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Ostholstein Kinder in Rollstuhl gezwungen: Mutter aus Ostholstein vor Gericht
Lokales Ostholstein Kinder in Rollstuhl gezwungen: Mutter aus Ostholstein vor Gericht
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07:26 20.08.2019
Am Lübecker Landgericht beginnt der Prozess gegen eine 49 Jahre alte Mutter aus dem Kreis Ostholstein, die ihre vier gesunden Kinder bei Ärzten und Behörden als schwer krank dargestellt haben soll, um Sozialleistungen zu kassieren. Quelle: Rainer Jensen/dpa
Lübeck/Ostholstein

Seit Montag muss sich eine 49-jährige Frau aus dem Kreis Ostholstein vor dem Lübecker Landgericht verantworten. Die Anklage wirft ihr vor, vier ihrer fünf Kinder über Jahre in den Rollstuhl gezwungen zu haben, um Pflegegeld für sie zu kassieren. Offenbar ging es ihr um Geld und Aufmerksamkeit. Insgesamt spricht die Staatsanwaltschaft von etwa 140 000 Euro. Die angeblichen Krankheiten ihrer Kinder soll die Angeklagte mit gefälschten Attesten und Gutachten belegt haben.

Schwere Auswirkungen auf die Kinder

Laut Anklage hatte das dauernde Sitzen im Rollstuhl verheerende körperliche und psychische Folgen für die Kinder. Da sie oft nur 50 bis 80 Schritte am Tag laufen durften, seien ihre Muskeln und Knochen verkümmert. Als angeblich Behinderte im Rollstuhl seien sie sozial isoliert gewesen. Hinzu seien erhebliche Fehlzeiten in der Schule wegen dauernder Arztbesuche gekommen. Bis zu 100 Tage pro Halbjahr hatten die Kinder in der Schule gefehlt. Ein Sohn habe in der dritten Klasse noch nicht lesen können.

Die Ersten Staatsanwältinnen Renate Hansen und Dorothea Röhl vertreten die Anklage. Die eine ist zuständig für die der Frau vorgeworfene Misshandlung von Schutzbefohlenen, die andere für den Betrug an Krankenkassen, Pflegekassen und dem Kreis Ostholstein als Träger der Kinder- und Jugendhilfe. „Sie fügte ihren Kindern erhebliche Leiden zu“, sagte Hansen bei der Verlesung der Anklageschrift über die Mutter.

Es begann mit einem gesunden Kind

Hansen ging darauf ein, wie alles angefangen habe. Das dritte Kind des Ehepaares K., Lukas (alle Namen geändert), Jahrgang 2002, erhielt in Folge eines von Geburt an bestehenden Hüftschadens Pflegestufe eins. Als sich 2012 herausstellte, dass er Junge wieder gesund war, wurde das Pflegegeld gestrichen. Ab dann, so die Anklage, habe die Mutter vorgetäuscht, dass ihre Kinder krank seien.

In der Folge mussten die drei Söhne Lukas, Leander (Jahrgang 2005) und Leon (Jahrgang 2008) in der Öffentlichkeit stets im Rollstuhl sitzen. Der jüngste Sohn sei bereits in der Vorschulzeit dazu gezwungen worden. Die abgeblichen Diagnosen: Glasknochenkrankheit, Bluterkrankheit, Asthma, Rheuma und vieles andere.

Mit Querschnittslähmung gedroht

Der Kreis Ostholstein stellte Schulbegleiter, denen eingebläut wurde, die Kinder keinesfalls selbst gehen zu lassen. Es habe Vorgaben gegeben, wie viele Schritte die Kinder am Tag gehen durften. Die Mutter soll ihren Kindern eingeredet haben, dass sie querschnittsgelähmt würden, wenn sie sich nicht daran hielten. Das bedeutete: keinen Schulsport, kein Spielen. „Das Kind hätte aus ärztlicher Sicht an allen Aktivitäten teilnehmen können“, heißt es dagegen in der Anklage über Leander.

Münchhausenals Namensgeber

Das Münchhausen-Syndrom bezeichnet eine Störung, bei der jemand für sich selbst eine Krankheit erfindet, sie schlimmer macht, als sie ist, oder sie gar verursacht, um sich Aufmerksamkeit zu sichern. Wird die Erkrankung einem Angehörigen, meistens dem eigenen Kind, angedichtet oder bei ihm verursacht, spricht man von Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom oder dem Münchhausen-by-proxy-Syndrom.

Der bekannteste Fall ist der von Gypsy Rose Blancharde aus den USA. Ihre Mutter Dee Dee behandelte das Mädchen über 20 Jahre lang wie eine Schwerkranke, die fortwährend im Rollstuhl sitzt. Mit 23 Jahren lernte sie über Internet einen Mann kennen, der für sie ihre Mutter erstach. Der Dokumentarfilm „Mommy Dead and Dearest“ erzählt ihre Geschichte.

Was das Leben als angebliche Kranke für die Kinder bedeutete, wird deutlich, als sich das Gericht eine Sendung von „Stern-TV“ ansieht. Die Mutter war als eine Art Supermutti in etlichen Fernsehsendungen aufgetreten. In dem Filmbeitrag tröstet sie ein bitterlich weinendes Kind, das Angst vor den Spritzen hat. Nach LN-Informationen sollen bei einer Durchsuchung des Hauses von Familie K. Medikamente im Wert von einer Million Euro gefunden worden sein.

Gewalt in der Familie

Erste Zeugin im gestrigen Prozess war Lara, Jahrgang 1992, das älteste Kind des Ehepaars. Die junge Frau verzichtete auf ihr Aussageverweigerungsrecht, das ihr als nahe Angehörige der Anklagten zusteht. Lara zog 2013 oder 2014, so genau weiß sie das nicht mehr, aus. Sie widersetzte sich den angeblichen Diagnosen ihrer Mutter, ließ sich unabhängig von ihr untersuchen und sich Entwarnung geben. Die Zeugin berichtete von Gewalt, die von ihrer Mutter ausgegangen sei. Es habe Schläge gesetzt, die Kinder seien mit Gegenständen beworfen worden.

Ihr sei schon der Verdacht gekommen, dass die Krankheiten nur vorgetäuscht waren, erzählte sie dem Gericht. „Meine Brüder saßen immer im Rollstuhl, wenn Gutachter oder Leute zu Besuch da waren. Dann sollten sie besonders krank tun und nicht viele Sachen machen.“ Sie hätten sogar übertreiben sollen, um den Behindertenstatus nicht zu verlieren. In diesem Falle werde die Familie nicht so viel Geld haben und könne nicht so schöne Sachen kaufen.

Kreis Ostholstein erstattete Anzeige

War kein Besuch da, hätten ihre Geschwister nicht im Rollstuhl gesessen, sondern ganz normal draußen gespielt. Das fiel offenbar auch Nachbarn auf. Sie schalteten das Jugendamt ein, weil ihnen das komisch vorkam. Der Kreis Ostholstein erstattete schließlich Anzeige, so kam das Verfahren ins Rollen. Etwa um diese Zeit kletterte die Tochter Laura (Jahrgang 2000) aus dem Fenster ihres Kinderzimmers und vertraute sich dem Jugendamt an. Als Zeugin vor Gericht verweigerte sie die Aussage.

Im Herbst 2016 nahm das Jugendamt der Mutter ihre Kinder weg. Die drei Söhne sollen nach LN-Informationen inzwischen wieder bei ihr leben. Gestern sollten die Brüder als Zeugen aussagen. Sie erschienen nicht. Das Gericht ordnete die polizeiliche Vorführung der beiden ältesten an, die heute 14 und 17 Jahre alt sind. Dem elfjährigen Leon erspart die Kammer diese Erfahrung.

Am Lübecker Landgericht beginnt der Prozess gegen eine 49 Jahre alte Mutter aus Ostholstein, die ihre vier gesunden Kinder bei Ärzten und Behörden als schwer krank dargestellt haben soll, um Sozialleistungen zu kassieren.

Gerichtlicher Dienst bescheinigt Verhandlungsfähigkeit

Die Angeklagte blieb zu Beginn des Prozesses ihrem Muster treu. Sie legte am vergangenen Freitag ein Attest vor. Darin wird ihr Verhandlungsunfähigkeit bescheinigt. Die Kammer schaltete den gerichtsärztlichen Dienst ein. Der teilte mit, dass die Verhandlungsfähigkeit der Angeklagten nicht relevant eingeschränkt sei. So nahm der Prozess nach diversen verfahrenstechnischen Unterbrechungen seinen Verlauf.

Er wird am Donnerstag, 22. August, um 9 Uhr im Lübecker Landgericht an der Schwartauer Allee fortgesetzt. Insgesamt sind zehn Verhandlungstage anberaumt und 43 Zeugen sowie sechs Sachverständige geladen.

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Von Susanne Peyronnet