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Ostholstein Lübecker gesteht eigene Entführung
Lokales Ostholstein Lübecker gesteht eigene Entführung
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17:52 23.01.2019
Der Angeklagte mit seinem Verteidiger Christian Schumacher. Quelle: Sebastian Rosenkötter
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Lübeck

Ein 39-Jähriger hat seine eigene Entführung inszeniert, sich mit einem Skalpell lebensgefährlich verletzt und anschließend an eine Bank auf dem Waldfriedhof in Timmendorfer Strand gefesselt. Zudem gestand er vor der III. Großen Strafkammer des Lübecker Landgerichts den Überfall auf einen Supermarkt, den illegalen Besitz von Waffen sowie Urkundenfälschung. Der Mann hatte sich als Doktor der Psychologie ausgegeben und mehrere Monate eine offene Ganztagsschule (Nachmittagsbetreuung) in der Hansestadt geleitet. Zum Prozessauftakt räumte er sämtliche Taten ein.

Überfall auf Penny-Supermarkt

Oberstaatsanwältin Bettina von Holdt listete die Taten detailliert auf. Demnach habe sich der Angeklagte zunächst am 9. Juli 2018 in den Penny-Supermarkt am Lübecker Ziegelteller kurz vor Geschäftsschluss einschließen lassen, sich maskiert und mit einer ungeladenen Softairpistole (Druckluftwaffe) zwei Kassiererinnen in ihrem Büro überfallen. Dabei habe er 4205 Euro erbeutet. Wenige Wochen nach dem Überfall veröffentlichte die Polizei ein Phantombild. Zeuginnen erkannten den Mann wieder. Auch hätten Polizisten in seinem Auto ein Einhandmesser mit einer Klinge von 7,5 Zentimeter sowie ein weiteres Messer mit einer zwölf Zentimeter langen Klinge gefunden.

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Der Prozess geht weiter

Der Prozess wird am 30. Januar fortgesetzt. Das Urteil könnte bereits am 6. Februar verkündet werden. Insgesamt wurden 15 Zeugen und eine Sachverständige geladen. Nach dem Geständnis des Angeklagten wurden einige der Zeugen wieder ausgeladen, da eine Befragung laut Richter Kai Schröder nicht mehr notwendig sei.

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Bildergalerie: Auf diesem Parkplatz in Timmendorfer Strand wurde der Gefesselte gefunden

Mit einer der Frauen hatte er von Januar bis Mai 2018 in der offenen Ganztagsschule Falkenfeld in Lübeck gearbeitet. Den Posten bekam er mit Hilfe gefälschter Zeugnisse. „Er hat sich als Doktor der Psychologie ausgegeben“, erläuterte die Oberstaatsanwältin. Mit Erfolg: Der Kinderschutzbund (Träger der Einrichtung) stellte den Mann als Leiter ein. „Es war ein Wunsch von mir, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Ich habe mich als Doktor ausgegeben“, sagte der Angeklagte. Zuvor hatte er bereits ausgeführt, dass es keinerlei Entschuldigung für seinen Taten gebe und diese als beschämend bezeichnet. Jedoch versuchte er sich an einer Erklärung: „Ich befand mich in einer Lebenskrise. Meine finanziellen Verhältnisse waren schlecht.“

Die Auffahrt am Parkplatz zum Waldfriedhof in Timmendorfer Strand wurde nach dem Fund des gefesselten Mannes abgesperrt. Quelle: Martina Janke-Hansen

Angeklagter verteilte eigenes Blut

Die wohl skurrilste Tat ereignete sich, nachdem er bereits des Raubs überführt worden war und sich – zur Vermeidung von Untersuchungshaft – einmal pro Woche bei der Polizei melden musste. Der 39-jährige dreifache Vater täuschte seine eigene Entführung vor. Nachdem er Mitte Oktober gefesselt und verletzt bei einem Friedhof gefunden worden war, erzählte er Polizeibeamten von einem Überfall in seiner Wohnung. Er sei mehrere Tage festgehalten und anschließend nach Timmendorfer Strand gebracht worden. Das alles war gelogen. Er räumte ein, sich selbst Blut abgenommen und dieses anschließend in seiner Wohnung verteilt zu haben. Anschließend reiste er einige Tage durch Europa, während seine damalige Freundin ein Suchaktion bei Facebook startete.

Auf dem Friedhof habe er sich mit einem Skalpell verletzt und mit Kabelbindern an eine Bank unweit des Grabs seiner Mutter gefesselt. Einer der Stiche war laut Gericht lebensgefährlich, da es zu inneren Blutungen gekommen sei. Richter Kai Schröder fragte den Lübecker, ob er sich habe umbringen wollen. Er bejahte dies. Jedoch sei sein Lebenswille zu stark gewesen, so dass er sich habe losreißen können. Kurz darauf wurde er unweit der Bundesstraße von zwei Frauen gefunden.

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Sebastian Rosenkötter