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Ostholstein „Irdisches Paradies“: Kirchner floh vor 100 Jahren von der Insel
Lokales Ostholstein „Irdisches Paradies“: Kirchner floh vor 100 Jahren von der Insel
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22:40 25.03.2014
So sah Ernst Ludwig Kirchner 1913 den „Hafen Burgstaaken“ mit Hiss- Gebäude. Das Öl-Gemälde entstand in seinem vorletzten Inselsommer.
Fehmarn

Die Insel war sein „irdisches Paradies“. Ein Gegenentwurf zum hektischen Berliner Großstadtleben. 1908 sowie in den Sommermonaten 1912 bis 1914 lebte und malte der „Brücke“-Künstler Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) auf Fehmarn. Dort entstanden über 120 Gemälde und Hunderte von Zeichnungen, die heute weltweit in Museen zu bewundern sind oder bei Auktionen bis zu siebenstellige Höchstpreise erzielen. Was vor einem Jahrhundert noch niemand ahnen konnte: Der große Expressionist Kirchner ist aus heutiger Sicht Fehmarns berühmtester Gast.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges beendete die damalige Idylle abrupt. Fluchtartig musste Kirchner 1914 die Insel verlassen — und sollte sie nie wiedersehen. 100 Jahre danach nimmt der Ernst-Ludwig-Kirchner-Verein Fehmarn diese künstlerische wie biographische Zäsur, die für ihn in eine schwere Lebenskrise mündete, zum Anlass für eine große Kirchner-Jubiläumswoche vom 29. Juni bis 6. Juli.

Im Gespräch mit den LN stellte gestern die kommissarische Vorsitzende Bärbel Neumann das vorläufige Programm dar. Es wendet sich gleichermaßen an Kunstkenner wie an Insulaner, die den bedeutenden Expressionisten und seine Spuren, die er auf Fehmarn hinterlassen hat, kennenlernen wollen.

Dreimal dürfen die Zuhörer den Hauch der großen Kunstgeschichte einatmen. Referentin Dr. Birgit Poppe aus Bochum entführt in Kirchners Leben für die Kunst mit „Sommeratelier“ auf Fehmarn — vor allem als Gast beim Leuchtturmwärter von Staberhuk, der dem Maler sogar zugestand, Akte seiner minderjährigen Töchter zu malen. Ein weiterer Vortrag widmet sich den „Malern des Meeres“ — von Caspar David Friedrich und William Turner bis zu Claude Monet, Paul Gauguin, der Dänin Anna Ancher oder Max Liebermann — und natürlich Kirchner. Und drittens stellt sie den „Wilden“ und den „Malerpoeten“

gegenüber: hier Kirchner, dort August Macke — der bereits 1914 in Frankreich fiel.

Kirchner und Fehmarn: Zahlreiche Aktionen loten die Vielfalt dieses Künstlers aus, ebenso die Bedeutung seiner Fehmarn-Jahre für die Kunstwelt. Schließlich ist es fast für jeden Urlauber von der Insel ein erhebendes Gefühl, in Museen wie Hamburg oder Stuttgart auf ein Fehmarn-Gemälde Kirchners zuzuschreiten. Gezeigt wird am Eröffnungstag „Zeichnen bis zur Raserei“ — ein Film über Kirchner.

Geplant sind ferner Radtouren zu den historischen Kirchner-Stationen — wie etwa die berühmte Scheune auf Staberhof, die sonst öffentlich nicht zugänglich ist, oder regelmäßige Kutterfahrten von Burgstaaken aus an der Ostküste entlang. Es war Kirchners „Südseeparadies“.

Gemeinsam mit der Inselschule wird es ein Schulprojekt zum Thema „Kirchners Leben auf der Insel“ geben. Und in Kooperation mit der Fehmarn-Wege GmbH soll am Radweg von Staberhuk nach Katharinenhof, der künftig nach Kirchner benannt wird, ein Gedenkstein aufgestellt werden. Eine Fahrt nach Hamburg zur Ausstellung „Kirchner — Das expressionistische Experiment“ (vom 29. Mai bis 7. September im Bucerius Kunst Forum) rundet das Jubiläums-Programm ab.

Nach der Jubiläumswoche: Sommerausstellung mit Bildern von Frauke Gloyer
Frauke Gloyer (geboren 1961) gehört zum Kreis der norddeutschen Realisten, die 2013 mit einer Sonderausstellung auf Schloss Gottorf für Aufsehen sorgten. Sie malt im April oder Mai auf Fehmarn, am 6. Juli ist die Vernissage der Ausstellung (8. Juli bis 17. August, Senator-Thomsen-Haus in Burg).

Originale Kirchners auf Fehmarn zu zeigen, bleibt ein Traum. Reproduktionen der Ölgemälde sind in der Dokumentation (Stadtbücherei) zu sehen.
Fehmarn war für Kirchner das irdische Paradies.“
Bärbel A. Neumann, Kirchner-Verein

Gerd-J. Schwennsen