die Liebe seiner Mutter zu Linsen.

Saskia Bücker