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Ostholstein So wird armen Familien geholfen
Lokales Ostholstein So wird armen Familien geholfen
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19:00 06.05.2019
Die beiden Geschäftsführer des Ostholsteiner Kinderschutzbundes Martin Liegmann (l.) und Henning Reimann fordern mehr Engagement gegen Kinderarmut.
Die beiden Geschäftsführer des Ostholsteiner Kinderschutzbundes Martin Liegmann (l.) und Henning Reimann fordern mehr Engagement gegen Kinderarmut. Quelle: Sebastian Rosenkötter
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Neustadt

 Die Geschäftsführer des Ostholsteiner Kinderschutzbundes schlagen Alarm. „Kinderarmut ist die größte Bedrohung für unsere Demokratie“, warnt Martin Liegmann. Sein Kollege Henning Reimann ergänzt, dass es darum gehe, staatliches Versagen abzufedern, die Lebenswirklichkeit von Tausenden Kindern anzuerkennen und dieses Wissen in Handlungen umzuwandeln.

Kinderarmut ist für die Mitarbeiter des Kinderschutzbundes Alltag. Sie erleben, wie Eltern die Gebühren für das Mittagessen ihres Nachwuchses nicht bezahlen können, wie Kinder aus Kitas abgemeldet werden und das Geld für den Besuch einer Offenen Ganztagsschulen fehlt. Nach Angaben von Henning Reimann ist die Zahl der Mädchen und Jungen, die auf Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch – also Hartz IV – angewiesen sind, in den vergangenen Jahren stark gestiegen.

Verdienst in Ostholstein ist niedriger

Aktuell seien das in Ostholstein fast 1100 Alleinerziehende mit 1800 Kindern sowie 900 Partnergemeinschaften mit 2200 Kindern. Ähnliche Zahlen hatte Karsten Marzian, Geschäftsführer des Jobcenters Ostholstein, vor wenigen Wochen genannt. Hinzu kämen die Personen, die knapp mehr verdienen und in sogenannten prekären Verhältnissen leben würden. Ein Grund für die Situation sind geringere Durchschnittslöhne als in anderen Kreisen und Bundesländern, was unter anderem mit vielen Arbeitsstellen in den Bereichen Tourismus, Gastronomie und Gesundheit zu tun hat.

Benefizkonzert für Familien in Not

Der Kinderschutzbund Neustadt lädt für Dienstag, 14. Mai, zu einem Benefizkonzert in die Lienau-Schule ein. Um 19.30 Uhr tritt das Luftwaffenmusikkorps Erfurt zugunsten der Kampagne „100 Familien in Not“ auf. Mit dem Geld werden Ostholsteiner Familien unterstützt. Karten gibt es für zwölf Euro von 8 bis 14 Uhr in der Geschäftsstelle des Kinderschutzbundes (Vor dem Kremper Tor 19) sowie in der Grömitzer Buchhandlung am Meer.

Der Kinderschutzbund hat das Thema seit Mai 2015 verstärkt ins Blickfeld genommen und die Kampagne „100 Familien in Not“ gestartet. Jungen und Mädchen soll der Zugang zu Kindergärten, offenen Ganztagsschulen und anderen Bildungs- sowie Betreuungsangeboten ermöglicht werden. Zeitgleich geht es darum, Eltern, darunter vor allem Alleinerziehende, zu unterstützten. Laut Henning Reimann gibt es Mütter und Väter, die mit Sucht, Schulden oder psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben. Diese gelte es unbürokratisch zu unterstützen – auch um das Wohl der Kinder zu sichern.

Kindern ein Mittagessen ermöglichen

„Die, die unten sind, kommen ganz schwierig wieder raus“, sagt Reimann und erzählt von einer Krankenschwester, die sich alleine um ihre drei Kinder kümmert und in Teilzeit arbeitet. „Sie kann die Beiträge zur Offenen Ganztagsschule (OGS) nicht bezahlen“, sagt der Geschäftsführer. Und genau an dieser Stelle setze das Projekt „100 Familien in Not“ an. Mit Beträgen im dreistelligen Bereich könne viel verändert und geholfen werden. Mit einer Spende in Höhe von fünf Euro pro Woche sei es möglich, Kindern ein Mittagessen zu ermöglichen. Parallel müssten die Eltern Unterstützung aus dem Bildungs- und Teilhabepaket beantragen. Der Besuch einer OGS könne mit monatlich 70 bis 85 Euro ermöglicht werden.

Seit Beginn des Projekts wurden zwischen 130 und 150 Eltern und Kinder unterstützt. Martin Liegmann ist von der Notwendigkeit überzeugt. „Wir hinterlassen der jungen Generation fast zwei Billionen Euro Schulden. Es gibt immer mehr alte Menschen. Hinzu kommt die Immobiliendramatik“, sagt er. „Wir haben die größte Kinderarmut nach dem Krieg.“ Deshalb sei es „unsere Verpflichtung, die Kinderarmut frontal anzugehen“. Einrichtungen wie Kindergärten und OGS müssten kostenfrei werden. „Wenn wir jetzt nicht umsteuern, ist unsere Demokratie ernsthaft gefährdet“, sagt Liegmann.

Chancengleichheit für Ostholsteiner Kinder schaffen

Henning Reimann will den gesellschaftlichen Schulterschluss und verdeutlicht, dass der Kinderschutzbund versuche auszugleichen, was der Staat nicht hinbekomme. „Dieser ist gefordert, Auffangnetze zu schaffen. Wenn der Staat zu langsam reagiert, müssen wir schnelle, kurzfristige und unbürokratische Hilfe leisten.“ Ziel sei es, eine Chancengleichheit für alle Kinder zu schaffen. Und genau das scheint immer besser zu gelingen. Seitdem Start des Projekts vor vier Jahren sei die Zahl der aus Kindergärten abgemeldeten Kinder zurückgegangen. „Unsere Einrichtungsleiterinnen wissen um das Projekt und reagieren, wenn sich jemand die Beiträge nicht leisten kann“, sagt Liegmann.

Spenden helfen „100 Familien in Not“

Ein wichtiger Aspekt ist aus Sicht der Geschäftsführer das Bewusstsein der Menschen, denen es in finanzieller Hinsicht besser geht. „Die Solidarität fehlt“, sagt Martin Liegmann. Gerade Alleinerziehende würden Unterstützung benötigen. „Die haben überhaupt keine Zeit, Beratungsangebote wahrzunehmen und sind nur damit beschäftigt ihre Grundbedürfnisse und die ihrer Kinder zu erfüllen“, sagt er. Reimann ergänzt, dass es darum gehe, lösungs- und handlungsorientierte Wege aufzuzeigen. Ein Weg könne sein, für „100 Familien in Not“ zu spenden.

Ein entsprechendes Konto gibt es bei der Sparkasse Holstein: IBAN DE08 2135 2240 0081 4797 19; BIC NOLADE21HOL.

Sebastian Rosenkötter