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Ostholstein Immer mehr arme Kinder in Ostholstein
Lokales Ostholstein Immer mehr arme Kinder in Ostholstein
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14:53 11.04.2019
Der eine bekommt vier Euro, andere gerade mal 50 Cent: Drei Kinder halten ihr Taschengeld in den Händen. Eine Grundsicherung und der Ausbau von Bildungs- und Betreuungsstrukturen sind nach Ansicht des Kinderschutzbundes entscheidend, um Kinderarmut zu bekämpfen. Quelle: Patrick Seeger/dpa
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Ostholstein

Die Kinderarmut steigt in Ostholstein kontinuierlich an – trotz sinkender Arbeitslosenzahlen und immer mehr Menschen in sozialversicherungspflichtigen Jobs. Ein Problem: das niedrige Lohnniveau in der Pflege- und Gesundheitsbranche und im Tourismus. Gerade dort arbeiten aber viele Alleinerziehende – mit gravierenden Folgen für ihre Kinder. Ein „Runder Tisch gegen Kinderarmut“, zu dem sich 26 Entscheider aus Politik, Jobcenter, Kirche und Verwaltung in Eutin trafen, will jetzt neue Lösungsansätze erarbeiten.

3800 Kinder auf Hilfe angewiesen

Wassersport im Segelverein, Reitunterricht oder musikalische Früherziehung – in den meisten Familien sind diese Möglichkeiten für den Nachwuchs noch selbstverständlich, allerdings nicht in allen. Denn auch wenn die vergangenen Jahre von Erfolgsmeldungen aus der Wirtschaft und vom Arbeitsmarkt geprägt gewesen waren: Die Zahl der Kinder, die in Ostholstein in Bedarfsgemeinschaften leben, steigt und steigt. 2017 waren es 3100 Minderjährige, die auf Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (Hartz IV) angewiesen waren, 2018 zählte das Jobcenter Ostholstein bereits 3800.

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Karsten Marzian, Geschäftsführer des Jobcenters Ostholstein und Teilnehmer des Runden Tisches, sagte dazu: „Mit einer Quote von 12,9 Prozent aller Minderjährigen liegt der Kreis damit zwar unterhalb des Landesdurchschnitts (16,1 Prozent). Doch die Analyse einzelner Altersgruppen zeigt, dass Kinder unter sechs Jahren besonders betroffen sind.“

Armut verursacht Ausgrenzung

Alfred Grüter, Leiter des Fachbereiches Soziales und Jugend beim Kreis, beschrieb die negativen Auswirkungen, die Armut auf die Psyche der Menschen habe. Nichts im Portemonnaie zu haben und ständig alles nachrechnen zu müssen, das verursache ein Gefühl von Ausgrenzung. Eine gesellschaftliche Teilhabe sei somit kaum möglich, sagte Grüter.

Mangel herrsche nach Ansicht der Fachleute vor allem im Bereich der Kinderbetreuung, was nicht nur die Zahl der Betreuungsplätze angehe, sondern auch flexiblere Angebote für Berufstätige. Auch der öffentliche Nahverkehr spiele eine wichtige Rolle. Es sei etwas völlig anderes, ob man in Städten wie Stockelsdorf, Eutin, Neustadt oder Oldenburg lebe oder auf dem platten Land.

Weitere Treffen sollen folgen

Der Runde Tisch, der auf Initiative des Kirchenkreises organisiert wurde, hat noch keine konkreten Ergebnisse. Er war eine erste Zusammenkunft, weitere Treffen sollen folgen. „Es ist schon erstaunlich“, sagte der Sprecher des Kirchenkreises Marco Heinen im Anschluss, „wie viele Entscheider noch gar nicht direkt miteinander gesprochen haben“. Das soll künftig die Regel werden. Am Donnerstag, 11. April, gibt es eine Nachbereitung des Treffens. Besprochen werden soll das weitere Vorgehen und die Terminierung des nächsten Runden Tisches in drei bis vier Monaten.

Hier bekommen Sie Hilfe

Deutscher Kinderschutzbund, Kreisverband Ostholstein, Vor dem Kremper Tor 19, Neustadt, Telefon 045 61/51 23 0, E-Mail: info@kinderschutzbund-oh.de – Unterhaltsvorschusskasse beim Kreis Ostholstein, Kreisverwaltung, Lübecker Straße 41, Eutin, Telefon o45 21/788 0 (Zentrale) – Kinder- und Jugendtelefon, Tel. 0800/111 0 333 (kostenlos)

„Die Kinderarmut ist ein unhaltbarer Zustand. Wir sollten auch über eine Kindergrundsicherung diskutieren, die Kindern mehr Teilhabe ermöglicht“, sagte Synoden-Präses Peter Wendt. Und Kreispräsident Harald Werner ergänzte: „Kinder können selbst nichts gegen Armut unternehmen – sie brauchen uns.“

Louis Gäbler