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Ostholstein Grabungen an der Belttrasse: Das haben die Archäologen gefunden
Lokales Ostholstein Grabungen an der Belttrasse: Das haben die Archäologen gefunden
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20:11 06.11.2019
Klein, aber aufschlussreich: Alissa Foltin zeigt verkohlte Getreidekörner, die ebenfalls im Oldenburger Bruch gefunden wurden. Funde wie diese lassen Rückschlüsse auf die Ernährung der Menschen in der jüngeren Bronzezeit zu. Quelle: Luisa Jacobsen
Oldenburg

Rolf Schulze zeigt auf die Überreste eines Hundeschädels auf einem Tisch im Refektorium des Oldenburger Wallmuseums. „Er ist etwa 1700 Jahre alt“, erklärt er. „Der Hund ist das älteste Haustier des Menschen.“ Bevor man begann, sich „Schoßhunde“ zu halten, wurden sie zur Jagd und zur Bewachung eingesetzt. Ob die damaligen Besitzer um den kleinen Hund getrauert haben, kann heute niemand mehr sagen. Doch dass das Tier rasch nach seinem Tod begraben wurde, davon kann Rolf Schulze ausgehen. „Sonst wäre er gar nicht so gut erhalten geblieben“, sagt der Archäologe.

Archäologen waren zwei Jahre im Einsatz

Gefunden wurde der Hund in Oldenburg bei Ausgrabungen entlang der geplanten Schienenanbindung zur festen Fehmarnbeltquerung (FFBQ). Zweieinhalb Jahre lang, zwischen August 2017 und September 2019, haben Wissenschaftler unter der Leitung des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein (ALSH) insgesamt 130 000 Quadratmeter landwirtschaftliche Fläche geöffnet und untersucht. Einige ausgewählte Stücke wurden am Mittwoch im Oldenburger Wallmuseum erstmals von beteiligten Ausgrabungsleitern vorgestellt. Sie erlauben einen Einblick in die Landesgeschichte von der Steinzeit bis zum Mittelalter – und zeigen mitunter auch erstaunliche Parallelen zur heutigen Zeit.

In Oldenburg wurden die Überreste dieses Hundes gefunden. Nach den Erkenntnissen der Experten wurde er nach seinem Tod beerdigt. Quelle: Luisa Jacobsen

Getreide aus Beschendorf: Damals verbreitet, heute Bio

Auf dem Tisch neben dem Hundeschädel erläutert Alissa Foltin sehr viel kleinere Funde, die Einblick in die Ernährung der Menschen in Ostholstein geben: verkohlte Emmerkörner aus der jüngeren Bronzezeit. „Das sind Getreidekörner, die damals sehr verbreitet waren“, sagt sie. Heute findet die Weizenart langsam zurück in die Ernährungsindustrie – und zwar im Bio-Bereich. Auch mitgebracht hat Alissa Foltin Gerstenkörner und einige Fischknochen, größtenteils vom Hecht. Das Getreide stammt aus einer Grabungsstelle bei Beschendorf. Der Hecht kommt aus einer Ausgrabung im Niederungsgebiet des Oldenburger Grabens.

Lesen Sie auch: Hölzerne Funde verzücken Archäologen

Einzigartiger Fund: Wagenachsen bei Oldenburg

Die dortige Fundstätte datiert in die Epochen der Jungsteinzeit und Bronzezeit. Das feuchte Bodenmilieu (Torf) habe „unglaublich gute Bedingungen zur Erhaltung von organischem Material geboten“, erklärt Mirjam Briel – ebenfalls eine der Ausgrabungsleiterinnen. Zahlreiche Funde dokumentierten dort menschliche Aufenthalte über einen Zeitraum von etwa 2000 Jahren hinweg. Herausragend – weil bisher einzigartig in Schleswig-Holstein – sei dabei die Entdeckung zweier hölzerner Wagenachsen, die in der späten Jungsteinzeit in die Moorschichten gerieten. Hinzu kommen zahlreiche hölzerne Pfähle, auch Schädel- und Kieferknochen, die derzeit naturwissenschaftlich datiert und anthropologisch untersucht werden.

Nach zweieinhalb Jahren Ausgrabungszeit präsentieren die Wissenschaftler ihre Fundstücke. Sie lassen Rückschlüsse auf das Leben in Ostholstein von der Steinzeit bis zum Mittelalter zu.

Parallelen zur heutigen Zeit finden sich auch bei den steinzeitlichen Fundstücken, die Archäologe Andreas Schütterle an einem anderen Tisch erläutert: „Fast alle Werkzeuge von damals gibt es auch heute noch.“ Gefunden wurden Äxte und Beile, Bohrwerkzeuge, Klingen, Schaber und mehr aus Feuerstein.

„Hacksilber“ aus Heringsdorf

Verändert hat sich hingegen die Sache mit dem Geld: Bei einer Siedlungsgrabung in Heringsdorf sind zwei besondere Silbermünzen zum Vorschein gekommen. „Es handelt sich um Bruchstücke islamischer Dirhams“, sagt Ausgrabungsleiter Marc Kühlborn. Die Münzen können sogar sehr genau datiert werden: Eine entstand zwischen Oktober 803 und Dezember 805 nahe dem heutigen Teheran (Iran). Die zweite Münze stammt aus dem Randbereich des islamischen Einflussgebiets. Sie wurde in der Mitte des 10. Jahrhunderts im Gebiet der Wolga-Bulgaren (heute Tatarstan, autonome Republik in Russland) geprägt. Anders als heute habe bei den Münzen damals der Wert des Silbers gegolten und nicht das, was auf den Scheinen oder Münzen draufstehe, erklärt Kühlborn. Daher seien die Münzen mitunter zum Bezahlen zerhackt worden.

Fotos, die während der Arbeit gemacht wurden, dokumentieren die Ausgrabungen.

Die Funde sind zahlreich. Was im Wallmuseum präsentiert wird, sind nur ausgewählte Stücke. Insgesamt wurden 30 vom Bauvorhaben der Bahn bedrohte archäologische Denkmale untersucht. Jetzt, wo die Grabungen beendet sind, müssen Ausgrabungsberichte erstellt und die Funde inventarisiert und bei Schloss Gottorf im Depot eingelagert werden. Für die Öffentlichkeit sichtbar sind die Fundstücke erst einmal nicht. Einige von ihnen werden aber vielleicht Eingang in Ausstellungen finden. Zudem planen Bahn und ALSH eine Broschüre zu den Grabungen und Fundstücken. Schließlich sollen ja vor allem die Ostholsteiner erfahren, wie ihre Vorfahren hier einst gelebt haben.

Zahlen und Fakten zu den Ausgrabungen

4,4 Millionen Euro haben die archäologischen Untersuchungen gekostet. Als Verursacher des geplanten Bauvorhabens trägt die Deutsche Bahn diese Kosten.

Fünf Grabungsteams haben 130 000 Quadratmeter Fläche untersucht. Die Fundstätten sind in dem Zeitraum von etwa 3800 v. Chr. (Jungsteinzeit) bis ins Mittelalter (1200 n. Chr.) datiert. Überwiegend wurden Siedlungsspuren wie Gebäude, Brunnen, Öfen und mehr freigelegt – unter anderem bei Oldenburg, Groß Schlamin, einer Ausgrabungsstelle beim Gut Sierhagen, Schashagen und Damlos.

Mehr Infos gibt es auch auf dieser Webseite der Deutschen Bahn 

Von Luisa Jacobsen

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