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Ostholstein Angeklagter laut Gutachterin hochmanipulativ
Lokales Ostholstein Angeklagter laut Gutachterin hochmanipulativ
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17:16 23.01.2019
Als die Polizei am 9. Juli 2018 am Supermarkt in Lübeck eintraf, war der Täter bereits geflüchtet. Quelle: Holger Kröger (LN-Archiv)
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Lübeck

 Warum hat ein 39-jähriger Lübecker seine eigene Entführung vorgetäuscht? Diese Frage soll vor dem Lübecker Landgericht beantwortet werden. Der Angeklagte hatte sich Mitte Oktober selbst verletzt und an eine Bank auf dem Waldfriedhof in Timmendorfer Strand gefesselt. Es war der vorerst letzte Akt zahlreicher Straftaten. Seitdem wurden diverse Lügengeschichten des Mannes bekannt, der die ihm vorgeworfenen Delikte (Überfall auf Supermarkt, Waffenbesitz, Urkundenfälschung) gestanden hat. Die psychiatrische Sachverständige Dr. Christine Heisterkamp sprach von höchst manipulativen Fähigkeiten und einer guten Fantasie – beides setze der Lübecker ein, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Gutachterin: Keine Persönlichkeitsstörung

Die Gutachterin machte einen „großen Spalt“ zwischen Fantasie, Wunschdenken und Realität aus. Letztere seien der erzielte Hauptschulabschluss, eine gescheiterte Ehe, häufige Jobwechsel und eine Privatinsolvenz. Auch sprach sie von einem Hang zum Geschichtenerzählen. Auffälligkeiten für eine Persönlichkeitsstörung lägen nicht vor. Er sei vollkommen unauffällig und normal intelligent. Zu den Taten selbst habe er ihr gegenüber nichts sagen wollen.

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Aufgrund des Geständnisses zu Prozessbeginn fiel die Befragung mehrerer Zeugen deutlich kürzer aus. Dennoch wurde klar, dass der Angeklagte nicht immer die Wahrheit sagt. Eine Ex-Freundin (haben einen gemeinsamen Sohn) erzählte von einem mutmaßlichen Gedächtnisverlust. 2014 sei er plötzlich umgekippt, habe sie zunächst nicht wieder erkannt. „Er hatte angeblich einen Gehirntumor“, sagte sie. Kurz zuvor hatte der Mann vor Gericht einen Arbeitsunfall als Grund für die Amnesie genannt. Die Kette eines Lkw-Aufhängers sei gegen seinen Kopf geknallt. Weiter sagte die Zeugin aus, dass es immer eine Seite gegeben habe, die sie nicht verstand. „Er ist ein Mensch, der sehr viel Aufmerksamkeit braucht. Wenn die nicht da war, ist etwas passiert“, führte sie aus.

Kassiererinnen leiden an Überfall-Folgen

Der Prozess vor dem Landgericht geht am 30. Januar weiter. Quelle: LN-Archiv

Ebenfalls sichtbar wurden die Auswirkungen der verschiedenen Straftaten. Zwei Kassiererinnen des Penny-Supermarktes am Lübecker Ziegelteller schilderten, wie sie den Überfall am 9. Juli 2018 erlebten. Demnach habe der Angeklagte die beiden Frauen mit einer Waffe (stellte sich später als Softairpistole heraus) bedroht und 4205 Euro erbeutet. „Ich bin in psychologischer Behandlung“, sagte eine der Frauen und schob hinterher, dass sie gleich am nächsten Tag wieder arbeiten gegangen sei. „Ich muss ja Geld verdienen und überfalle keine Läden, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“ Ihrer Kollegin gehe es deutlich schlechter. „Sie hatte schon mit ihrem Leben abgeschlossen“, betonte sie. Die Genannte selbst war vor Gericht kaum in der Lage auszusagen, wirkte verängstigt und erzählte, dass sie nicht mehr alleine rausgehe, krankgeschrieben sei und Medikamente nehme.

Bild mit Obama fragwürdig

Ebenfalls als Zeugen geladen waren zwei ehemalige Arbeitskollegen des 39-Jährigen. Sie lernten ihn während seiner Zeit als Leiter der offenen Ganztagsschule Falkenfeld (Nachmittagsangebot/-betreuung) in Lübeck kennen und hatten ihn auf einem Phantombild der Polizei nach dem Supermarktüberfall erkannt. Mit Hilfe falscher Zeugnisse, darunter ein Doktortitel der Psychologie, hatte der Angeklagte den Posten bekommen und etwa fünf Monate (dann kündigte er) im Frühjahr 2018 an der Einrichtung des Kinderschutzbundes verbracht. „Die Stelle war öffentlich ausgeschrieben. Er hat mir eine Kopie seiner Doktorurkunde vorgelegt“, erinnerte der Geschäftsführer. Er habe ihn als hochengagiert erlebt, jedoch nach einiger Zeit an seinen fachlichen Fähigkeiten gezweifelt. Im Nachhinein würden einige Dinge unglaubwürdig erscheinen. So habe der Mann in seinem Büro ein Bild mit Ex-Präsident Barack Obama hängen gehabt und erzählt, dass er bei der US-Navy gewesen sei. Über die ominöse Zeit in den Vereinigten Staaten wollte der Lübecker vor Gericht nicht reden und hatte dies auch schon zuvor im Gespräch mit der psychiatrischen Sachverständigen abgelehnt.

Der Prozess geht weiter

Der Prozess wird am 30. Januar fortgesetzt. Das Urteil könnte bereits am 6. Februar verkündet werden. Insgesamt wurden 15 Zeugen und eine Sachverständige geladen. Nach dem Geständnis des Angeklagten wurden einige der Zeugen wieder ausgeladen, da eine Befragung laut Richter Kai Schröder nicht mehr notwendig sei.

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Sebastian Rosenkötter