Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Ostholstein Frische Frischlinge bevölkern den Malenter Wildpark
Lokales Ostholstein Frische Frischlinge bevölkern den Malenter Wildpark
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:20 13.12.2018
Nach einem langen Ausflug auf kurzen Beinen tanken die munteren Frischlinge Kraft und Milch bei der Bache. Quelle: Dirk Schneider
Malente

 Der Sommer 2018 war anscheinend so heiß, dass bei den Wildschweinen im Malenter Wildpark die Hormone verrückt gespielt haben. Das Ergebnis: Fünf Bachen führen derzeit 30 Frischlinge durch das Gatter.

„Das ist zu dieser Jahreszeit schon ein etwas ungewöhnliches Naturschauspiel“, sagen Jan Eskildsen und Gerd Günther vom Förderverein Dorf und Natur, der den Wildpark hegt und pflegt, erfreut über den gestreiften Nachwuchs. Die kleinen Schweinchen sind munter dabei, das Areal zu erkunden. Allerdings sind die Frischlinge deutlich zu früh unterwegs.

Normaler Jahreszyklus außer Kraft

Eigentlich käme die Rauschzeit jetzt zu ihrem Höhepunkt, erklärt der Ehrenvorsitzende der Kreisjägerschaft Ostholstein Otto Witt. Normalerweise seien Bachen zwischen November und Januar paarungsbereit. Die Frischlinge würden dann laut Merksatz nach einer Tragzeit von drei Monaten drei Wochen und drei Tagen geboren. Die übliche Setzzeit falle also in den Frühling von März bis Mai, was Mutter- und Jungtieren aufgrund der steigenden Temperaturen und des wachsenden Nahrungsangebotes bessere Überlebenschancen eröffne. „Das hat die Natur im Laufe der Evolution so eingerichtet. Tiere, die im Winter geboren werden, haben deutlich höhere Sterblichkeitsraten“, erklärt Witt. Allerdings gebe es immer wieder Ausnahmen, die sich in den vergangenen Jahren gehäuft hätten. „Wir beobachten, dass sich das Schwarzwild auch in den Wald- und Feldrevieren stark vermehrt und dass dabei die alten Faustregeln außer Kraft gesetzt scheinen“, sagt Witt.

Was im Wildpark für eine vorweihnachtliche Bescherung sorgt, entwickelt sich in der freien Wildbahn zunehmend zu einem Problem. „Es wird für die Jäger immer schwieriger, zwischen einer tragenden oder führenden Bache und anderen weiblichen Tieren zu unterscheiden, weil die einheitliche Rauschzeit völlig aufgehoben zu sein scheint“, berichtet Witt. Die Folge: Die ohnehin schon zu große Wildschweinpopulation wachse weiter.

Am Futterplatz köšnnen die gestreiften Frischlinge zusammen mit Bachen und Keiler (links) aus nŠächster NŠähe beobachtet werden. Quelle: Dirk Schneider

Beste Rahmenbedingungen für das Schwarzwild

Eine Ursache könnte das ungewöhnlich warme Wetter der vergangenen Jahre sein. „Ich würde noch nicht von Auswirkungen des Klimawandels sprechen, aber wir hatten schon einige sehr milde Winter“, sagt Witt. „Es gibt aber vermutlich weitere Faktoren, die diese Veränderungen ebenfalls beeinflussen.“ An erster Stelle sei hier das gute, mittlerweile fast ganzjährig verfügbare Nahrungsangebot wie beispielsweise durch große Maisfelder bis in den Herbst zu nennen. In diesem Jahr komme eine sehr gute Eichel- und Bucheckernmast hinzu, sodass die Sauen auch in der freien Natur stets etwas Fressbares finden und dabei in sicherer Deckung bleiben könnten.

Historisches

Der Malenter Wildpark wurde 1965 auf Anregung des Badearztes Dr. Hans-Martin Junkelmann geschaffen. Der Mediziner und Jäger hatte die Idee, im forsteigenen Diekseewald ein Gehege einzurichten, in dem die wachsende Zahl der Kurgäste und Touristen Wildtiere aus der Region in ihrer natürlichen Umgebung beobachten können. Mit tatkräftiger Unterstützung einer Kompanie des Plöner Pionierbataillons, die im Rahmen von Übungen regelmäßig zum Arbeitsdienst aus der Fünf-Seen-Kaserne anrückte, wurde das zwölf Hektar große Areal eingezäunt. Während sich ein Damwildrudel im Wald und auf einer angrenzenden Wiese „frei“ zwischen den Besuchern bewegen kann, leben Rotwild und Wildschweine in weitläufigen Gattern.

Als die Gemeinde das Wildgehege Ende 2012 aufgrund steigender Kosten schließen wollte, sprang der Förderverein Dorf und Natur in Bresche. Neben der Hege und Pflege des Tierbestands engagieren sich zahlreiche ehrenamtliche Helfer, den Wildpark als Lernort Natur zu erhalten und auszubauen. dis

Im Wildpark spiegele sich diese Situation für das Schwarzwild durch Fütterung und sicherere Unterstände wider, resümiert Eskildsen. Um den Bestand im Gatter zu regulieren, würde das Gros der Überläufer, also der einjährigen Schweine, nach der Geburt einer neuen Generation durch einen schnellen und gezielten Abschuss entnommen. „Das ist vor ein paar Tagen bereits geschehen“, sagt Eskildsen. Und um den Gen-Pool aufzufrischen, komme im Frühjahr eine neue Bache hinzu. Die niedlichen Frischlinge, die von mehreren Aussichtspunkten sowie an zwei Futterstellen gut, teilweise sogar aus nächster Nähe beobachtet werden können, behalten ihr markantes gelbbraun gestreiftes Jungtierfell rund vier Monate. „Wir hoffen, dass viele Naturliebhaber die Gelegenheit nutzen, sich die Kinderstube bei einem Advents- oder Weihnachtsspaziergang anzuschauen“, sagt Eskildsen. Aber auch das Dam- und das Rotwild, dass jetzt nach zeitplangemäßer Brunft im Oktober etwas ruhiger und träger geworden ist, lohne den einen oder anderen Blick. Deren Kälber werden allerdings erst im Frühsommer erwartet.

Dirk Schneider