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Ostholstein Oldenburgs älteste Kneipe: Zu Besuch bei „Fieka und Johanna“
Lokales Ostholstein Oldenburgs älteste Kneipe: Zu Besuch bei „Fieka und Johanna“
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14:12 26.04.2019
„Fieka und Johanna“ am Marktplatz ist Oldenburgs älteste Kneipe und besteht seit etwa 1750. Quelle: Louis Gäbler
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Oldenburg

Draußen am Haus hängt ein Zigarettenautomat. Im Hausflur steht ein weiterer. Bei „Fieka und Johanna“ wird noch geraucht. In Oldenburgs ältester Kneipe sitzt kaum jemand, der keinen Glimmstängel in der Hand hat. Die Luft ist durchzogen von dicken Rauchschwaden; „duftende“ Erinnerungen an den Besuch in der Bar heften sich an die Kleidung, sobald man den Raum betritt. Man mag darüber streiten, ob das gesund ist oder zeitgemäß – aber irgendwie macht sich doch prompt ein unverkennbares Gefühl von Nostalgie in einem breit.

„Die Kneipe ist ein Stück Tradition“

Es ist eine andere Welt – die Welt vor den Nichtraucherschutzgesetzen und Gesundheitstrends. Ein paar Stammgäste sitzen vor ihren Bieren, im Nachbarraum leistet ein Mann einem Spielautomaten Gesellschaft. Vicky Leandros trällert aus der Jukebox, dass sie das Leben liebt. Vor den Fenstern scheint die Sonne, doch drinnen ist es dunkel genug für die typische Kneipen-Atmosphäre. Das Inventar besteht aus einer kleinen Theke und Holztischen, die Wände sind gepflastert mit historischen Fotos der Stadt Oldenburg. Ein Stück Heimat.

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In Oldenburgs ältester Kneipe „Fieka und Johanna“ kümmern sich sieben ehrenamtliche Mitarbeiter um den Erhalt des Traditionslokals. In dem denkmalgeschützten Haus erinnert noch vieles an alte Zeiten.

„Fieka und Johanna“ sei Tradition, sagt Rüdiger Voß. Er ist seit zwei Jahren Pächter der Kneipe. Eigentlich ist er Schiffsingenieur, fuhr 40 Jahre lang zur See. Doch als dem Oldenburger Lokal das Aus drohte, entschloss er sich kurzerhand dazu, die Kneipe selbst weiterzuführen. Mit sechs Helfern hält er den Betrieb am Laufen. Alle machen hauptberuflich etwas anderes, stellen sich nach Feierabend oder an freien Tagen freiwillig hinter die Theke. „Die Kneipe hier durfte nicht sterben“, sagt Voß, „das wollte keiner von uns.“

Benannt nach zwei Schwestern mit nur einem Gebiss

1756 wurde die Gaststätte erstmals erwähnt. Das Gebäude an der Kuhtorstraße steht heute unter Denkmalschutz. Gebaut wurde es um 1700. Ursprünglich waren dort eine Poststation und eine Apotheke oder Drogerie untergebracht. Die Schankwirtschaft wurde später nach zwei Schwestern benannt.

Ein Foto von Fieka und Johanna Schmidt hängt noch heute an der Wand. In einem Fotoband über alte Gaststätten in Oldenburg und Umgebung von Thomas Wroblewski ist zu lesen, dass die Schwestern angeblich nur ein Gebiss besaßen. Bei Bedarf sollen sie getauscht haben.

Als Zehnjähriger mit Papa in der Kneipe

Rüdiger Voß hat derweil seine ganz eigenen Geschichten, die er mit „Fieka und Johanna“ verbindet. Er kennt die Kneipe, seit er zehn Jahre alt ist. Für den Papa gab es damals immer ein Bier, für das Kind eine Brause, zehn Pfennig für den Daddel-Automaten und den Auftrag: „Bloß nichts Mutti verraten“. „Ich fand’s immer super“, erinnert sich der heute 61-Jährige schmunzelnd.

Viele Oldenburger würden ähnlich viele Erinnerungen mit dem Lokal verbinden. Insofern seien die Gäste auch nicht nur dankbar, dass die Kneipe erhalten bleibe. Viele würden die Einrichtung auch selbst unterstützen, erzählt der Betreiber, zum Beispiel bei Reparaturen oder Renovierungsarbeiten.

Ein Video: Hinter diesen alten Mauern waren wir schon

Vicky Leandros singt ihre letzte Strophe. Rüdiger Voß atmet auf. „Das machen die nur an, um mich zu ärgern“, grummelt er gutmütig. Ein Gast habe das Lied einmal 25 Mal nacheinander in die Jukebox eingegeben. „Da hat’s mir dann aber echt gereicht“, erinnert sich der Chef, „da hab’ ich die Musik ausgemacht“.

Er selbst sei ein Fan von Oldies aus den 60er und 70er Jahren, erzählt Voß. Heavy-Metal-Songs stehen ebenfalls auf seiner persönlichen Favoritenliste, wie sich unschwer an der Lederweste mit Wacken-Logo erkennen lässt. Aber: „Jeder darf hier hören, was er möchte“, sagt der Kneipenpächter. Außer zu viel Vicky Leandros halt.

„Ist die Stimmung gut, tanzen die Leute auf den Tischen“

Ansonsten würden die vielen verschiedenen Musikgeschmäcker der Gäste erstaunlich gut miteinander harmonieren, stellt Michael Christiansen fest, den alle nur „Nesko“ nennen, wie schon seinen Vater vor ihm. Der hauptberufliche Heilerziehungspfleger übernimmt ebenfalls nebenbei Schichten bei „Fieka und Johanna“ und weiß: „Wenn die Stimmung gut ist, tanzen die Leute zu jeder Musik. Da werden schon mal Tische beiseite geräumt, damit Platz ist“, erzählt er, „oder die Tische direkt zur Tanzfläche umfunktioniert.“

An solchen Tagen kann es schnell 4 Uhr morgens werden, bis die letzten Gäste gehen. Um 9.30 Uhr kommen schon wieder die ersten zum Frühschoppen. Im Sommer schauen auch Touristen vorbei, aber sie hätten schon sehr viele Stammgäste, erzählt Rüdiger Voß. Einige kämen jeden Tag – zum Beispiel eine Rentnergruppe, die sich vormittags zum Kaffeetrinken trifft und dafür sogar eigene Sitzkissen in der Kneipe deponiert hat. Andere kommen allein, weil sie wissen, dass sie hier Bekannte treffen. Jeder kennt jeden – spätestens nach dem Besuch.

Frühschoppen bis „Open end“

Die Atmosphäre sei entspannt und lustig, darin sind sich die Kneipen-Mitarbeiter einig. Darum mache ihnen die Arbeit hier auch wirklich Spaß. Über ein mögliches Ende seiner Zeit als Kneipenwirt will Rüdiger Voß deshalb auch noch lange nicht nachdenken. Dafür gelte das gleiche wie für den täglichen Betrieb: „Open end“.

Jennifer Binder