Lockdown in Ostholstein: Gärtnereien werden Primeln nicht los
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Ostholstein Gärtnereien in Ostholstein bleiben auf ihren Primeln sitzen
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Lockdown in Ostholstein: Gärtnereien werden Primeln nicht los

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17:04 20.01.2021
Janina Schümann (19), Auszubildende zur Zierpflanzengärtnerin bei Rahlf in Schürsdorf, umgeben von Primeln. Die Pflanzen müssten jetzt in den Verkauf, das Pflanzencenter ist aber wegen des Lockdowns geschlossen.
Janina Schümann (19), Auszubildende zur Zierpflanzengärtnerin bei Rahlf in Schürsdorf, umgeben von Primeln. Die Pflanzen müssten jetzt in den Verkauf, das Pflanzencenter ist aber wegen des Lockdowns geschlossen. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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Auf den Schiebetischen in den Gewächshäusern leuchtet es blau, rot, pink und gelb. Januar ist Primelzeit. Primeln gehören zu den ersten Blühpflanzen im Jahr – das sagt schon ihr Name aus: Primula bedeutet die Erste. Die Farbtupfer, die eigentlich auf Fensterbänken und in Kübeln vor der Haustür ein bisschen gute Laune gegen das sonstige Corona-Grau verbreiten sollen, treiben Andreas Rahlf, Inhaber des Blumen- und Pflanzenmarktes Erich Rahlf & Söhne in Schürsdorf, Sorgenfalten auf die Stirn. „Wir wissen nicht, wie wir die Primeln loswerden sollen.“

50 000 Primeln, aber im Lockdown keine Kunden

Die gesamte grüne Branche habe im vergangenen Jahr auf die Versprechen der Politik vertraut, sagt Andreas Rahlf. „Ein zweiter Lockdown war im Sommer kategorisch ausgeschlossen worden. Nun stehen wir da.“

Die Planung für die Primeln werde im Juli abgeschlossen. Er hat 50 000 Stück in seinen Gewächshäusern. Auch bei seinen Kollegen in Ostholstein stehen etliche tausend verkaufsbereite Primeln – aber die Kunden dürfen nicht kommen. „Es geht faktisch nichts raus“, konstatiert Rahlf. Als Neujahrsgruß hat er Primeln an eine Senioreneinrichtung in Pansdorf verschenkt. 3000 Stück sind aber auch schon auf dem Kompost gelandet. „Und es ist absehbar, dass bis Mitte Februar, so lange, wie der Lockdown vorerst verlängert worden ist, weitere 15 000 Primeln dahin sein werden“, sagt er.

Sind gerade auf den Punkt fertig für den Verkauf: Die gerüschten Primeln stehen aber im Gewächshaus und werden wohl vernichtet. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Zwar bietet Andreas Rahlf grüne Ware zum Vorbestellen und Abholen sowie einen Lieferservice an, „aber es ist lächerlich, was dadurch rausgeht. Pflanzen kaufen ist ein Erlebnis, das macht man mit allen Sinnen. 50 000 Primeln kann man nicht übers Telefon verkaufen.“ Es leuchtet ihm nicht ein, „dass Gärtnereien und auch Baumärkte im Frühjahr systemrelevant waren, jetzt aber nicht“. Sein Betrieb sei breit aufgestellt, sagt Rahlf. Als Vorstandsmitglied im Wirtschaftsverband Gartenbau Schleswig-Holstein wisse er aber von etlichen kleinen Gärtnereien, denen das Wasser bis zum Hals stehe.

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Umsatzrückgang von mehr als 50 Prozent

Von „einem schweren Start ins Jahr“ spricht Waldemar Andersen, Chef der Firma Andersen Garten- und Landschaftsbau in Oldenburg. „Es bleibt ganz viel stehen. Der Umsatz ist um mehr als 50 Prozent zurückgegangen. Es ist dramatisch.“ Zwar hat er gleich zum Start des verschärften Lockdowns am 16. Dezember in seiner Ladentür eine Ausgabeluke eingerichtet, damit Kunden online oder telefonisch bestellen und ihre Blumen- und Pflanzenwünsche dann bei ihm abholen können. Auslieferungen sind ebenfalls möglich. „Aber das ist mehr, um am Kunden dranzubleiben“, schildert er. Auch wenn seine Mitarbeiter und er sich mit dem Bestellservice sehr viel Mühe gäben, fange das die Verluste durch den Lockdown bei weitem nicht auf.

Bei Waldemar Andersen können die Kunden telefonisch oder online vorbestellen und ihre Ware, zum Beispiel eine Palette Primeln, an der Ausgabeluke abholen. Quelle: Markus Billhardt

Hinzu komme ein weiteres Ärgernis, so Andersen: „Bei den Discountern werden Blumen und Pflanzen verkauft. Der Kunde kann sie sich da bequem in den Einkaufswagen stellen. Die Märkte haben ihre Abteilungen teilweise vergrößert und bewerben den Handel massiv.“ Das sei eine grobe Wettbewerbsverzerrung, findet er: „Ich bin sehr böse darüber. Wir Fachbetriebe bieten schließlich totale Qualität an.“ Die lasse sich mit Supermarktware nicht vergleichen. Der Wirtschaftsverband Gartenbau hat deswegen an Wirtschafts- und Gesundheitsminister sowie den Ministerpräsidenten geschrieben.

Mindestens 5000 Primeln drohen zu verderben

„Die Primeln blühen auf. Aber ich habe null Absatz“, sagt Dr. Hans Hermann Buchwald. Er führt zwei Pflanzencenter in Malente/Krummsee und Stockelsdorf, die seit Mitte Dezember geschlossen sind. „Die Pflanzen drohen zu verderben. Wir haben ja die Möglichkeit, die Blüte etwas zu verzögern. Aber nach vier Wochen Lockdown ist sie bei den frühen Sorten ausgereizt.“

20 000 Primeln hat er im Frühjahr beim Jungpflanzenbetrieb geordert, dort wurden sie ausgesät und pikiert. Getopft worden sind die Pflänzchen im September von den Buchwald-Mitarbeitern selbst. 5000 Primeln der frühen Sorten „sind jetzt im besten Stadium“, sagt Hans Hermann Buchwald. Aber an wen soll er sie verkaufen? Ein Bestellservice rechne sich für ihn nicht. „Auf dem Wochenmarkt stehen Händler, die schon seit Jahren dort sind. Denen wollen wir jetzt nicht Konkurrenz machen“, sagt Buchwald. Er befürchtet, dass er die 5000 Primeln wegwerfen muss, je nachdem, wann der Lockdown endet, wahrscheinlich noch mehr. Dass ihm der Schaden über irgendwelche Coronahilfen ersetzt wird, ist eine vage Hoffnung.

Der Name ist klangvoll. „Jupiter“ heißen diese zweifarbigen Primeln, die jetzt in den Verkauf müssten, aber bei Hans Hermann Buchwald im Gewächshaus stehen. Quelle: Ulrike Benthien

Experte: „Auf Lockdown folgt Ansturm“

 „Wir warten, dass wir wieder öffnen dürfen und setzen darauf, dass die Politik uns das bald gestattet. Der Mensch braucht doch Farbe. Pflanzen sind Lebensmittel für die Seele“, sagt der Experte. Deshalb ist er auch sicher, dass nach dem Lockdown ein Ansturm bei ihm einsetzen wird: „Wenn es losgeht, dann geht es richtig los. Dann wird es ein gutes Geschäft.“

Von Ulrike Benthien