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Ostholstein Kurklinik lehnt Down-Kind ab
Lokales Ostholstein Kurklinik lehnt Down-Kind ab
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22:01 22.10.2016
„Braucht ein Kind eine Einzelbetreuung, sind wir die falsche Klinik.“Birgit Siegel, Leiterin Klinik Nordseedeich
Lensahn

„Laut den uns vorliegenden Unterlagen liegt bei Theo-Valentin eine sehr schwere Behinderung in Form eines Down-Syndroms vor.“ So beginnt die schriftliche Begründung der Klinik dafür, dass der Sechsjährige nicht aufgenommen werden kann. Dafür, dass seine Familie nicht infrage kommt für die „Schwerpunktkur für Familien mit Kindern mit Down-Syndrom“.

Theo (6) hat das Down-Syndrom – Krankenkasse hat seiner Familie eine Kur genehmigt – Spezialisierte Klinik an der Nordsee weigert sich, die Lensahner aufzunehmen – Die Betreuung sei zu aufwendig.

Theos Eltern Sinje Schütt (40) und Heiko Sievert (42) sind ratlos. „An wen richtet sich ein Angebot für Kinder mit Down-Syndrom, wenn nicht an Kinder mit Down- Syndrom?“, fragen die Lensahner. Als ihre Krankenkasse der vierköpfigen Familie – zu der noch Theos kleine Schwester Jette (3) gehört – eine dreiwöchige Kur genehmigt hat, war die Erleichterung groß. So viel Freude ihr Sohn ihnen schenke, so anstrengend sei dennoch der Alltag mit ihm, erzählen die Eltern, die beide als Sozialpädagogen arbeiten. Von der Kur erhofften sie sich ein wenig Erholung. Doch dann die ernüchternde Nachricht: Die Klinik Nordseedeich in Friedrichskoog – eine von nur wenigen Einrichtungen mit entsprechenden Spezialkuren – hat es abgelehnt, die Familie bei sich aufzunehmen.

Die Klinik „sieht sich nicht in der Lage, Theo-Valentin (. . .) ausreichend zu behandeln und zu betreuen“, heißt es in der Begründung weiter. Laut Pflegegutachten benötige er eine permanente Beaufsichtigung. Der „sehr hohe Betreuungsbedarf“ könne „auch im Rahmen einer Schwerpunktkur nicht gewährleistet werden“. In einem zweiten Schreiben der Klinik – eine Reaktion auf eine Beschwerde der Eltern – wird die Entscheidung untermauert: „Die Einschätzung, das Kind aufgrund des vorliegenden Pflegegutachtens hier abzulehnen, ist auch im Nachhinein richtig gewesen“, heißt es dort. Beide Schreiben liegen den LN vor.

Bei der Kur werde „eine verstärkte, intensive Betreuung der Kinder angeboten“, wirbt die Klinik auf ihrer Homepage. „Kinder mit Down- Syndrom sollen ein aktives Leben, ihren Fähigkeiten angemessen, führen können. Um dieses Ziel zu erreichen, ist die Unterstützung und Entlastung der Familie notwendig“, heißt es dort weiter.

„Ich kann nicht verstehen, wieso wir dort nicht hingehören sollen“, sagt Sinje Schütt. Die Klinik berufe sich allein auf das Pflegegutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK ), kritisiert sie. Darin seien naturgemäß ausschließlich negative Kriterien aufgelistet – zumal das Gutachten die Grundlage für die Einschätzung der Pflegestufe bildet. Dabei „kann Theo auch ganz viel“, betont die Mama. Zu Hause besucht der Junge einen Regelkindergarten, mit einem Integrationshelfer an seiner Seite. Er kann selbstständig essen und zur Toilette gehen – und er ist es auch, der dem Besuch von der Zeitung die Tür öffnet und ihn mit einem fröhlichen „Hallo“ ins Haus bittet.

„Wir können nur nach den Unterlagen entscheiden, die uns vorgelegt werden“, rechtfertigt Klinikleiterin Birgit Siegel die Ablehnung auf Grundlage des Pflegegutachtens. Darin werde nicht nur Theos Erkrankung, sondern insbesondere auch sein Sozialverhalten beschrieben. Danach benötige der Sechsjährige eine individuelle Betreuung – und dafür sei eine große Einrichtung wie die Klinik Nordseedeich nicht geeignet. In der dortigen Kita würden insgesamt 150 Kinder in neun Gruppen betreut. Gesunde und Kinder mit Handicap würden dabei nicht getrennt: „Wir wollen schließlich Integration.“ Aus diesem Grund sei es aber kaum möglich, einem einzelnen Kind ständig die ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, erklärt Siegel.

Eine allgemeine Regelung, bis zu welcher Pflegestufe Kinder aufgenommen würden, habe die Klinik nicht, so Birgit Siegel. Es seien „immer Einzelfallentscheidungen“. „Es tut uns auch Leid, wenn wir Familien absagen müssen“, betont sie, „aber wenn wir einfach die falsche Klinik sind, bringt es weder dem Kind noch seinen Eltern etwas, wenn wir sie dennoch anreisen lassen.“

In Theos Fall will die Klinik nun laut Siegel trotzdem noch einmal prüfen, ob der Sechsjährige doch für eine Kur infrage kommt. Zwar sei die Anfrage tatsächlich „aus nachvollziehbaren Gründen abgelehnt worden“, bestätigt die Klinikleiterin. Dennoch „haben wir einen Platz in der Kur zunächst geblockt“, sagt Siegel, „eine endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen.“

Theos Eltern sind derweil nah an der Resignation, scheint es. „Wir hatten auf eine Entlastung gehofft“, sagt Sinje Schütt, „stattdessen wird die Belastung durch dieses ganze Verfahren immer größer.“

Auch Papa Heiko Sievert wirkt erschöpft: „Mittlerweile frage ich mich manchmal, ob drei Wochen Erholung diesen ganzen Stress im Vorfeld wirklich wert sind“, sagt er. Für Sinje Schütt steht eines inzwischen auf jeden Fall fest: „Nach Friedrichskoog fahren wir nicht – selbst, wenn die Kllinik sich noch umentscheidet.“

 Jennifer Binder