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Ostholstein Müssen Windräder wegen neuer Lärmschutz-Berechnungen bald nachts still stehen?
Lokales Ostholstein Müssen Windräder wegen neuer Lärmschutz-Berechnungen bald nachts still stehen?
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08:34 07.06.2018
Anfang des Jahres hat die Landesregierung ein neues Schallprognoseverfahren in Kraft gesetzt. Quelle: dpa
Ostholstein

Das jedenfalls meint Windkraftkritiker Holger Diedrich aus Gosdorf. Als Fachberater der Initiative Gegenwind Schleswig-Holstein und Mitglied der BUG in der Gemeinde Riepsdorf hat er sich in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv mit dem neuen Schallprognoseverfahren, den sogenannten LAI-Hinweisen (Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz) beschäftigt. „Es ist wesentlich näher an der Realität dran.“

Durch den Wegfall der Bodendämpfung ist laut Diedrich der prognostizierte Schall deutlich höher, sodass vielfach Richtwerte überschritten werden könnten. „Die Genehmigungen wurden in der Vergangenheit im Land auf Kante genäht“, betont der 59-Jährige. Daher lägen nach dem neuen Verfahren viele Wohngebiete, die sich vorher außerhalb oder gerade an der Grenze der Richtwerte für nächtlichen Schall (zwischen 22 und 6 Uhr) befanden, nun innerhalb und sogar mittendrin.

Anfang des Jahres hat die Landesregierung ein neues Schallprognoseverfahren in Kraft gesetzt. Es soll den Lärmschutz bei Windkraftanlagen verbessern. Die Beurteilung gilt nicht nur für neue, sondern auch für Bestandsanlagen. Stehen nun bald viele Windräder im Kreis nachts still?

Der Schalldruckpegel wird in Dezibel (A) gemessen. In der Nacht sind 40 dB(A) in allgemeinen Wohngebieten und 45 dB(A) in Dorf- und Mischgebieten zulässig. Dörfer wie Rüting und Grünbek bekämen mit 48 dB(A) die volle Ladung ab, sagt Dietrich, da sich die Schallleistung alle drei dB(A) verdoppeln würde. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sehe gesundheitliche Auswirkungen schon bei einem nächtlichen Lärmpegel von 40 dB(A). In Lensahn, Damlos und Burg auf Fehmarn würde nach Diedrichs Berechnungen die Grenzlinie nun fast durch die Orte verlaufen.

Überwachung der Anlagen in den kommenden Jahren

Auf der Insel Fehmarn geht es um alle vier Windparks, die den Richtwert überschreiten. Doch der Diplom-Geograf bezweifelt, dass das Ministerium für Energiewende und Umwelt sowie das zuständige Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) schnell reagieren werden. Das Kieler Ministerium teilt dazu mit: „Ein Überwachungskonzept für alte Anlagen befindet sich derzeit in der Endabstimmung. Es ist zeitnah mit einer Umsetzung zu rechnen.“ Das Landesamt werde im Rahmen einer Priorisierung die Überwachung aller bestehenden Windkraftanlagen im Zeitraum von voraussichtlich etwa zwei bis drei Jahren durchführen, heißt es in der schriftlichen Stellungnahme.

Betreiber, Investoren aber auch Bauherren, die Gemeinden und Bürger hingen derzeit in der Schwebe, wie es künftig weitergehe, sagt Diedrich. Für ihn gebe es keinen Zweifel: Nicht nur bei neuen Anlagen seien größere Abstände einzuhalten und eine Reihe von existierenden Windkraftanlagen müssten künftig in der Nacht heruntergefahren oder gar abgestellt werden – und dies würde überall in Ostholstein und ganz Schleswig-Holstein „richtig Bauchschmerzen verursachen“.

Das Energiewendeministerium und das LLUR gehen allerdings davon aus, dass eher „einzelne Anlagen“ betroffen sein werden. „Das LLUR überprüft, welche Anlagen in der Nachtzeit in der Leistung reduziert werden müssen, sofern die Einhaltung der Immissionsrichtwerte der technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm nicht durch andere technische Maßnahmen sichergestellt werden kann.“

Trotz Bedenken, was eine rasche Umsetzung betrifft, steht für Holger Diedrich fest: „Die Luft wird für die Betreiber dünner.“ Die goldenen Zeiten seien sowieso vorbei, sagt er. Derzeit erstellt er ein Gutachten für den Bereich Ratekau. Auch wenn er das Ergebnis nicht vorwegnehmen will: „Bisher habe ich überall Überschreitungen gefunden.“

 Von Markus Billhardt