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Ostholstein Gedenken an das Grauen – und der Blick in die Zukunft
Lokales Ostholstein Gedenken an das Grauen – und der Blick in die Zukunft
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20:10 20.11.2017
Bei der Zeremonie zum Volkstrauertag in Süsel gedachten die Teilnehmer der Schrecken des Zweiten Weltkrieges und des Todesmarsches.
Bei der Zeremonie zum Volkstrauertag in Süsel gedachten die Teilnehmer der Schrecken des Zweiten Weltkrieges und des Todesmarsches. Quelle: Foto: E. Meier
Süsel

„Dieser Tag stört unsere oberflächliche Geschäftigkeit“, sagte die Vertreterin der Gemeinde, „und schnell stellt sich die Frage, ob er noch in unsere Zeit passt.“ Schließlich liege der Zweite Weltkrieg mittlerweile über 70 Jahre zurück. „Es gehört nicht viel dazu, nach einem Schlussstrich unter die Erinnerung zu rufen. Doch das ist zu leicht“, erklärte Meininghaus. Auch drei Generationen nach dem Ende des unseligen Krieges hätten nicht alle Getöteten ein würdiges Grab gefunden, viele Schicksale seien immer noch nicht aufgeklärt. „Und wir erinnern uns der Millionen Menschen, die auf Todesmärsche geschickt wurden. In der Ferne – und ganz nah bei uns.“

Pastor Matthias Hieber ergänzte: „Die Erinnerung an dieses Leid weckt die Sehnsucht nach Versöhnung und Frieden. Darin liegt neben dem Gedenken an die Toten die stets aktuelle Bedeutung des Volkstrauertages. Darum hören wir Worte aus der Bibel, die uns Hoffnung geben und Kraft für die Vergangenheit und die Zukunft.“

Nach dem letzten Lied in der Kirche machte sich die Gemeinde auf den Weg zur Stele, die in direkter Linie nach Osten 100 Meter von der Kirche entfernt an den Todesmarsch erinnert, der auch durch Süsel führte. An Ort und Stelle zitierte Swantje Meininghaus aus erschütternden Berichten von Überlebenden und Zeitzeugen jener verhängnisvollen Tage des Todesmarsches unmittelbar vor Kriegsende. Meininghaus: „Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hat gar nicht reagiert, sondern hinter der Gardine gestanden und sich das angeschaut.“ Menschen überlebten den Krieg, führte sie aus, die Vernichtungslager, den Todesmarsch – und wurden dann am 3. Mai 1945 auf der „Cap Arcona“ bombardiert und ertranken in Sichtweite des rettenden Ufers. Wurden, endlich an Land, erschossen oder erschlagen. „Entsetzlich. Grauenhaft. Unfassbar. Auch das gehört zu meiner, zu Ihrer, zu unserer Heimat“, sagte sie. „Wir alle sind aufgefordert, eine Heimat zu schaffen, in der wir in Zukunft leben wollen.“

Es dürfe nie wieder ein Weg zurück in den Nationalismus führen. Swantje Meininghaus beendete ihre Rede mit dem Worten: „Unsere friedliche Zukunft liegt in Europa. Und Europa beginnt hier in der Heimat, vor der Haustür und im eigenen Kopf.“ Daraufhin geschah etwas, was die Teilnehmer derartiger Feiern nur sehr selten erleben: Die Zuhörer spendeten lang anhaltenden Beifall.

Von Eckhard Meier