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Ostholstein Flüchtlinge in Oldenburg: Mit Tapezieren in eine neue Zukunft starten
Lokales Ostholstein Flüchtlinge in Oldenburg: Mit Tapezieren in eine neue Zukunft starten
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06:15 03.02.2012
Noruz Hosseini (20) und Fadahosein Alizadek (19) mit Fachlehrer Heiko Lücke (v.l.)
Noruz Hosseini (20) und Fadahosein Alizadek (19) mit Fachlehrer Heiko Lücke (v.l.)  Quelle: Holger Marohn
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Oldenburg

Fleißig kleistern Noruz Hosseini und Fadahosein Alizadeh ihre Bahn Raufasertapete mit dem Quast ein. Denn statt in ihrem Asylbewerberheim in Lübbersdorf herumsitzen zu müssen, dürfen die 20 und 19 Jahre alten Afghanen an der Berufsschule Oldenburg verschiedene Handwerksberufe kennenlernen.

Zweimal in der Woche nehmen sie mit den regulären Auszubildenden am Praxisunterricht teil. „Wir müssen Deutsch lernen und wollen arbeiten“, sagt Noruz. „Wo ich war, war immer Krieg“, so der 20-Jährige, der seit seinem 14. Lebensjahr auf der Flucht ist. Über viele Umwege kam er vor 18 Monaten nach Deutschland. Seit einem halben Jahr erlernt er in einem speziellen Kursus in seiner Unterkunft die deutsche Sprache. Inzwischen ist er soweit, dass er sich ein wenig verständigen kann und so bei dem Projekt „Handwerk ist interkulturell“ der Handwerkskammer Lübeck mitmachen kann. „Es ist schon erstaunlich, wie die nach Arbeit gieren und etwas machen wollen“, lobt auch Manfred Kasten, Abteilungsleiter der Beruflichen Schulen in Oldenburg, den Einsatzwillen der jungen Flüchtlinge.

Flüchtlinge wollen etwas zurückgeben

Es sei unheimlich wichtig, an dieser Stelle anzusetzen und etwas zu machen. Ansonsten seien die Menschen total aufgeschmissen.

„Die jungen Asylbewerber wollen nicht rumsitzen, sondern etwas tun und arbeiten“, weiß auch Projektleiterin Heidi Näpflein von der Handwerkskammer. Sie seien dankbar, dass Deutschland sie aufgenommen hat und möchten dem Land etwas zurückgeben. „Nicht arbeiten zu dürfen, können viele der Flüchtlinge nicht verstehen“, erläutert Heidi Näpflein.

Viele Hindernisse

Dafür gebe es trotz Fachkräftemangel viele Hindernisse. Größtes Problem sei, dass die Flüchtlinge keinen Anspruch auf einen Deutschkursus hätten. „Sie können nur hoffen, dass es irgendwo einen Restplatz gibt“, so Näpflein. Mangelnde Sprachkenntnisse seien das größte Hindernis für einen späteren Arbeitsplatz. Und für ein Bleiberecht sei der Nachweis, dass sie sich selbst ernähren können, eine Grundvoraussetzung.

Bei ihren deutschen Altersgenossen ernten Noruz und Fadahosein große Anerkennung. „Das würde ich mich in einem fremden Land nicht so einfach trauen“, sagt Mitschüler Lucas Schwartz (17). Neben Noruz und Fadahosein nehmen noch zwei weitere junge Flüchtlinge an dem Projekt teil. Während einer gerne in der Gastronomie eine Lehre beginnen möchte, interessiert sich ein anderer vor allem für den Kfz-Bereich. „Ein Betrieb aus Grömitz hat dem jungen Mann inzwischen ab März ein Praktikum angeboten“, sagt Heidi Näpflein von der Handwerkskammer.

Vereinzelte Erfolgserlebnisse

Bislang sind dies noch vereinzelte Erfolgserlebnisse. Doch Näpflein ist sich sicher, dass in die eher verfahrene Rahmensituation schon bald Bewegung kommen werde. „Allerdings nicht, weil wir die Menschen integrieren wollen, sondern weil wir sie zur Ausbildung neuer Fachkräfte einfach brauchen“, bedauert Näpflein den Hintergrund.

Noruz Hosseini könnte sich allerdings schon jetzt sehr gut eine Lehre vorstellen - allerdings nicht unbedingt als Maler. „Tapezieren ist ja ganz interessant, aber das Tischlern finde ich besser“, sagt der 20-jährige Flüchtling mit dem kleisterverschmierten Quast in der Hand und lacht.

Von Holger Marohn