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Ostholstein Vorreiter in Deutschland: Im Lichtblick machen alle gemeinsam großes Kino
Lokales Ostholstein Vorreiter in Deutschland: Im Lichtblick machen alle gemeinsam großes Kino
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17:56 06.12.2019
Kein Kino ohne Popcorn. Die Tresenkräfte wie Anica Paustian haben schon vor Öffnung an der Maschine zu tun. Quelle: Luisa Jacobsen
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Oldenburg

Was ist für viele Filmfans das Wichtigste beim Kinobesuch? Ganz klar: Popcorn. Damit das nicht knapp wird, steht die Tresenkraft beim Lichtblick Filmtheater in Oldenburg immer schon vor der Öffnung an der Popcorn-Maschine. Stressig soll es schließlich für niemanden werden. Nicht für die Gäste und nicht für die Angestellten mit und ohne Behinderung. Denn die arbeiten im Oldenburger Kino alle zusammen. Als das Filmtheater 2005 öffnete, war es Deutschlands erstes Inklusionskino. Hinter dem Begriff steckt ein denkbar simples Konzept: Jeder Mitarbeiter wird so eingesetzt, wie es am besten zu ihm passt.

Alle Mitarbeiter sind auf dem Ersten Arbeitsmarkt angestellt

Insgesamt arbeiten im Lichtblick-Kino zwölf fest angestellte Mitarbeiter. Fünf von ihnen haben eine amtlich festgestellte Behinderung. Dominique Bartholome ist eine von ihnen und schon seit etwa vier Jahren im Kino tätig. Die 29-Jährige arbeitet als Tresenkraft und Vorführerin. Hauptsächlich aber als Letzteres. „Ich mache zum Beispiel den Einlass und kümmere mich um die Filmvorführung“, erzählt sie. Das bedeutet, sie sorgt aus dem Vorführraum dafür, dass Vorhang und Licht zur richtigen Zeit auf- beziehungsweise ausgehen, dass der Ton in Ordnung ist und Werbung und Film wie geplant abgespielt werden. Im Vorführraum erstellt sie Playlisten für kommende Vorstellungen und greift bei Bedarf in den automatisierten Ablauf ein. „Wenn die Vorstellung aus irgendeinem Grund später beginnt, kann ich auf manuell umschalten und reagieren“, erklärt sie.

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Dominique Bartholome (l.), Anica Paustian und Lothar Irrgang im großen Saal des Kinos. Der Raum ist mit einer induktiven Anlage ausgestattet, die sich mit Hörgeräten verbinden lässt – das verbessert die Tonqualität. Quelle: Luisa Jacobsen

Fast alle Angestellten des Filmtheaters sind mit 20 Stunden auf dem Ersten Arbeitsmarkt angestellt – egal ob mit oder ohne Behinderung. Die Betreibergesellschaft, die Ostholsteiner Dienstleistungsgesellschaft (OHDG), ist eine 100-prozentige Tochter der „Die Ostholsteiner“. Als Ansprechpartner für die Mitarbeiter mit Behinderung gibt es einen bei der OHDG angestellten Arbeitsbegleiter, der unter anderem für das betriebliche Gesundheitsmanagement sowie Fragen, Probleme, Wünsche und Bedarfe da ist. Am Ende soll der Betrieb im Kino so normal wie in jedem anderen nicht-inklusiven Unternehmen ablaufen.

Karte zeigt Angebote der Ostholsteiner

„Für mich ist das hier in erster Linie ein Kino“, sagt Lichtblick-Leiter Lothar Irrgang. Er findet, das was im Oldenburger Kino gemacht wird, entspricht eigentlich einer Zielsetzung vieler Unternehmen: nämlich Mitarbeiter so einzusetzen, wie es am besten zu ihnen passt. Zusätzlich wird der Arbeitsplatz an die Bedarfe der Mitarbeiter mit Behinderung angepasst. Das müssen nicht zwingend schwerwiegende Änderungen sein – es können auch ganz einfache Maßnahmen wie diese sein: Seit einer Umstellung auf Glasflaschen werden Getränkekisten so nah wie möglich am Tresen gelagert, damit körperlich nicht so fitte Mitarbeiter durch das Tragen nicht belastet werden – da schwer zu heben für niemanden gut ist, kommt das am Ende allen zugute.

„Die Ostholsteiner“ informieren

„Die Ostholsteiner“ sowie die beiden Tochterunternehmen sind in diversen Bereichen tätig und haben so Einfluss und Auswirkungen auf das Leben im Kreis Ostholstein. Über diese Links geht es zu verschiedenen Projekten:

Was den Mitarbeiterinnen besonders Freude macht

Ebenfalls wichtig: „Wir unterstützen uns alle gegenseitig“, sagt Anica Paustian. Die 30-Jährige ist eine Mitarbeiterin ohne Behinderung und arbeitet seit etwa einem Jahr als Tresenkraft. Eingearbeitet wurde sie unter anderem von ihrer Kollegin und Freundin Dominique Bartholome. Ihr gefällt die gute Atmosphäre zwischen den Angestellten. „Das ist hier auf jeden Fall ein Miteinander“, sagt sie. Was ihr und Dominique Bartholome außerdem viel Freude mache, sei der Umgang mit Stammkunden. Beispielsweise kämen insbesondere zu dem Angebot „Filmkunst am Montag“ häufig bekannte Gesichter. Man komme ins Gespräch, sagt Anica Paustian. „Das macht auf jeden Fall Spaß.“

So kann man spenden

Spenden können auf dieses Konto bei der Sparkasse Holstein überwiesen werden:

Inhaber: Die Ostholsteiner

Stichwort: „Hilfe im Advent“ (wichtig!)

IBAN: DE08 2135 2240 0179 2255 52

BIC: NOLADE21HOL

In Sachen Arbeitsanforderung sind sich Dominique Bartholome und Anica Paustian ebenfalls einig: ganz wichtig sei Kommunikationsfähigkeit. Gerade bei schwierigen Themen wie der Altersfreigabe sei es wichtig, den Gästen die Gesetzeslage erklären zu können, dabei freundlich und trotzdem bestimmt zu bleiben. Kompetenzen, die sich beide Mitarbeiterinnen angeeignet haben.

Besonderer Service für Hörgeräteträger

Nicht nur die Arbeitsverhältnisse sind im Lichtblick inklusiv. Auch im Kinosaal versucht man, Barrieren abzubauen. So ermöglicht eine sogenannte induktive Höranlage im großen Saal Hörgeräteträgern, den Film in besserer Tonqualität zu verfolgen. Auch in dem zweiten kleineren Saal, dem Atelier, ist der Einbau dieser Anlage (sie koppelt sich direkt mit den Hörgeräten) geplant. „Vor allem das Gesprochene ist besser verstehbar“, erklärt Lothar Irrgang. Ob die Anlage einwandfrei funktioniert, wird übrigens auch im Vorführraum angezeigt, wo Dominique Bartholome arbeitet. „Das ist besonders wichtig“, sagt sie. Schließlich soll jeder die Filme verstehen und alles muss stimmen, wenn im Lichtblick der Vorhang aufgeht.

Inklusion auch im Stadtcafé

Ein inklusiver Betrieb ist auch das Oldenburger Stadtcafé. Wie das Lichtblick-Filmtheater steht es unter dem Dach der „Ostholsteiner“. In dem historischen Backsteingebäude direkt am Markt arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Neben Kaffee, Kuchen und Torten werden auch Flammkuchen, Ofenkartoffeln, Salate und andere Gerichte angeboten. Geöffnet ist montags bis sonnabends von 8.30 bis 17 Uhr und sonntags von 9 bis 17 Uhr.

Von Luisa Jacobsen