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Ostholstein Ortsbesuch in Süsel: Wie zwei Drittklässler eine ganze Schule drangsalieren
Lokales Ostholstein Ortsbesuch in Süsel: Wie zwei Drittklässler eine ganze Schule drangsalieren
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07:03 15.11.2019
Michael Bergmann unterrichtet Schüler der dritten Klasse aushilfsweise im Sitzungssaal des Süseler Rathauses. Quelle: Ulrike Benthien
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Süsel

Die Grundschule Süsel erregte schon Anfang des Jahres großes Aufsehen: Es gebe auffällige Kinder, die Hilfe bräuchten. Schulleiterin Swantje Popp-Dreyer selbst hatte im Februar im Schulausschuss der Gemeinde um Hilfe in Form von mehr Stunden für Schulsozialarbeit gebeten.

Diese Kinder, so wurde damals vorgetragen, würden treten, beißen, schlagen und auch auf Lehrer losgehen. Die Lage beruhigte sich zunächst, ist aber seit rund zwei Wochen schlimmer denn je. Vater Michael Bergmann spricht für etliche Eltern: „Die Kinder haben Angst, einige Panik, in die Schule zu gehen.“

Mit Fehlen der Klassenlehrerin eskalierte die Lage in der Klasse

Grund für die Eskalation scheint die Erkrankung der Klassenlehrerin und stellvertretenden Schulleiterin zu sein. „Sie hatte die Klasse einigermaßen im Griff, auch wenn es immer den einen oder anderen Vorfall gab“, sagt Michael Bergmann.

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Mit ihrem Fehlen hätten Gewalttätigkeiten sprunghaft zugenommen. Es gebe mehrere auffällige Kinder, aber zwei Jungen würden besonders herausstechen, sagt der Klassenelternbeiratsvorsitzende Robert Graf.

Schlimme Drohungen: Kehle aufschlitzen und Prügel

„Einem Kind ist angedroht worden: ,Ich schlitz’ dir die Kehle auf’“, schildert Michael Bergmann. „Ein Kind ist auf der Treppe attackiert worden. Einem Kind wurde ein Stuhl ins Gesicht geworfen. Die Kinder werden um Essen und Sachen erpresst. Wenn sie sie nicht herausgeben wollen, drohen ihnen Prügel“, erzählt Bergmann weiter. „Sie werden auf dem Schulhof verfolgt und gehetzt. Es wird getreten, geschlagen, einer der beiden Jungen beißt mit Vorliebe. Außerdem haben beide eine üble Ausdrucksweise – da fallen Begriffe, die haben die anderen Kinder noch nie gehört.“

Auch Bergmanns Tochter ist von einem dieser Mitschüler angegriffen worden: „Am Pausenende ist sie auf dem Schulhof von hinten gewürgt worden. Der Junge hatte seinen Unterarm unter ihrem Kinn an ihren Hals gepresst. Er hat umso mehr zugedrückt, je näher die anderen Kinder kamen, um ihr zu helfen“, sagt Bergmann.

Die Grundschule Süsel hat große Probleme mit gewalttätigen Schülern. Quelle: Ulrike Benthien

Kinder nehmen die täglichen Ereignisse schon als normal hin

Die beiden Jungen drangsalierten ihre Mitschüler schon seit der 1. Klasse, schildert Robert Graf: „Es gibt eigentlich jeden Tag einen Vorfall. Die Kinder empfinden es schon beinahe als normal – aber an anderen Schulen ist das nicht normal.“

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Die besagten Jungen seien selbst auch aneinander geraten. „Der eine hat den Kopf des anderen auf den Steinboden geschlagen. Dafür wurde er in den Bauch gebissen und hatte eine blutende Wunde“, gibt Michael Bergmann die Ereignisse nach Berichten Anwesender wieder.

Eltern unterrichten Kinder im Süseler Rathaus

Nicht alle Eltern, aber die meisten stehen derzeit in ständigem Kontakt miteinander. Zum Teil haben sie ihre Kinder in den vergangenen Tagen zu Hause behalten. Um auf sich aufmerksam zu machen, haben mehrere beschlossen, die Mädchen und Jungen außerhalb der Schule zu unterrichten.

„Der Bürgermeister hat uns dafür den Sitzungssaal im Rathaus zur Verfügung gestellt“, sagt Michael Bergmann, der als Mathe-Vertretung aktiv war. In Pausengesprächen hat er von den Kindern etwas gehört, was ihn erschüttert hat: „Sie haben erzählt, dass sie sich wünschen, dass ihre Klasse ruhiger und nicht mehr ,die Horrorklasse’ genannt wird.“

Eltern verlangen sofortige Maßnahmen

Die Mehrzahl der Eltern fühlt sich von der Schulleitung alleingelassen. „Meine persönliche Meinung ist, dass viel zu lange gewartet wurde. Die Schulleiterin hat die Vorfälle unterschätzt. Dabei hat sie genug Hinweise erhalten, von Lehrern und Eltern“, sagt Robert Graf.

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Als Klassenelternbeiratsvorsitzender kündigt er an: „Wir haben einen Forderungskatalog aufgestellt und verlangen Sofortmaßnahmen: Die betreffenden Kinder müssen unter ständige Aufsicht. Wenn sie sich nicht benehmen, müssen sie von Klassenaktivitäten wie Kino-Besuch und Weihnachtsfeier ausgeschlossen werden.“

Konferenzbeschluss: Ausschluss vom Unterricht für mehrere Tage

Schulleiterin Swantje Popp-Dreyer ist seit Anfang der Woche krankgeschrieben, hat aber dennoch am Mittwochnachmittag eine Klassenkonferenz bei sich zu Hause abgehalten. „Wir haben Ordnungsmaßnahmen ergriffen. Die beiden Kinder werden einige Tage vom Unterricht ausgeschlossen. Wenn sie wieder in der Schule sind, müssen sie sich in der Pause in der Nähe der Schulassistenz aufhalten.“

Das Jugendamt sei informiert worden, sagt die Schulleiterin. Sie gehe davon aus, dass sich mit Rückkehr der Klassenlehrerin alles wieder positiv gestalte. „Manche Kinder sind sehr personenfixiert.“ Dass ein Junge Mitschüler mit der Drohung „ich schlitz’ dir die Kehle auf“ geschockt habe, sei ihr nicht bekannt. „Aber es wird nicht immer alles im Detail weitergetragen“, sagt Swantje Popp-Dreyer.

Bürgermeister: Nichts unter den Teppich kehren

Bürgermeister Adrianus Boonekamp (CDU) ist über die Zustände an der Grundschule entsetzt und verärgert: „Es kann nicht sein, dass wir als Schulträger nicht von der Schulleitung, sondern von Eltern informiert werden. Solche Vorkommnisse dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden.“

Er sorge sich um den Schulstandort Süsel: „Da muss man Angst haben, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr hier anmelden, sondern nach Pönitz oder Eutin gehen.“ Ihm täten auch die Schüler leid: „Die einen benötigen Hilfe. Die anderen sollen gern zur Schule gehen und im Unterricht nicht gestört werden.“

Ministerium schickt zusätzliche Schulleitung

Die Gewährleistung eines sicheren und reibungslosen Unterrichtsbetriebs in Süsel sei auch vorrangiges Ziel des Bildungsministeriums, teilt Sprecher David Ermes auf Anfrage mit. Außerdem stünden Hilfesysteme bereit, um den beiden auffälligen Schülern die nötige Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen. Eine Vielzahl von Maßnahmen und Hilfestellungen habe es auch bisher schon für die Schule gegeben. Sie werde durch die Schulaufsicht betreut.

Ermes bestätigte, dass zwei Schüler auf Beschluss der Klassenkonferenz vom Mittwoch suspendiert worden seien. „Für zunächst fünf Tage. Diese Suspendierung kann verlängert werden“, sagt der Sprecher. Nach Rücksprache mit dem Schulrat vor Ort habe das Bildungsministerium außerdem veranlasst, dass spätestens am kommenden Montag eine in solchen Situationen erfahrene Schulleitung zusätzlich an die Grundschule Süsel komme.

Der Vater eines der beiden Jungen wollte sich auf LN-Anfrage nicht zu den Vorgängen äußern. Die Mutter des anderen Neunjährigen war nicht erreichbar.

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Von Ulrike Benthien

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