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Ostholstein Haftstrafe nach Schüssen auf Polizisten
Lokales Ostholstein Haftstrafe nach Schüssen auf Polizisten
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22:29 27.06.2018
Quelle: dpa
Oldenburg

Es klingt wie eine Filmszene, was ein Polizeibeamter gestern vor Gericht schildert. Die Lebensgefährtin des Angeklagten hatte kurz vor Weihnachten die Polizei gerufen; ihr Freund habe sie bedroht.

Vor Ort feuerte der 36-Jährige zunächst durch den Briefschlitz auf die Beamten, trat dann mit Gewehr und Säbel bewaffnet vor die Haustür, um sich anschließend in seiner Wohnung zu verschanzen, einen Böller aus dem Fenster zu werfen und von dort aus erneut auf die Polizisten zu schießen. Für Letztere war nicht zu erkennen, dass die Waffe nicht geladen war. Irgendwann gab er auf, trat vor die Wohnung und legte die Waffe nieder (LN berichteten). Mit angeklagt waren zudem weitere Fälle von Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Raub und Beleidigung.

„Wir waren uns sofort einig, dass wir hier keine Bewährungsstrafe verhängen werden“, sagte Marcel Welzel, Vorsitzender des Schöffengerichts. Dafür – sprich, für eine Freiheitsstrafe von maximal zwei Jahren, ausgesetzt zur Bewährung – hatte die Verteidigung plädiert. Das Gericht folgte stattdessen im Groben dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Letztere hatte drei Jahre Haft als angemessen gesehen.

„Das Urteil muss auch eine Signalwirkung zum Schutz von Polizisten im Einsatz haben“, erläuterte Welzel. Zudem hätten die gravierenden Folgen für den maßgeblich beteiligten Beamten berücksichtigt werden müssen: Weil er sich und seine Kollegen massiv bedroht sah, hatte er selbst zur Dienstwaffe gegriffen und – nachdem der Heiligenhafener auf einen Warnschuss nicht reagierte – schließlich gezielte Schüsse auf dessen Beine abgegeben, aber nicht getroffen.

Nach der Festnahme habe ihn der Heiligenhafener dann nicht nur fortwährend beleidigt, sondern gedroht, ihm und seiner Familie etwas anzutun. Er habe ihn mehrfach mit seinem Namen angesprochen, der auf seiner Weste stand, berichtete der Polizist sichtlich aufgewühlt. Er habe danach lange Zeit nicht schlafen können, habe aus Angst nachts die Kinder aus ihren Zimmern ins Bett der Eltern geholt.

„Ein ergreifender Bericht“, kommentierte Richter Welzel die Schilderungen. Man müsse sich bewusst machen, wie schlimm es auch für einen Polizisten sei, wenn er im Einsatz auf einen Menschen schießen müsse. Er habe „selten einen Fall verhandelt, der so starke Auswirkungen hatte“.

Sogar der Angeklagte selbst sagte, er sei „fassungslos“ angesichts dessen, was er getan habe. Er hatte sich bereits vor der Gerichtsverhandlung bei den beteiligten Polizisten entschuldigt; jetzt betonte er erneut, dass es ihm Leid tue. Mit einer Zahlung von 1000 Euro Schmerzensgeld zeigte er sich sofort einverstanden.

Er habe Alkohol getrunken, Drogen genommen und „die Kontrolle verloren“, sagte er. Jetzt wolle er sich bessern – auch, weil er wegen seiner Abhängigkeit „fast die Frau verloren hätte, die ich liebe“.

Mit seiner 50-jährigen Lebensgefährtin ist er mittlerweile verlobt; es sei „wieder alles so, wie es sein soll“, sagte sie gestern dazu. Der Angeklagte sei „eigentlich ein liebenswerter und hilfsbereiter Mensch“.

Jennifer Binder