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Ostholstein Puttgardener: „Die Bauzeit wird uns viel Nerven kosten“
Lokales Ostholstein Puttgardener: „Die Bauzeit wird uns viel Nerven kosten“
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13:00 04.08.2019
Vor zahlreichen Häusern auf der Insel Fehmarn stehen blaue Kreuze: das Zeichen des Widerstandes gegen den Belttunnel. Die Menschen befürchten unter anderem massive Beeinträchtigungen für die Natur und den Tourismus auf der Insel. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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Fehmarn

Der geplante Belttunnel zwischen Fehmarn und Dänemark spaltet die Gemüter, vor allem auf der Sonneninsel. Zahlreiche Verbände reichen Klagen ein, an vielen Autos kleben blaue Kreuze – das Zeichen des Widerstandes gegen das Vorhaben. Doch was sagen betroffene Bürger? Die LN haben sich auf Fehmarn umgehört.

Der 72-jährige Dieter Bannert ist auf der Insel geboren und lebt mit seiner Frau mitten in Puttgarden – also in dem Dorf, das neben Marienleuchte am dichtesten an der Tunnelbaustelle liegen wird, sollte sie denn kommen. Der Rentner, der früher als Radio- und Fernsehtechniker gearbeitet hat, sagt: „Ich denke, der Tunnel bietet viele Vorteile für Fehmarn und die Region – vor allem wirtschaftliche. Firmen aus Skandinavien könnten sich hier ansiedeln. Die Fahrtzeit zwischen den nordischen Ländern und Südeuropa verkürzt sich.“

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Der 72-Jährige Dieter Bannert befürwortet zwar den Tunnel an sich, sorgt sich jedoch um die unmittelbaren Auswirkungen der Großbaustelle wie Lärm, Schmutz und zunehmender Schwerlastverkehr. Quelle: Sebastian Musolf

In den 60er Jahren gab es auch Gegner der Fehmarnsundbrücke

Bannert könne sich noch erinnern, als Anfang der 1960er Jahre die Fehmarnsundbrücke gebaut wurde: „Da haben auch viele auf der Insel gesagt: Das brauchen wir nicht! Aber ohne die Brücke wären wir heute komplett abgehängt“, sagt der 72-Jährige. „Ich würde es begrüßen, wenn die Scandlines-Fähren trotz des Tunnels weiterfahren würden.“ In Sachen Preisgestaltung sei es nicht schlecht, dass Scandlines möglicherweise bald Konkurrenz bekomme: „Sie nutzen ihr Monopol gewaltig aus.“

Zahlen und Fakten zum Belttunnel

Der Fehmarnbelttunnel soll laut Betreiberfirma Femern A/S mit 18 Kilometern der weltweit längste Absenktunnel für den kombinierten Schienen- und Straßenverkehr werden. Das Baubudget für das Großprojekt beträgt etwa 7,4 Milliarden Euro. Die Bauzeit ist mit rund 8,5 Jahren veranschlagt. Der Tunnel soll aus einer vierspurigen Autobahn und einer zweigleisigen, elektrifizierten Bahnstrecke bestehen. Die Fahrt zwischen Deutschland und Dänemark soll dann zehn Minuten mit dem Auto und sieben Minuten mit der Bahn dauern. Die Höchstgeschwindigkeit im Tunnel für Autos wird 110 Stundenkilometer betragen. Elektrische Züge werden im Tunnel mit 200 Stundenkilometern unterwegs sein.

Große Sorge bereiten dem Rentner hingegen die mit der Großbaustelle verbundenen Arbeiten: „Das wird für uns alle im Ort eine große Belastung werden. Die Bauzeit wird uns viel Nerven kosten.“ Bei Ostwind wehe der Staub der Baustelle nach Puttgarden hinüber, bei Westwind seien die Marienleuchter betroffen. Der Schwerlastverkehr auf der Insel werde deutlich zunehmen, das Wasser der Ostsee sich eintrüben. „Es wird lauter werden durch die Baustelle.“ Vor allem die Straßenbauarbeiten könnten die Insel heftig treffen, fürchtet Bannert: „Ich habe Angst, dass unsere Region dadurch abgehängt wird: Die Gäste fahren dann nur noch bis Heiligenhafen oder gleich nach Mecklenburg.“

72-Jähriger denkt, dass der Tunnel auf jeden Fall kommen wird

Der 72-Jährige ist überzeugt, dass trotz des Widerstandes zahlreicher Verbände und Organisationen der Tunnel kommen werde. Dänemark habe schon zu viel Geld in das Großprojekt gesteckt und werde sich nicht mehr zurückziehen. „Wer die Musik bezahlt, bestimmt auch, was gespielt wird. Deutschland hat auf alles verzichtet und uns an Dänemark verkauft. Die Bundesrepublik hätte als Tunnel-Mitbauer Gestaltungsmöglichkeiten gehabt. Das hat sie aus der Hand gegeben. Die teure Hinterland-Anbindung, die dürfen wir aber bauen und bezahlen.“

Video zeigt Appell einer Beltretterin gegen den Tunnel

Was nach Bannerts Ansicht bei der ganzen Diskussion zu wenig beachtet werde, sei, dass künftig keine Fernzüge mehr auf Fehmarn halten sollen: „Der Eurocity aus Kopenhagen fährt schon ab kommenden Dezember nicht mehr über Puttgarden. Später soll ein Fernhaltepunkt auf dem Festland entstehen. Und in der Bauphase des Tunnels muss man dann stundenlang Bus fahren, um nach Lübeck zu kommen“, sagt der Rentner verärgert.

Tunnel könnte den Verkehr auf der Insel entzerren

Auch der 69-jährige Norbert Rösler aus Landkirchen begrüßt den Tunnel: Dieser werde den Verkehr auf der Insel deutlich entzerren, denkt der Rentner, der früher als Elektriker gearbeitet hat. Ein vierspuriger Ausbau der Europastraße 47 sei nötig, um das hohe Verkehrsaufkommen auf der Insel zu bewältigen. Wirtschaftlich könne Fehmarn durch das Entstehen neuer Industriegebiete von dem Großprojekt profitieren, sagt der Landkirchener. Auch er kritisiert die momentane Monopolstellung der Reederei Scandlines: „Sie diktiert die Preise.“

Für den 69-jährigen Norbert Rösler aus Landkirchen überwiegen beim Belttunnel die Vorteile. Quelle: Sebastian Musolf

Mehr Verkehr auf der Insel erwartet

In der Bauphase werde sich nach Röslers Ansicht die Verkehrssituation auf der Insel jedoch auf jeden Fall verschärfen – vor allem für diejenigen, die nach Burg wollen. „In der Hauptsaison haben wir eh schon ein Verkehrschaos hier.“ Ansonsten werden sich die Beeinträchtigungen aber in Grenzen halten, glaubt Rösler. Die Negativ-Szenarien der Tunnelgegner hält der Rentner für übertrieben, die Arbeiten seien zeitlich begrenzt: „Da müssen wir halt durch.“

Hier gibt es
alle Artikel zur Beltquerung.

Die Großbaustelle könnte zudem ein Anziehungspunkt für Touristen werden, wenn man dort etwa einen Infopoint errichte und die Leute aufkläre. „Der Tunnel wird auf jeden Fall kommen. Die momentanen Klagen werden das Projekt höchstens verzögern, aber nicht verhindern“, sagt der 69-Jährige.

31-Jährige sorgt sich um die Natur auf Fehmarn

Eine klar ablehnende Haltung zum Tunnel vertritt hingegen die 31-jährige Alexandra Lüdtke aus Burg – ein blaues Kreuz am Auto hat sie aber nicht: „Der Tunnel wird die Natur bei uns massiv beeinträchtigen.“ Das ökologische Gleichgewicht in der Ostsee werde durch die Arbeiten stark gestört, vor allem für Fische und Vögel sei das fatal, befürchtet die Fehmaranerin. Gerade Touristen schätzen die Insel für ihre schöne Landschaft – eine Großbaustelle könne diese Idylle zerstören und Urlauber abschrecken. „Ich glaube auch nicht, dass bei uns viele neue Arbeitsplätze durch das Projekt entstehen werden. Sobald Tunnel und Straßen fertig sind, sind die Arbeiter wieder verschwunden“, sagt Lüdtke.

Fähren ermöglichen Autofahrern eine Dreiviertelstunde Rast

Sie fände es sehr schade, sollte Scandlines nach Fertigstellung des Tunnels den Betrieb in Puttgarden einstellen. „Ich fahre sehr gerne mit den Schiffen, ich finde das schön und entspannend. Gerade Urlauber, die eine weite Reise vor sich haben, können hier für 45 Minuten ausruhen.“ Den Tunnel würde die 31-Jährige zwar schon mal testen, aber auf jeden Fall die Fähren bevorzugen.

Als Einwohnerin der Inselhauptstadt Burg werde sie vom Lärm und Schmutz der Baustelle zwar wenig spüren, meint Lüdtke, aber in anderer Hinsicht könnte sie doch betroffen sein: Die Justizfachangestellte pendelt nämlich jeden Tag nach Plön zu ihrer Arbeit am dortigen Amtsgericht. „Meine Fahrtzeit von einer Stunde wird sich durch die Straßenbauarbeiten sicher deutlich verlängern. Das wird mich viel Zeit kosten.“ Sie befürchtet, dann oft im Stau zu stehen – vor allem in der Hauptsaison, wenn sehr viele Urlauber unterwegs seien. Nach Plön wolle sie aber nicht ziehen, weil ihre Familie und ihre Freunde hauptsächlich auf Fehmarn leben.

Gericht könnte das Projekt am Ende doch noch kippen

Da sich viele Organisationen zusammengetan haben, um gegen das Vorhaben zu klagen, stünden die Chancen „ganz gut“, dass der Tunnel doch nicht komme, denkt die 31-Jährige: „Der Naturschutz hat in Deutschland einen hohen Stellenwert. Von daher kann es sein, dass das Bundesverwaltungsgericht das Projekt am Ende kippt.“

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Sebastian Musolf