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Ostholstein Die vergessene Technik: So geht funken ohne Elektrosmog!
Lokales Ostholstein Die vergessene Technik: So geht funken ohne Elektrosmog!
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07:00 11.06.2019
Ulrich Skubsch zeigt die Antennen, die für den Passiv Repeater gebraucht werden. Quelle: Susanne Peyronnet
Gleschendorf/Lübeck

Feuerwehr und Polizei verständigen sich über Funk. Im Freien kein Problem. Aber spätestens wenn die Kommunikation durch Mauern hindurch geschieht, wird’s schwierig – vor allem, wenn die aus Stahlbeton sind. Eine technische Lösung zur sogenannten Reichweitenverbesserung kommt aus Gleschendorf. Ihr Konstrukteur Ulrich Skubsch will sie wieder ins Bewusstsein zurückholen.

An der Fassade des Lübecker Karstadthauses sind ein paar unscheinbare Stangen angebracht. Ähnliche kurze Stangen hängen auch im Inneren, oben an Wänden, unbemerkt von Kunden und Mitarbeitern. Die gleichen Stangen sind an der Fassade und im Inneren der Königpassage montiert sowie an der Fassade des LVA-Gebäudes in der Lübecker Ziegelstraße. Der 18. Januar 1996 war ein großer Tag für Ulrich Skubsch, dem Mann hinter den unscheinbaren Konstrukten aus Edelstahl.

Der Gleschendorfer Elektroingenieur erklärt, wo sein Passiv Repeater bereits im Einsatz ist.

An diesem Tag lief der erste Test des Passiv Repeaters mit der Lübecker Berufsfeuerwehr. Es war ein voller Erfolg. Zuvor hatten die Feuerwehrleute festgestellt, dass sie nicht in die Passage hineinfunken konnten. Ein Fall für den Elektro-Ingenieur aus Gleschendorf, der damals in leitender Position für ein Lübecker Sicherheitsunternehmen tätigt war.

Erster Test in der „Theodor Heuss

Er entwickelte ein Verfahren weiter, das die Lübecker Berufsfeuerwehrleute Manfred Kurz und Klaus Abitzsch zuvor an Bord der Fähre „Theodor Heuss“ in Puttgarden ausprobiert hatten. Die Bahnfeuerwehr hatte Schwierigkeiten, aufs Schiff zu funken, dessen Stahlrumpf alle Funkwellen abschirmte. Deshalb griffen die Feuerwehrmänner die Idee eines Funkamateurs auf, der in seinem Tal keinen Empfang hatte und eine Passivantenne auf den nächsten Berg setzte. Als das System in Puttgarden funktionierte, berichtet Kurz, hätten sie Skubsch ins Boot geholt, der über das technische Know-how verfügte.

Der Passiv Repeater funktioniert nach dem Prinzip der schwingenden Saiten einer Geige oder des vielen aus ihrer Kindheit bekannten Dosentelefons. Dass der 69-Jährige auf so etwas kam, hat mit seinem Hobby zu tun: Er ist Funkamateur. „Die müssen gewährleisten, dass man in großen Gebäuden funken kann“, sagt Skubsch.

Ein Schweizer Funkamateur hat damals die Antenne erfunden, die der Gleschendorfer später verwendete – „herzustellen mit minimalistischem Zeitaufwand mit hoher Resonanz und großer Reflexion“, erläutert Skubsch. „Wenn man eine zweite Antenne nimmt und die beiden mit einem Kabel verbindet, bringt das die Verstärkung.“

Funken in Sonderbauten

„Gebäude besonderer Art und Nutzung“ ist ein Fachbegriff, der private und öffentliche Bauten umfasst, die von einer großen Öffentlichkeit benutzt werden. Das reicht von Kaufhäusern über Hochhäuser, Stadien und Schulen bis hin zu Behörden. Für diese sogenannten Sonderbauten gelten besondere Brandschutzbestimmungen.

Eine ausreichende Funkversorgung ist für die Menschenrettung und Brandbekämpfung wichtig. Dabei sind die Anforderungen für Gebäude besonderer Art und Nutzung höher als für andere Bauten. Gebäudefunkanlagen sind deshalb Teil des Brandschutzes.

Das System brauche keine Energie von außen, kein Ein- oder Ausschalten, verbrauche keinen Strom und gebe keinen Elektrosmog oder Strahlung an die Umgebung ab. Dass das kein leeres Versprechen ist, beweisen die Anlagen, die seit den 1990er Jahren in Betrieb sind, etwa am und im Lübecker Karstadthaus.

„Bis heute hat Karstadt keine einzige Wartung gebraucht. Für keines der Systeme gab es je Folgekosten, nichts, was man zusätzlich installieren müsste“, sagt Skubsch.

Zuverlässige Funk-Verbindung

Kurz bestätigt das und die Wirksamkeit des Passiv Repeaters. Das war schon auf dem Schiff so. „Wir hatten aus dem Maschinenraum eine einwandfreie Verbindung nach außen. Auch bei Karstadt konnte das System überzeugen. „Es hat problemlos funktioniert“, sagt Kurz. „Sicherer als dieses geht es nicht mehr, das funktioniert immer.“

Das von Skubsch entwickelte System wurde außer an der Königpassage und am Karstadthaus noch am LVA-Gebäude in der Lübecker Ziegelstraße installiert. Architekt Günter Behnisch, der das futuristische, 1997 bezogene Gebäude entworfen hat, hatte sich laut Skubsch zunächst gegen die Antenne gewehrt. „An meine Fassade kommt nichts“, soll Behnisch gesagt haben. Als die Antennen dann hingen, änderte er seine Meinung, da ja gar nichts zu sehen sei. Tatsächlich muss man schon sehr genau hinschauen, um die Antennen zu entdecken.

Der Architekt hatte sich zunächst gegen ein Einbau des Systems am Lübecker LVA-Gebäude gewehrt. Als dann eine Antenne montiert war (Kreis) akzeptierte er sie, weil sie fast nicht zu sehen ist. Quelle: Skubsch/hfr

Im ehemaligen Stadion von Mainz 05, dem alten Bruchwegstadion, hat Skubsch 2002 ebenfalls seine Antennen montiert, damit die Polizeibeamten bei ihren Einsätzen dort immer Kontakt untereinander halten konnten. „Die Polizei hat die Sache sofort geliebt“, sagt Skubsch.

Dass sein System gut funktioniert hat, bestätigt Günther Sowa, damals Dezernatsleiter der Abteilung Funk bei der Zentralstelle für Polizeitechnik in Mainz. „Die Technik war genial einfach und wartungsfrei“, sagt er über den Passiv Repeater.

Das sei genau das, was damals gebraucht wurde, zumal der frisch aufgestiegene Verein Mainz 05 mit dem Geld haushalten musste. Mit herkömmlicher Technik hätte es wesentlich mehr gekostet, die Funklöcher zu stopfen. Die seien Dank der Technik von Ulrich Skubsch zu 95 Prozent verschwunden, berichtet Sowa.

Das Ende des Passiv Repeaters

Trotz seiner Erfolge konnte sich Ulrich Skubsch mit seinem System nicht durchsetzen. Es gibt ein konkurrierendes System, das sogenannte aktive Schlitzkabelsystem. Das ist laut Skubsch deutlich teurer und produziere kontinuierlich Elektrosmog, sei aber mittlerweile weltweit gängig.

Mit seinem System sei dagegen kein Geld zu verdienen, deshalb habe sich kein Subunternehmer gefunden. Irgendwann habe er sich beruflich anders orientiert, sagt der Elektroingenieur. Der Passiv Repeater verschwand in der Vergessenheit.

Susanne Peyronnet

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