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Ostholstein Fünf bewegende Flüchtlingsschicksale
Lokales Ostholstein Fünf bewegende Flüchtlingsschicksale
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22:58 12.02.2015
„Wir haben ein positives Problem“, stellte Lutz Tamchina zu Beginn des Vortrags fest — ob des großen Andrangs waren die Stühle knapp. Quelle: Fotos: bk
Eutin

Fünfzehn Meter lang und fünf breit: So groß sei das Schlauchboot gewesen, mit dem er übers Mittelmeer von Libyen nach Malta geflohen sei, erzählt Hashi Bashir Askar. Es ist einer der Momente, in denen es am Mittwochabend ganz still wird in der Kreisbibliothek.

Rund 100 Gäste waren zur Veranstaltung „Zeitzeugen unter uns: Krieg und Flucht 1945 und heute“ gekommen, zu der der Friedenskreis, der Arbeitskreis 27. Januar, die Amnesty-Ortsgruppe und die Bibliothek eingeladen hatten. Zwei Stunden hörten sie gebannt den Geschichten der Zeitzeugen zu. Erzählt wurden fünf Schicksale: eine Geburt und glücklichen Rettung am Ende des Zweiten Weltkrieges, die Erlebnisse eines jungen Soldaten zu dieser Zeit, der Flüchtlingstreck einer Familie aus Pommern, die Flucht eines jungen Afghanen — und Hashis Odyssee.

2008 sei er zuletzt in seiner von Warlords und Terrorgruppen regierten Heimat gewesen, erzählt der Somalier. Seit dem vergangenem Sommer lebt der 21-Jährige in Eutin. Dazwischen, so schildert er eindringlich, liegen zig Kilometer, zurückgelegt zu Fuß, in Bussen, zusammengepfercht mit hundert anderen auf einem Lkw sowie im Gummiboot — und viele traumatische Erfahrungen. Mitflüchtende sterben, er kommt ins Gefängnis, wird krank. „Ich wollte nicht mehr leben“, sagt Hashi rückblickend.

Es ist wohl die dramatischste Geschichte, die an diesem Abend erzählt wird. Sofern man Flucht- Schicksale derart bewerten mag. „Wir sind alle zusammengeblieben, dass ist ein unschätzbarer Wert“, bilanziert Ingeborg Scharf (81) ihre Flucht aus Pommern. An deren Ende kommt sie, nach Wochen des Versteckens im Wald vor den Sowjets, mit ihrer Familie nach Schleswig-Holstein. Lutz Tamchina wird als Baby zunächst in ein Säuglingsheim gebracht, damit sich seine Mutter auf die Suche nach dem Treck mit seinen Brüdern machen kann. „Drei gegen eins“, habe sie einmal gesagt. Schweigen im Publikum.

Dem schwachen Säugling nimmt sich schließlich eine amerikanische Familie an, ehe Tamchina zurück zur eigenen kann. Kurz nur ist die Flucht von Abdullah Ghaznawi (26). Mit dem Flugzeug kommt er nach Deutschland. In Kabul hätte der Klinikmitarbeiter Terroristen Patienten-Informationen für Attentate liefern sollen. „470 Euro“, sind die Worte, mit denen er das Publikum packt. Kein Schweigen, sondern Raunen. So viel bezahle er für ein Anwaltsschreiben im Zuge des Asylverfahrens. Ob er bleiben darf, weiß Abdullah, der derzeit eine Ausbildung zum Kaufmann im Gesundheitswesen macht, noch nicht.

Hashi hat inzwischen eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis bekommen und holt seinen Realschulabschluss nach. Er könne sich vorstellen, Handwerker zu werden, antwortete er auf Nachfrage aus dem Publikum, das voller Sympathie für die jungen Flüchtlinge ist.

„Die Politik sagt immer, wir brauchen junge Zuwanderer, die gut ausgebildet sind. Hier haben wir zwei, die auch noch gut deutsch sprechen — wie passt das zusammen?“, erbost sich ein Herr angesichts der aufreibenden Asylverfahren. Wie es sein kann, dass 1945/46 Millionen Flüchtlinge versorgt werden konnten, nun aber Tausende nicht, fragt Scharf. Die Antwort folgt von einem Gast: „Wir brauchen mehr Mut.“

Ein Flüchtlings-Café für Eutin?
Eine Begegnungsstätte der besonderen Art hat der Eutiner Friedenskreis im Sinn: Am Mittwochabend hatte dessen Vorsitzender Peter Bethke bekannt gegeben, dass man derzeit nach einem passenden Raum in der Stadt suche, in dem Flüchtlinge und Eutiner gemeinsam und regelmäßig — geöffnet sein soll der Treffpunkt täglich — zusammenkommen können. Wie genau das Projekt getragen, finanziert und gestaltet werden soll, ist noch offen.

Britta Kessing