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Ostholstein Krankenschwestern reden Klartext: Wir fordern mehr Anerkennung
Lokales Ostholstein Krankenschwestern reden Klartext: Wir fordern mehr Anerkennung
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06:00 25.03.2019
Ute Schmidt (r.) arbeitet seit 45 Jahren als Krankenschwester. Seit 1994 ist sie in der Schön-Klinik. Erst wenige Jahre dabei ist Hanna Schapdick (25). Die Gesundheits- und Krankenpflegerin bezeichnet ihren Job als Traumberuf, wünscht sich aber einige Veränderungen. Quelle: Sebastian Rosenkötter
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Neustadt

Wenn die TV-Serie „Charité“ läuft, denkt Ute Schmidt (61) an ihre eigene Ausbildungszeit in einer großen Lübecker Klinik. „Dort habe ich vor 45 Jahren meinen Beruf gelernt. Haube, grauer Kittel und ein Kreuz am Hals gehörten dazu“, sagt die Krankenschwester. Ihre Kollegin Hanna Schapdick (25) kann sich das kaum vorstellen. Die Gesundheits- und Krankenpflegerin wurde 1994 geboren. Im gleichen Jahr wechselte Ute Schmidt zur Schön-Klinik. Heute gehören die zwei Frauen zu mehr als 400 Pflegekräften am Neustädter Standort. Beide bezeichnen ihren Job als Traumberuf, beklagen aber einen Mangel an Wertschätzung.

Ute Schmidt befindet sich auf ihrer beruflichen Zielgeraden. Im Dezember 2020 ist Schluss. Aktuell hat sie die Stationsleitung der Komfortstation (gehobene Ausstattung) inne. „Die Fluktuation ist viel höher als früher. Patienten bleiben deutlich kürzer. Man kann kaum Kontakt aufbauen“, beschreibt die Krankenschwester einen Teil des Wandels innerhalb der vergangenen Jahrzehnte. Froh sei sie, dass es seit einigen Jahren elektronische Akten gibt. „Ich brauche keinen Kugelschreiber mehr“, sagt sie und betont, dass man sich äußerst gut organisieren und doppelte Wege unbedingt vermeiden müsse.

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Zwischen Traumberuf und Mangel an Wertschätzung

Hanna Schapdick und Ute Schmidt sind sich einig, dass die Arbeit als Pflegekraft körperlich und geistig anstrengend ist. Patienten würden immer schwerer. Sie aufzurichten, sei ein Kraftakt. Hinzu kämen belastende Schichtdienste. Dennoch: „Ich gehe jeden Tag mit Freude zur Arbeit. Wir sind heute nicht viel weniger Leute, aber die Anspruchshaltung der Patienten und Angehörigen ist höher“, sagt Schmidt. Einige würden erwarten, jeden Tag geduscht zu werden und dass Krankenschwestern Fußnägel schneiden. „Ich bin kein Altenpfleger. Viele wissen nicht, was wir alles machen. Früher hatten wir mehr Zeit“, sagt Ute Schmidt.

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Dass Hanna Schapdick einmal als Gesundheits- und Krankenpflegerin arbeiten würde, war nicht absehbar. Nach dem Realschulabschluss brach sie eine kaufmännische Lehre ab. „Von 7 bis 17 Uhr im Büro zu sitzen, war für mich eine Qual“, erinnert sie sich. 2012 begann sie ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Schön-Klinik. Kurz darauf folgten Ausbildung und schließlich das Examen. Aktuell arbeitet sie in der Wirbelsäulenchirurgie. „Ich komme jeden Morgen gerne zur Arbeit und mag den Kontakt mit den Patienten. Das ist mein Traumberuf“, betont Hanna Schapdick. Kinder zu erleben, die schiefsitzend im Rollstuhl in die Klinik kommen und mit aufrechter Haltung wieder nach Hause kämen, das sei Wahnsinn.

Aufklären über das Berufsbild

Beide Frauen sind sich einig, dass die Öffentlichkeit viel stärker über das Berufsbild aufgeklärt werden muss. „Viele Menschen denken, dass sich die Ärzte um alles kümmern. Das stimmt nicht. Wir machen ganz viel – oft nicht sichtbar im Hintergrund“, sagt Ute Schmidt. Hanna Schapdick ergänzt: „Wir denken für den Patienten mit, hinterfragen Dinge. Es wäre schön, wenn unsere Arbeit mehr wertgeschätzt würde.“

Das öffentliche Bild ändern wollen auch die Arbeitgeber. Die Arbeit in der Pflege wird häufig als unattraktiv wahrgenommen. Die Worte Notstand und Unterversorgung sind omnipräsent. Selten wird zwischen den verschiedenen Berufsgruppen unterschieden. Dabei ist der Fachkräftemangel im Bereich der Altenpflege spürbarer als in der Krankenpflege – die Gehaltsunterschiede sind hoch. Dennoch: Auch für Kliniken wird die Suche nach Angestellten immer schwieriger.

Das verdienen Pflegekräfte

Gesundheits- und Krankenpfleger verdienen im Kreis Ostholstein nach der Ausbildung etwa 2500 monatlich brutto. Altenpfleger bekommen rund 300 Euro weniger. „Bei Krankenhäusern könnte der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst zum Zuge kommen“, betont Olga Nommensen, Sprecherin der Lübecker Agentur für Arbeit. Darüber hinaus erläutert Nommensen: „In Ostholstein liegt der Medianwert der monatlichen Bruttoarbeitsentgelte von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten (ohne Auszubildende) über alle Berufsgruppen hinweg bei 2636 Euro. Er ist damit niedriger als in Schleswig-Holstein (2958 Euro) und im Bundesgebiet (3209 Euro).“

Pflegedienstleiter kennt die Schattenseite

Oliver Kagerer ist Pflegedienstleiter der Neustädter Schön-Klinik. Pro Jahr benötigt er etwa 40 neue Arbeitskräfte, da Mitarbeiter kündigen, in Rente gehen, ihre monatliche Arbeitszeit verkürzen, oder aber neue Stellen geschaffen werden. Die Berufsgruppe ist mit rund 420 Personen die größte des Unternehmens. „Das Ansehen der Pflege ist gut. Sie gilt als vertrauenswürdig“, betont er. Das sei die eine Seite, auf der anderen Seite stünden die Arbeitszeiten, ein Gefühl, „durchgetaktet zu sein“.

Schichtdienste sind normal. Umso mehr muss Kagerer klar machen, warum jemand den Beruf ausüben soll. „Früher war der Markt so, dass wir Hunderte Bewerber hatten. Mittlerweile sind es für die vier Ausbildungsplätze höchstens 13“, schildert er die Lage. Ohne mittleren Schulabschluss geht nichts. Viele der zukünftigen Mitarbeiter würden zunächst ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren und so rekrutiert.

Kliniken bieten Extraleistungen

Damit die Fachkräfte möglichst lange bleiben, gibt es an vielen Kliniken – so auch bei Ameos und der Neustädter Schön-Klinik Arbeitszeitmodelle zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Um die Rückkehr ins Berufsleben attraktiv zu gestalten, bieten wir einen Zuschuss zur Kinderbetreuung sowie die Möglichkeit innerhalb unseres Pflege-Pool-Teams die Wunscharbeitszeiten selbst festzulegen“, sagt Svenja Wulf, Regionalleiterin Personal bei Ameos. Hinzu kämen vergünstigte Preise für Fitnessstudios, Zuschüsse für E-Bikes und andere Rabatte. Ähnlich sieht es bei der Schön-Klinik aus. Es gibt die Option auf einen Kita-Platz am Krankenhaus (für Nicht-Neustädter), vergünstigte Verpflegung in der Kantine und Aktionen mit anderen Firmen. Wer neue Kollegen wirbt, bekommt eine Prämie.

Verlässliche Arbeitszeiten

Um die jungen Leute zu überzeugen, seien verlässliche Arbeitszeiten und ein gutes Team erforderlich. Insbesondere Mütter wollten nicht rund um die Uhr tätig sein, da sie ihre Kinder betreuen müssen. „Wir haben einen Springerpool. Der ist auch für uns gut. So können wir Lücken abdecken“, betont Klinikgeschäftsführerin Birthe Kirberg.

Wenige Kilometer entfernt im Ameos-Klinikum arbeitet Svenja Wulf, Regionalleiterin Personal. Sie ist für 3800 Mitarbeiter in 31 Einrichtungen im Norden zuständig – auch für Neustadt und Heiligenhafen. Das Gewinnen von Pflegefachkräften bezeichnet sie als große Herausforderung. Verzögerungen bei der Nachbesetzung von Stellen kämen vor.

Gesundheitsminister fordert Wertschätzung und faire Bezahlung

Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) betont, dass es neben einer höheren gesellschaftlichen Anerkennung und einer Wertschätzung der Pflegeberufe auch eine faire Bezahlung in allen Pflegefachberufen brauche. Nur so könne man mit anderen Ausbildungsberufen mithalten. „Ziel muss insbesondere ein verstärktes Bemühen um Mitarbeiterbindung und Wiedereinstieg sein. Das bedeutet, dass Einrichtungs- beziehungsweise Krankenhausträger sich verstärkt um Arbeitsbedingungen und Arbeitszufriedenheit kümmern müssen, Stichwort verlässliche Dienstpläne“, sagt Garg.

Berufliche Entwicklung frühzeitig planen

Am Ameos Institut Nord gibt es etwa 250 Ausbildungsplätze in der Alten-, Gesundheits- und Krankenpflege. „Mit unseren Auszubildenden führen wir bereits frühzeitig Perspektivgespräche und planen die Übernahme nach dem Abschluss der Ausbildung sowie die nächsten Karriereschritte“, betont Svenja Wulf. Dazu gehöre es, Fort- und Weiterbildungen zu fördern und die Möglichkeit eines Stipendiums zum berufs- oder ausbildungsbegleitenden Studium anzubieten. Ähnlich wie die Schön-Klinik bietet Ameos einen ersten Einstieg in die Pflegeberufe über eine Vielzahl von Praktikumsmöglichkeiten oder die Möglichkeit, ein FSJ zu absolvieren.

Land steigert Zahl der Azubis

Besonders viel neues Personal wird im Bereich der Altenpflege benötigt. Christian Kohl, Sprecher des Gesundheitsministeriums des Landes, teilt mit, dass die Zahl der zur Verfügung gestellten landesgeförderten Schulplätze von 1200 auf aktuell 2100 Plätze erhöht (2012 bis 2019). Zudem sei es in den vergangenen Jahren gelungen, den schulischen Teil der Altenpflegeausbildung kostenfrei zu gestalten. Jeder Schüler erhält 450 Euro pro Monat.

Ein Projekt soll bei Nachwuchsgewinnung helfen: „Care4future“ heißt eine Aktion, die unter anderem in Eutin läuft. Ziel ist es laut Christian Kohl, Schüler schon bei der Berufsorientierung für Pflegeberufe zu interessieren, die Zusammenarbeit von allgemeinbildenden Schulen und Altenpflegeschulen, Einrichtungen und Arbeitsagenturen zu befördern sowie regionale Ausbildungsverbünde aufzubauen.

Sebastian Rosenkötter

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