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Ostholstein Tausende starben: Neustadt erinnert an die „Cap-Arcona“-Katastrophe
Lokales Ostholstein Tausende starben: Neustadt erinnert an die „Cap-Arcona“-Katastrophe
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16:49 03.05.2019
Der 74. Jahrestag der „Cap-Arcona“-Katastrophe wurde am Ehrenfriedhof in Neustadt begangen. Quelle: Sebastian Rosenkötter
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Neustadt

Sie legen Gedenkkränze nieder, verneigen sich und blicken auf die Inschrift. Sie zeigt, dass am 3. Mai 1945 mindestens 7000 Menschen starben. Die Toten waren KZ-Häftlinge. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs bombardierten britische Streitkräfte die „Cap Arcona“ und die „Thielbek“. „Auf beiden Schiffen brach die Holle los“, sagt Martine Letterie. „Die Gefangenen versuchten, ihr Leben zu retten, aber das gelang nur wenigen. Die meisten ertranken oder verbrannten.“

Die Vizepräsidentin der Amicale Internationale KZ Neuengamme, ein Dachverband ehemaliger KZ-Häftlinge, steht unterhalb der Neustädter Schön-Klinik. Zahlreiche Menschen – teils aus anderen europäischen Ländern – sind angereist. Viele kommen Jahr für Jahr wieder, wollen an die Geschehnisse vor 74 Jahren erinnern. Letterie erzählt von am Strand erschossenen Menschen, von Briten, die die „Cap Arcona“ für einen deutschen Truppentransporter hielten, und von deutschen Streitkräften in Nordwestdeutschland, die nur einen Tag später bedingungslos kapitulieren.

Erinnerung an Tausende Tote

Ehemaliger Zwangsarbeiter überlebte die „Cap Arcona“

Jewgenij Malychin ist Ukrainer. Als 17-Jähriger wurde er nach Deutschland verschleppt. Er war einer von Millionen Zwangsarbeitern. Nach einem Fluchtversuch kam er ins Konzentrationslager Neuengamme und wurde auf die „Cap Arcona“ gebracht. Er ist einer der letzten Zeitzeugen und Überlebenden und hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine Geschichte zu erzählen. „Wir müssen alles tun, damit die junge Generation etwas über die Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs erfährt. Damit sie sich immer erinnern und den Frieden bewahren“, sagt Jewgenij Malychin.

Erst Luxusdampfer, dann Massengrab

Die „Cap Arcona“ wurde 1927 von der Hamburger „Blohm + Voss“-Werft gebaut. Weit mehr als 1000 Passagiere und Hunderte Crew-Mitglieder fanden auf dem Schiff Platz. Die Fahrten führten unter anderem nach Südamerika. Warum die „Cap Arcona“ später von den Nazis genutzt wurde, kann hier nachgelesen werden.

Die Geschichte eines Großvaters

Nicole Duijkers ist erstmals in Neustadt. Die Enkelin des ehemaligen KZ-Häftlings Jan Duijkers hat ihren Großvater nie kennengelernt. Er starb in der Ostsee vor Neustadt. Sie kennt ihn nur von Erzählungen und alten Briefen. Ihre Gefühle ihm gegenüber sind ambivalent. Während ihr Vater und ihre Oma Jan Duijkers als einen charmanten, weltgewandten Mann beschreiben, der einen Nachtsicherheitsbetrieb aufbaute und im Widerstand aktiv war, fand sie auch Hinweise auf eine andere Seite. Aus Dokumenten geht hervor, dass er mit niederländischen Nazi-Größen verkehrte und Geschäfte mit ihnen tätigte.

„Was mein Opa auch getan haben mag, die Inhaftierung in einem Konzentrationslager hat niemand verdient“, betont sie. Seine Geschichte müsse immer wieder erzählt werden, da sie erkennen lasse, wie wichtig ein Rechtsstaat sei. „Dieser beschützt die Bürger gegen extreme Auswüchse, wodurch sie nicht nur keine Opfer werden, sondern auch keine Täter“, verdeutlicht Nicole Duijkers.

Am Strand erschossen, Täter nie ermittelt

Die „Cap-Arcona“-Katastrophe zog mehrere strafrechtliche Verfahren nach sich. Das letzte wurde im November 2015 eingestellt. Es ging um den Mord an 208 Juden. Der Leiter des „Cap-Arcona“- Museums Wilhelm Lange sprach gegenüber den LN im April 2018 vom „Judenmord in Neustadt in Holstein“. Was genau passierte, ist hier nachzulesen.

Aufklären, Erinnern und Radikalismus verhindern

Auch Neustadts Bürgermeister Mirko Spieckermann (parteilos) spricht sich nicht nur gegen ein Vergessen aus, sondern blickt auch in die Zukunft. Insbesondere jüngere Menschen müssten wissen, „wie es zu der unheilvollen Entwicklung in Deutschland kommen konnte und welche Auswirkungen und Folgen damit verbunden waren.“ Schließlich seien sie es, die bald politische Verantwortung übernehmen würden. „Aus diesem Grund ist es wichtig, die leidvolle Geschichte des eigenen Volkes zu kennen und daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Nur dann wird es möglich sein, sich gegen Demagogie und Radikalismus zu wehren.“

Schüler drehen „Cap-Arcona“-Film

Zwölf Jugendliche von drei Neustädter Schulen haben im September 2017 zusammen mit Filmemacher Jens Westen einen beeindruckenden Film über die „Cap-Arcona“-Katastrophe geschaffen.

Ziel des Projekts war es, Toleranz aufzubauen und gegen Vorurteile anzugehen. Details zu dem Film, die Dreharbeiten und einen Trailer gibt es auf LN-Online.de/Ostholstein

Sebastian Rosenkötter

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