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Ostholstein Mysteriös: Fischer fangen kaum noch Brassen
Lokales Ostholstein Mysteriös: Fischer fangen kaum noch Brassen
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21:32 02.02.2017
Die Brasse, auch Brachse genannt, gehört zur Familie der Karpfenfische. Kleine Brassen heißen bei den Fischern Plieten. FOTO*: W. BUCHHORN
Süsel/Eutin

Auch Kollegin Sabine Schwarten aus Eutin meldet: „Keine Brassen.“ Dass sie mal gute, mal schlechte Jahre haben, sind die Fischer gewohnt. „Aber so etwas Extremes hat noch kein Kollege erlebt“, sagt Peter Liebe.

Gründe sind völlig unklar– Weißfisch wird nicht nur in der Region vermisst.

Er hat mit alten erfahrenen Fischern gesprochen, keiner hat eine Erklärung dafür, dass bei den Fischzügen im vergangen Herbst keine Brassen in den Netzen gezappelt haben. „Aber sie müssen da sein. Im Frühjahr 2016 habe ich noch 150 Kilo aus dem Hemmelsdorfer See geholt, sie allerdings wieder ins Wasser geworfen, weil sich der Absatz einer so geringen Menge nicht lohnt“, berichtet Peter Liebe. Die Kormorane könnten diese Tiere nicht gefressen haben, dazu seien sie zu groß gewesen. Fische, die über ein Kilo wiegen, könnten die Vögel nicht schlucken.

In normalen Jahren fängt der Süseler in seinen Pachtgewässern zwischen zehn und 20 Tonnen Brassen, die er als Besatzfische für Angelteiche verkauft. Sabine Schwarten holt zwischen fünf und zehn Tonnen aus den von ihr bewirtschafteten Seen: 2016 war es eine knappe halbe Tonne. Peter Liebe befischt im Auftrag auch zwei große Gewässer in Bayern: den Altmühlsee und den Kleinen Brombachsee. Das Phänomen der fehlenden Weißfische hat er auch dort beobachtet: Statt der 20 bis 40 Tonnen Brassen, die er sonst bei seinen Zügen im Frühjahr und Herbst aus dem Wasser holt, waren es im vergangenen Jahr nicht einmal 500 Kilogramm.

Damit Brassen nicht überhand nehmen und andere Fische verdrängen, legt Peter Liebe auch im Stolper See, der dem Landessportfischereiverband und der Gemeinde Stolpe gehört, seine Zugnetze aus.

„Letzten Herbst wollte ich nach den Erfahrungen an den anderen Seen eigentlich gar nicht hinfahren, aber die Stolper haben mir versichert, sie hätten im Sommer viele Brassen gesehen. Und dann:

Nichts. Wie überall.“ Sabine Schwarten hat sich mit Berufskollegen in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern ausgetauscht: „Dort wurden auch so gut wie keine Brassen gefangen.“ Ähnliches berichtet Peter Liebes Händler, den er seit Jahren beliefert, sogar aus anderen europäischen Ländern: „Er hat mir erzählt, dass auch in den Niederlanden, in Polen und Rumänien keine Brassen zu bekommen seien“, sagt Liebe.

Die Brassen sind früher ein Zusatzgeschäft für die Fischer gewesen. „Man musste sie aus dem See nehmen, weil sie wertvolleren Fischen die Nahrung weggefressen haben.“ Als Speisefisch sei die Brasse in der Region nicht absetzbar gewesen. „Sie hat zu viele Gräten. Dabei ist ihr Fleisch eigentlich würzig, mit guten Eigengeschmack“, lobt der Fischer. Osteuropäer verarbeiteten Brassen gern zu Fischfrikadellen und -klößchen: Die Fische würden durch den Fleischwolf gedreht, bis die Gräten so sehr zerkleinert seien, dass man sie nicht mehr merkt.

Am 12./13. Dezember hat Peter Liebe seinen letzten Fischzug auf dem Hemmelsdorfer See gemacht – ohne Brassen mitgebracht zu haben. Seit Anfang Januar liegt eine Eisschicht auf dem See. In der nächsten frostfreien Phase, die mindestens eine Woche bis zehn Tage dauern muss, will er wieder raus. Die Hoffnung ist noch da. Sollte er jedoch wieder keine Brassen in seine Netzen haben, werden auch die Aussichten für viele Hobby-Angler an Deutschlands Seen und Teichen düster. ben

LN