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Ostholstein 155 Stufen bis zum Panoramablick
Lokales Ostholstein 155 Stufen bis zum Panoramablick
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11:45 16.02.2019
Der Malenter Wasserturm ist ein weit sichtbares Bauwerk in der Holsteinischen Schweiz
Der Malenter Wasserturm ist ein weit sichtbares Bauwerk in der Holsteinischen Schweiz Quelle: Dirk Schneider
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Malente

Der Aufstieg auf den Malenter Wasserturm ist ein schweißtreibendes Abenteuer. An der Wand im Erdschoss hängt eine Leiter. 22 Sprossen müssen für die erste Etappe überwunden werden. Der Geschäftsführer der Gemeindewerke Malente Mario Lüdemann ermöglicht den Lübecker Nachrichten den Blick hinter alte Mauern, die für die Öffentlichkeit auch aus Sicherheitsgründen verschlossen sind.

Durch eine enge Luke klettert man auf den ersten Zwischenboden und steht plötzlich in einem großen, hellen Raum, der die gesamte Grundfläche des Turms einnimmt. „Ab jetzt wird es etwas leichter“, sagt Mario Lüdemann und zeigt lachend in eine Ecke. Von dort führt eine Holztreppe ins nächste, wiederum etwa sieben Meter hohe Geschoss. Nach drei weiteren leeren Stockwerken taucht in der Mitte der fünften Etage ein raumfüllender Betonzylinder auf. „Dahinter ist das alte Wasserbecken“, erklärt Lüdemann. Statt einer breiten Treppe führt nun eine schmale Stiege nach oben. Nach 155 Stufen ist der buchstäbliche Höhepunkt erreicht: Der höchste Raum in dem 38 Meter hohen Turm bietet durch die breiten Fensterfronten einen prächtigen Panoramablick über ganz Malente in die Holsteinische Schweiz.

Mario Lüdemann zeigt das Überlaufbecken im Malenter Wasserturm. Quelle: Dirk Schneider

Technik mit rostiger Patina

Das Innere des lichten Saals wird von einem runden, etwa einen Meter hohen Bassin eingenommen, das an den Seiten des fast quadratischen Raums bis auf 40 Zentimeter an die Außenwände mit den breiten Fensterfronten heranreicht. „Das ist der Überlauf des darunter liegenden Reservoirs“, erklärt Lüdemann. Von der alten Technik ist noch ein Schwimmer vorhanden, der einst per Seilzug den Wasserstand nach unten „meldete“. Auch Einfühlstutzen, Entlüftungsrohre sowie das Sprühkreuz, das 1927 zur Sauerstoffanreicherung und Eisenreduzierung des Wassers nachgerüstet wurde, sind noch vorhanden. Die Metallteile haben in Laufe der Jahrzehnte eine rostige Patina angesetzt. Auf dem Betonring markieren Ablagerungen verschiedener Mineralien die einstige Füllhöhe des offenen Beckens.

Statussymbol moderner Baukunst

Erbaut wurde der Turm 1912 nach achtjähriger Diskussion von einem privaten Unternehmen zur Versorgung eines neuen Villenviertels. Argumentiert wurde auch mit der Verbesserung der hygienischen Bedingungen und des Brandschutzes. Die Gemeinde hatte den Aufbau einer zentralen Wasserversorgung zunächst aus Kostengründen abgelehnt, stimmte dem Vorhaben aber schließlich zu. Hintergrund war sicherlich auch, dass die Region durch die touristische Entwicklung ab den 1880er Jahre kontinuierlich wuchs. Die landwirtschaftlich geprägten Dörfer Malente und Gremsmühlen hatten sich zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt und 1905 zu einem zentralen Kurort mit rund 1700 Einwohnern vereint. Anlässlich des Richtfestes sei der Turm als „Statussymbol moderner Baukunst“ und „Wahrzeichen bürgerlicher Macht und kommunalen Strebens“ bejubelt worden, schreibt Jens Ulrich Schmidt (Wassertürme in Schleswig-Holstein, Regia-Verlag).

Als das Wasserwerk einschließlich des Turms 1923 nach dem Tod des Eigentümers zum Verkauf stand, erwarb und modernisierte die Gemeinde die Anlage. In den 50er Jahren der Nachkriegszeit – Malentes Einwohnerzahl hatte sich durch Flüchtlinge und Vertriebene erneut verdoppelt – stieß der Wasserturm in der Ringstraße an seine Grenzen. 1959 entstand ein neues Wasserwerk mit leistungsfähigen Pumpen am Godenberg. 1967 ging eine weitere Anlage in Benz ans Netz.

Ein Blick hinter die alten Mauern des Malenter Wasserturms

Bauwerk unter Denkmalschutz

Der Wasserturm wurde aus dem Betrieb genommen und steht seit 1986 ungenutzt unter Denkmalschutz. Anfang 2000 versuchte die Gemeinde, die Immobilie zu verkaufen. Vermutlich aufgrund der komplexen Rahmenbedingungen fand sich jedoch kein Investor.

Neben denkmal- und naturschutzrechtlichen Auflagen dürfte dazu auch der Umstand beigetragen haben, dass in Nebengebäuden technische Anlagen wie Pumpen laufen, um weiterhin Wasser aus dem benachbarten Schutzgebiet zu fördern und ein Notstromaggregat für die Versorgungssicherheit vorgehalten wird, was eine freie Nutzung des Areals deutlich einschränkt.

Doch ganz leer steht der Turm nicht. Mario Lüdemann hat mit seiner Familie die ehemalige Dienstwohnung des Wasserwerkes gemietet und somit eine enge Verbindung zu seinem Arbeitsplatz hergestellt. Und mitunter nutzen auch Turmfalken das Bauwerk als Ansitz und Nistplatz.

Wasserturm in Zahlen

Baujahr: 1912, Turmhöhe: 38 Meter, Treppen- und Stiegen: 155 Stufen, Leiter: 22 Sprossen, Wasserbeckenvolumen: 142 Kubikmeter, Stilllegung: 1959, Denkmalschutz: 1986

Dirk Schneider