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Ostholstein Mutter-Prozess: Gutachterin nennt Angeklagte mitleidslos
Lokales Ostholstein Mutter-Prozess: Gutachterin nennt Angeklagte mitleidslos
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12:01 15.10.2019
Der Kinderarzt Prof. Christoph Härtel und die psychiatrische Sachverständige Dr. Mariana Wahdany sind Gutachter im Prozess gegen die Mutter aus Lensahn. Quelle: 54° / John Garve
Lübeck/Lensahn

Was trieb die 49-jährige Mutter aus Lensahn an, die vier ihrer fünf Kinder in den Rollstuhl gezwungen und ihnen unter anderem die Glasknochenkrankheit, die Bluterkrankheit, Rheuma und Asthma angedichtet haben soll? Am 7. Verhandlungstag beantwortete das psychiatrische Gutachten von Dr. Mariana Wahdany diese Frage: Es waren die Sucht nach Anerkennung und die Möglichkeit, an Geld zu kommen. Die Gutachterin widmete sich in ihren Ausführungen vor der Kammer auch Fragen, die sich viele Prozessbeobachter stellen.

Die Angeklagte hatte Gespräche mit der Gutachterin verweigert. Dennoch konnte Wahdany sich nach eigenen Angaben aufgrund der vielen Zeugenaussagen ein Bild machen. In ihrem Gutachten kommt sie zu dem Schluss, dass bei der Angeklagte ein sogenanntes Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom vorliege. Mütter, die darunter leiden, machen ihre Kinder krank, um Anteilnahme zu erhalten.

Anhaltspunkte für Münchhausen-Syndrom

Sechs Merkmalesprechen für das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom:Anhaltende Krankheitssymptome bei den Kindern ohne feststellbare UrsachenKeine Besserung durch die Behandlung und häufige KomplikationenSofortiges Verschwinden der Symptome nach der Trennung von der Mutter (nach ihrer Inobhutnahme durch das Jugendamt saßen die KInder nicht mehr im Rollstuhl)eine Diskrepanz zwischen den Symptomen und ihren Auswirkungen (morgens im Rollstuhl, nachmittags auf dem Fußballplatz)ständige Arztwechsel, weil Eltern mit den Diagnosen oder Therapien nicht einverstanden sindmehrere Kinder in einer Familie, die mit ähnlichen Symptomen den Ärzten vorgestellt werden

Die Sucht nach Aufmerksamkeit

Eine Rolle spiele laut Wahdany dabei die Motivation. Gehe es etwa nur ums Geld, spreche das gegen das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Wenn es aber um Aufmerksamkeit gehe, sei diese Störung anzunehmen. Das sei hier der Fall, zumal die Angeklagte die Suche nach neuen Erkrankungen noch nicht aufgegeben habe, nicht nur bei ihren Kindern, sondern auch bei sich selbst. Seit die Kinder wieder bei ihr leben, soll es wieder zu vermehrten Arztbesuchen gekommen sein.

Ihre Kinder habe die Mutter, führte die Gutachterin aus, nicht als Individuen gesehen, sondern als Objekte, denen eine Eigenständigkeit nicht zugestanden wird. Dahinter stehe das Konzept, dass die Kinder auf Dauer von der Mutter abhängig bleiben sollen und sich nicht altersgemäß entwickeln können. Die Gutachterin bot mit ihren Erläuterungen zum Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom zudem eine Erklärung dafür an, warum die Kinder bis heute zu ihrer Mutter halten. „Die Kinder, die Opfer sind, werden von den Müttern zu Komplizen gemacht. Das führt zu einer pathologischen Identifikation zwischen Mutter und Kind.“

Ahnungslos und ohne Mitleid

Wahdany bescheinigte der Angeklagten das „absolute Fehlen von Empathie und Mitleid“, machte aber auch deutlich, dass dahinter keine Bösartigkeit stecke. „Ich gehe davon aus, dass die Angeklagte das selbst gar nicht gemerkt hat.“ Mütter mit Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom wehrten mit ihren Manipulationen eigene psychische Schwierigkeiten ab. Bei der Angeklagten könne eine Depression vorliegen. Sinn und Zweck der krank gemachten Kinder sei es, das eigene Selbstwertgefühl zu steigern und Depressionen zu kompensieren.

Für die eigene Stärkung brauche die Angeklagte Objekte, die sie manipulieren könne. Neben der Depression, die erst zum Tragen kam, nachdem ihr die Kinder im Herbst 2016 weggenommen wurden, seien dissoziale Aspekte getreten, etwa Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Wahdany sieht bei der Angeklagten zudem einen narzisstischen Aspekt, sichtbar an einer Suche nach Extravaganz. Das beginne beim angeblichen Intelligenzquotienten von 218 bei einem der Söhne und setze sich in der Auswahl der Krankheiten fort, die sie ihren Kindern angedichtet haben soll.

Ein passiver Vater

Viel stimmte nach Einschätzung der Gutachterin nicht in dieser Familie. Sie lebte und lebe immer noch in sozialer Isolation. Der Angeklagten sei es um die totale Kontrolle aller Menschen in ihrem Umfeld gegangen. Ihre Ehe sei asymmetrisch und von ihrer Dominanz geprägt. Immer wieder war die Frage nach dem Vater der Kinder aufgetaucht. Er blieb den ganzen Prozess über ein Schemen. Das bestätigte auch eine ehemalige Freundin der Angeklagten, die am Montag als Zeugin aussagte. Sie habe den Ehemann und Vater als „ruhig und teilnahmslos“ erlebt.

Diese Freundin gab auch eine der wenigen Informationen zur Kindheit der Angeklagten: „Ihre Mutter hat sie eingesperrt und hungern lassen.“ Kommentar der Gutachterin wenig später zu Frauen, die das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom haben: „Solche Mütter waren selbst Opfer. Das passt hier.“ Das Fazit von Dr. Wahdany lautet, dass bei der Angeklagten von einer Persönlichkeitsstörung auszugehen sei. Es gebe aber keine Hinweise auf eine fehlende oder eingeschränkte Schuldfähigkeit, die sich strafmildernd auswirken könnte. Die Aussichten für die Angeklagte sind auch sonst düster. Die Gutachterin: „Diese Störung ist nicht therapierbar.“

Der Prozess wird am 30. Oktober um 9 Uhr fortgesetzt. Dann werden zwei Ärzte und noch einmal der ärztliche Gutachter des Verfahrens, der Kinderarzt Dr. Christoph Härtel, gehört.

Berichte über den Prozess und einen ähnlichen Fall

Der Prozess um die Ostholsteiner Mutter, die ihre Kinder in den Rollstuhl gezwungen haben soll, ist Dauerthema. Hier gibt es einen Überblick:

Der Prozessbeginn:
So lief der erste Tag vor dem Lübecker Landgericht.

Für Aufregung sorgte die Nachricht, dass einige der Kinder noch bei der Mutter leben. Warum das Jugendamt dies nicht verhindern konnte, steht hier.

Lehrkräfte und Schulbegleiter haben ausgesagt:
Die Mutter geriet bereits 2014 ins Visier der Ermittlungsbehörden.

Am dritten Prozesstagsagte der medizinische Gutachter aus: Keine krankhaften Befunde.

Die Odyssee der Kinder nach der Inobhutnahme ist hier beschrieben.

Alles, was am Anfang bekannt ist, ist hier zusammengefasst.

Kommentar zum Prozess:
Kinder dürfen nicht zum zweiten Mal zu Opfern werden

Welche merkwürdigen Randnotizen es bei dem Prozess gibt,lesen Sie hier.

Drohungen und Manipulation?
Zeugen berichten vom Schreckensregime der Mutter

Zeugen belasten Mutter schwer:
Kinder wurden gedemütigt.

Am sechsten Verhandlungstag zeigt die Mutter zum ersten Mal Emotionen.

Gutachten wird mit Spannung erwartet: Wie tickt die Mutter?

Am 7. Verhandlungstag nennt eine Expertin die Mutter mitleidslos.

Ein ähnlicher Fall wurde 2015 vor dem Hamburger Landgericht verhandelt. Eine Mutter hatte ihrem dreijährigen Kind monatelang Fäkalien, Speichel und Blumenwasser gespritzt.

Von Susanne Peyronnet

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