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Ostholstein Kirche bietet Billig-Bestattungen auf riesigem „Discount“-Urnenfeld an
Lokales Ostholstein Kirche bietet Billig-Bestattungen auf riesigem „Discount“-Urnenfeld an
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15:11 12.01.2014
Rund 150 Euro kostet eine anonyme Urnen-Bestattung auf der von der Feuerbestattungen GmbH gepachteten Fläche. Nach Aussage der GmbH soll die Fläche „für die nächsten 20 Jahre“ reichen.
Hansühn

In Ostholstein wirbt die Kirche für eine würdige Bestattungskultur und eine Abkehr von der anonymen Bestattung. Nicht ins Bild passen will dabei die Verpachtung einer Friedhofsfläche in Hansühn. Dort werden anonyme Beisetzungen zu Billigpreisen angeboten. Bis zu 60 000 Euro spült das jährlich in die Friedhofskasse Dass vor allem der Tod nicht umsonst ist, weiß jeder, der für einen verstorbenen Angehörigen schon einmal eine Beerdigung ausgerichtet hat. Für Grabstätte, Stein und Grabpflege können einige Tausend Euro zusammenkommen. Angehörige, die keinen Bezug zum Verstorbenen hatten, aber auch Kommunen, die in der Pflicht sind, Verstorbene ohne Angehörige zu beerdigen, sehen sich daher nach günstigeren Beisetzungen um. Kaum zu unterbieten ist dabei ein Urnenfeld für anonyme Bestattungen auf dem Hansühner Friedhof.

Die Feuerbestattungen Schleswig-Holstein GmbH mit Sitz in Kiel, die Krematorien in Kiel, Lübeck und Tornesch betreibt, hat auf dem neuen Hansühner Friedhof eine Fläche von der Größe eines Fußballfeldes gepachtet. Durchschnittlich 300 bis 400 Urnen werden hier jährlich in die Erde gebracht. Der Preis, den der Friedhof für eine Beisetzung auf dieser Fläche nimmt, liegt nach Aussage der GmbH bei rund 150 Euro. „Die Fläche reicht für die nächsten 20 Jahre“, so Geschäftsführer Klaus-Peter Paulsen.

Für die Verpachtung der Fläche nennt Hansühns Pastor Tim Voß vor allem wirtschaftliche Gründe. Der Hansühner Friedhof sei in seiner heutigen Größe vor rund 30 Jahren angelegt worden. Weniger Bestattungen, aber auch die Zunahme von Urnenbegräbnissen und anonymen Beisetzungen hätten zu weniger Einnahmen geführt, die Kosten für die Pflege der Friedhofsanlage seien indes kontinuierlich gestiegen. „Aus kirchlicher Sicht finden wir eine anonyme Bestattung natürlich auch nicht schön“, so Voß. Dennoch gebe man sich Mühe, auch das anonyme Grabfeld ansprechend zu gestalten.

Neben der verpachteten Fläche unterhält die Kirche Hansühn auch eigene Flächen für anonyme Begräbnisse. Für eine Bestattung auf diesen Flächen wird allerdings laut Friedhofssatzung ein Betrag von 560 Euro fällig.

Im benachbarten Oldenburg ist man einen anderen Weg gegangen. „Wir haben die Gebühren für eine anonyme Bestattung bewusst hoch gesetzt, um andere, nicht anonyme Bestattungsformen zu unterstützen“, erläutert Pastor Christian Ottemann. Die Kosten in Höhe von 1000 Euro für anonyme Bestattungen lägen damit nur geringfügig unter denen für Urnengräber oder Sargbestattungen am unteren Kostensegment.

Darüber hinaus seien die Kosten für anonyme Bestattungen keineswegs willkürlich: „Sie beinhalten auch die Pflege für die gesamte Friedhofsanlage, denn auch anonyme Gräber sind ja in dieses Umfeld eingebettet.“ Ottemann: „Ich kenne nicht die Hintergründe für die Entscheidung in Hansühn, denke aber, dass eine Verpachtung von Flächen für anonyme Beisetzungen der Gesamtpolitik der meisten kirchlichen Friedhöfe widerspricht.“

Dass sich anonyme Bestattungen — wie von Pastor Tim Voß vermutet — auf dem Vormarsch befinden, kann Bestatter Gunnar Schröder nicht bestätigen. Im Gegenteil: Für Schröder, der vier Bestattungsfilialen in Eutin, Oldenburg, Malente und Lensahn betreibt, sind anonyme Bestattungen „seit zehn bis 15 Jahren rückläufig“.

Eine Verpachtung der Friedhofsfläche wie in Hansühn sieht der Bestatter als ein „Konkurrenzprodukt der Krematorien untereinander“ an. Schröder: „Es kann sein, dass Friedhöfe mit einem Angebot in diesem Preissegment Wünschen von Angehörigen nachkommen, die keinen Bezug zum Verstorbenen haben oder aber auch von ihrem finanziellen Budget limitiert sind. Es kann aber auch sein, dass Friedhöfe Kunden an dieses Preissegment verlieren, weil einfach das Angebot da ist.“

Die Verpachtung einer Fläche für anonyme Beisetzungen in Hansühn und den kirchlichen Anspruch auf eine würdige Bestattungskultur nehme er persönlich als Widerspruch wahr. Schröder: „Ich sehe jedoch auch die Notwendigkeit der Kirchen, ihre Friedhöfe wirtschaftlich zu betreiben.“

Kommentar zum Thema: Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel
Es ist ein bisschen wie „Schwarzer Peter“: Geht es um die Frage, wer das Angebot und wer die Nachfrage für kostengünstige anonyme Bestattungen schafft, schieben sich Krematorien, Bestatter und Friedhöfe gegenseitig die Verantwortung zu. Bestattern und Krematorien kann man das noch nachsehen, denn sie verfolgen ein legitimes wirtschaftliches Ziel. Bei der Kirche liegt der Fall anders.
Sie propagiert eine würdige Friedhofs- und Bestattungskultur, wirbt bei den Hinterbliebenen für einen Ort des Trauerns und des Abschiednehmens.
Mit der Beerdigung in Gottes Acker soll der Leichnam geehrt und nicht namenlos bleiben, wie es Oldenburgs Pastor Christian Ottemann formuliert. Vor diesem von der Kirche für sich formulierten Anspruch mutet es seltsam an, dass ausgerechnet auf einem kirchlichen Friedhof Flächen verpachtet werden, auf denen Urnen zu Discountpreisen in die Erde gebracht werden.
Auch wenn wirtschaftliche Nöte die kirchlichen Friedhöfe drücken und eine kostendeckende Bewirtschaftung zunehmend schwieriger wird, muss sich die Kirche an dem von ihr formulierten Leitbild messen lassen. Eine Fläche von der Größe eines Fußballfeldes zur Verfügung zu stellen, die dem Urnen- Tourismus in Schleswig-Holstein Vorschub leistet, wirkt da wenig glaubwürdig.
Vielleicht sollte die Kirche mehr auf individuelle Wünsche von Angehörigen bei der Beisetzung eingehen und damit anonymen Beisetzungen entgegenwirken. Für eine Beerdigungskultur zu werben und dann an billigen Urnenbegräbnissen mitzuverdienen, hinterlässt den faden Geschmack einer Doppelmoral.

Thomas Klatt