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Ostholstein In Rollstuhl gezwungen: Misshandelte Kinder wieder bei angeklagter Mutter
Lokales Ostholstein In Rollstuhl gezwungen: Misshandelte Kinder wieder bei angeklagter Mutter
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13:14 21.08.2019
Die wegen Misshandlung angeklagte Mutter auf dem Weg zur Verhandlung im Lübecker Landgericht. Quelle: Rainer Jensen/dpa
Lübeck/Lensahn

Am Tag nach dem Prozessauftakt gegen eine fünffache Mutter aus dem Kreis Ostholstein sind viele Fragen offen. Vor allem eine: Wie kann es sein, dass die Frau, die sich wegen der Misshandlung ihrer Kinder vor Gericht verantworten muss, für eben diese Kinder wieder verantwortlich ist? Hat das Jugendamt versagt? Mitnichten. Den Mitarbeitern des Kreises Ostholstein sind schlicht die Hände gebunden.

Das Gericht entscheidet

Auf LN-Nachfrage sagt Alfred Grüter, Leiter des Fachbereichs Soziales, Jugend, Bildung und Sport des Kreises Ostholstein, dass ein Gerichtsurteil dazu geführt habe, dass drei der fünf Kinder wieder bei ihren Eltern leben. „Wir hatten uns eine andere Entscheidung gewünscht und sie auch angestrebt.“ Doch die Behörde halte sich an Recht und Gesetz. Details zu den juristischen Facetten des Falls will Grüter aus Datenschutzgründen nicht nennen.

Die 49-jährige Frau aus Lensahn steht seit Montag vor dem Lübecker Landgericht, weil sie vier ihrer fünf Kinder gezwungen haben soll, ihr Leben wegen laut Anklage angeblicher schwerer Krankheiten im Rollstuhl zu verbringen. Eines der betroffenen Kinder, die heute 19-jährige Laura (alle Namen geändert), lebt nicht mehr zu Hause. Sie war im Herbst 2016 aus dem Fenster ihres Kinderzimmers geklettert und hatte sich einer Mitarbeiterin des Jugendamtes anvertraut. Das Mädchen wollte weg aus der Familie.

Anzeige des Kreises Ostholstein

Diese Flucht fiel zeitlich zusammen mit einer Anzeige des Kreises Ostholstein gegen die Mutter. Auslöser waren offensichtlich gefälschte Atteste, die nach LN-Informationen im Gesundheitsamt des Kreises Ostholstein aufgefallen waren. Die Anklage wirft der Frau vor, ihren vier Kindern die Glasknochenkrankheit, die Bluterkrankheit, Rheuma, Asthma und Allergien angedichtet zu haben, um Pflegegeld zu kassieren. Ein weiteres Motiv dürfte die Sucht nach Aufmerksamkeit gewesen sein. Die Mutter trat als Frau mit schwerem Schicksal, das sie mustergültig meistert, bei diversen Talkshows auf. Auch die LN berichteten darüber.

Parallel zur Flucht der Tochter und dem Auffliegen der gefälschten Atteste hatten sich Nachbarn an das Jugendamt gewandt. Sie fanden es merkwürdig, dass die Kinder einerseits in der Schule im Rollstuhl saßen, andererseits nachmittags draußen herumliefen. Ein Beobachter, der eine Zeit lang engen Kontakt zu den Jungen hatte, berichtet, sie seien in der Schule immer sehr still gewesen. „Für mein Dafürhalten waren die gedopt, die haben wohl immer eine morgendliche Dosis bekommen.“

Geschrei und Widerstand bei der Inobhutnahme

Als klar war, dass in der Familie etwas nicht stimmt, folgte die sogenannte Inobhutnahme der Kinder. Raus aus der Familie, weg vom offenbar schädlichen Einfluss ihrer Mutter. Ein Vorgang, der nach LN-Informationen nicht ohne Geschrei, erheblichen Widerstand der Kinder und ihr gewaltsames Wegbringen ablief.

Was blieb, so wurde es den LN zugetragen, war der Einfluss der Mutter auf ihre Kinder. „Sie waren die ganze Zeit wie ferngesteuert“, sagt ein Beobachter. Immer wieder liefen die drei Söhne von Pflegefamilien oder aus Heimen weg. Ihre Mutter ging mit allen juristischen Mitteln gegen die Trennung von ihren Kindern vor. Eine Zeit lang versteckte sie die Kinder sogar. Für die Kinder folgte eine Odyssee durch Pflegefamilien und Heime, wo sie sich immer wieder auflehnten. Bis ein Gericht auf Betreiben der Mutter ihre Rückkehr zu den Eltern verfügte.

Neue besorgniserregende Anzeichen

Alle, die mit der Familie zu tun haben, treibt seit einigen Monaten eine große Sorge um. Wieder häuften sich die Fehlzeiten der Söhne in Schule, wieder begannen die dauernden Arztbesuche. So wie beim ersten Mal. Mittlerweile scheint die Familie vielleicht sogar untergetaucht zu sein. Als die Polizei am ersten Prozesstag dort klingelte, um die nicht gekommenen Söhne für ihre Zeugenaussage am Landgericht abzuholen, war niemand zu Hause. Es gab kein Namensschild mehr an der Haustür. Die Behörden wissen offenbar nicht, wo Eltern und Kinder sind.

Am Donnerstag, 22. August, wird der Prozess vor dem Lübecker Landgericht fortgesetzt. Ob die Polizei dann zwei der Söhne für ihre Zeugenaussage vorführt, wird sich zeigen. Dem jüngsten, heute elf Jahre alt, will die Vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz diese Situation ersparen. Auch weil der Junge bereits im Vorschulalter in den Rollstuhl gezwungen worden sein soll und über Erlebnisse in diesem Alter kaum eine belastbare Aussage machen kann.

Eine Expertin für alle möglichen Krankheiten

Die Mutter schweigt im Prozess. Bei anderer Gelegenheit hat sie viel gesagt, etwa in etlichen TV-Shows, in denen sie als Supermutter von vier schwerkranken Kindern und einem schwerstbehinderten Pflegekind auftrat. Über die angeblichen Krankheiten ihrer Kinder soll sie sehr gut Bescheid wissen. „Sie hätte Vorträge darüber halten können“, sagt ein Beobachter.

Von Medikamenten im Haus will er nichts mitbekommen haben. Tatsächlich aber hortete die Mutter offenbar große Mengen von Tabletten und Ampullen für Spritzen. Nach LN-Informationen sollen bei einer Hausdurchsuchung im Herbst 2016 Medikamente im Wert von einer Million Euro beschlagnahmt worden sein.

In einem der TV-Berichte sieht man, wie die Mutter den Kühlschrank öffnet, der vollgepackt ist mit Medikamentenpackungen. Sie enthalten offenbar Ampullen mit Blutgerinnungsmitteln gegen die Bluterkrankheit, unter der angeblich vier ihrer Kinder leiden. Wenig später sieht man, wie ein Junge weinend vor Angst versucht, sich der Spritze zu entziehen.

Von Susanne Peyronnet

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