Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Ostholstein Nach Gewalt an der Grundschule Süsel: Kieler Ministerium schickt zusätzliche Lehrer
Lokales Ostholstein Nach Gewalt an der Grundschule Süsel: Kieler Ministerium schickt zusätzliche Lehrer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:50 22.11.2019
Die Grundschule Süsel: Schüler, Eltern, Lehrer, Politik, Schulrat und Bildungsministerium wünschen sich, dass hier zügig wieder Ruhe einkehrt. Quelle: Ulrike Benthien
Eutin

Wie konnte es zu Gewaltausbrüchen von Drittklässlern an der Grundschule Süsel kommen? Was haben Schulleitung und Lehrer unternommen? Schulrat, Jugendbehörde, Bürgermeister, Gemeindevertreter – wer wurde wann über was informiert? Wie sind die Eltern mit der Situation umgegangen? Mit einem ganzen Fragenkatalog wartete der Süseler Schulausschuss am Donnerstag auf. Zur Klärung hatten CDU- und SPD-Fraktion den Schulrat, Vertreter der Jugendbehörde und des Bildungsministerium eingeladen. Auch etliche Mütter und Väter verfolgten die Sitzung.

Lehrerkollegium über längere Zeit durch Krankheit dezimiert

Der Leiter der Schulaufsicht im Bildungsministerium, Alexander Kraft, zeigt Verständnis für die Eltern. „Ich bedaure, dass diese Situation besteht. Es ist eine schwere Belastung für alle“, sagt Kraft. Er wünsche sich, die Schule wieder in ruhiges Fahrwasser zu bekommen. Kraft mutmaßt, dass auch das über längere Zeit durch Krankheit dezimierte Kollegium – derzeit fehlen vier von elf Lehrerinnen, darunter die Schulleiterin und ihre Vertreterin – mit zu der Situation an der Schule beigetragen habe.

Alexander Kraft, Leitung der Schulaufsicht aus dem Kieler Bildungsministerium. Quelle: Ulrike Benthien

„Es hat hier offensichtlich Konflikte gegeben“, räumt der Ministeriumsmitarbeiter ein. Die Prügelei zweier besonders auffälliger Schüler der dritten Klasse untereinander, bei der gebissen und der Kopf des einen Jungen von dem anderen auf den Boden geschlagen wurde, nennt er „körperliche Übergriffe von großer Ernsthaftigkeit“. Er versichert: „Wir werden gemeinsam mit der Schule entschieden handeln.“

Lesen Sie auch: Gewalt an Schule in Süsel: So reagieren LN-Leser

Wie das Bildungsministerium auf Anfrage mitteilt, ist ein Drittklässler bis einschließlich kommenden Montag vom Unterricht suspendiert. Über eine mögliche Verlängerung wird die Schulleitung entscheiden. Ein weiterer Schüler der dritten Klasse kann Dienstag in den Unterricht zurückkehren. Er solle unter anderem durch soziales Training der Schulsozialarbeit unterstützt werden, sagt eine Ministeriumssprecherin.

Schulrat hat Runden Tisch einberufen

Die Schule und Schulrat Manfred Meyer hätten bereits eine ganze Reihe von Maßnahmen angeschoben, erklärte Alexander Kraft. Es seien drei Vertretungskräfte, pensionierte ehemalige Lehrer, gewonnen worden, es werde in der kommenden Woche einen Runden Tisch mit dem Ministerium, dem Schulrat, dem Jugendamt, der Gemeinde und dem Kinderschutzbund (Träger der Schulsozialarbeit) einberufen, ein externer Coach stehe den Lehrern für Supervision zur Verfügung.

Vertretungsschulleiterin lobt engagierte Lehrer

Als erste Reaktion auf die Vorfälle der vergangenen Wochen ist als Interims-Schulleiterin Elisabeth Steinhoff, Sonderschulrektorin an der Schule zum Papenmoor in Bad Schwartau, vor acht Tagen nach Süsel beordert worden. „Ich erlebe an der Grundschule eine engagierte Lehrerschaft, die sich mit aller Kraft einsetzt und es auch schafft, die Situation zu meistern“, lautet ihr Fazit nach einer Woche vor Ort. Auch dank der Vertretungskräfte komme sie derzeit in ruhige Klassen. „Ich bin zudem mit einzelnen Eltern im Gespräch“, berichtet sie. Sie betont aber, dass sie noch dabei sei, sich ein Bild von der Schule zu verschaffen und zu netzwerken. „Ich werde nicht aktionistisch etwas auf den Markt werfen. Ich habe viele Ideen. Aber es gibt nicht innerhalb von fünf Tagen ein Konzept. Wir sind in der Entwicklung.“

Jugendamt berät Schulen auf Anfrage

Das Jugendamt sei von Michael Bergmann, Vater eines neunjährigen Mädchens, am 8. November benachrichtigt worden, nachdem seine Tochter von einem Mitschüler gewürgt worden sei, erläutert Angelika Wohlert. Die Fachdienstleiterin Soziale Dienste der Jugendhilfe beim Kreis wies darauf hin, dass es sich um eine Information, nicht um ein Hilfeersuchen gehandelt habe. „Alles, was in der Schule stattfindet, liegt auch in der Hoheit der Schule. Wir spielen dort keine Rolle, stehen aber in beratender Funktion zur Verfügung“, sagte sie.

Gewalt an Grundschule in Süsel

Michael Bergmann hatte ebenso wie ein anderer Vater, Robert Graf, dem Ausschuss dargelegt, warum sie sich, gemeinsam mit weiteren Eltern, dazu entschlossen hätten, ihre Kinder zeitweise aus der Schule zu nehmen und an einem Tag im Rathaus selbst zu unterrichten. „Wir wollten einen Notruf aussenden, weil alle anderen Mittel vorher nicht gegriffen haben“, sagt Bergmann. Graf ergänzt: „Es waren unhaltbare Zustände. Wir haben endlich gehandelt.“ Er sei Bürgermeister Adrianus Boonekamp (CDU) sehr dankbar dafür, dass er ihm und den Kindern Unterschlupf gewährt habe, so Bergmann.

Bürgermeister in der Kritik – es gibt aber auch Lob

Dafür muss der Bürgermeister allerdings heftige Kritik einstecken – vorgebracht von einem Großvater einer Drittklässlerin im Ausschuss, aber auch schon zuvor bei einem Gesprächstermin in der Schule. „,Wie können sich Eltern erdreisten, die Schule zu erpressen, und Sie unterstützen das auch noch?’, hat man mir vorgehalten“, berichtet Boonekamp. Er habe den Sitzungssaal auf Anfrage Bergmanns gern zur Verfügung gestellt, denn „das Rathaus ist für alle da“. Ihm droht auch Ärger von anderer Seite: Der Schulrat habe wegen des Unterrichtens im Rathaus eine rechtliche Prüfung bei der Kommunalaufsicht angeregt. „Für mich hat der Bürgermeister Menschlichkeit gezeigt“, erklärt Wolfgang Schümann (Freie Wähler).

Aggressiver Erstklässler droht mit „Augen ausstechen“

Die Gemeindevertreter sind von den Vorfällen an ihrer Schule bestürzt, zumal auch noch ein anderer Vater, dessen Tochter in die erste Klasse geht, weitere Vorkommnisse öffentlich machte. „Meine Tochter hat einen Mitschüler, der reißt die Lehrerin im Unterricht an den Haaren, er holt Knüppel aus dem Knick und geht auf andere Kinder los. Einem Jungen hat er angedroht: ,Ich komme zu dir nach Hause und steche deiner Schwester die Augen aus’“, berichtet Matthias Kniejeski. „Was soll ich ihr darauf sagen?“

Angebot für Schule: Sozialkompetenztraining

„Die Schilderungen haben mich echt geschockt“, sagt auch Michael Woyna (CDU). „Wir müssen wieder Ruhe in die Schule bekommen.“ Dafür sind alle Fraktionen bereit, weiterhin 25 Wochenstunden für Schulsozialarbeit (vorerst befristet bis zum 1. August 2020) zu bewilligen. Außerdem soll der Schule, wenn sie das Angebot annehmen will, ein Sozialkompetenztraining ermöglicht werden. Dafür sollen 4500 Euro (mit Sperrvermerk) in den Haushalt 2020 eingestellt werden.

Auf Vorschlag von Michael Bergmann, selbst Präventionsbeauftragter, soll die Grundschule Süsel der Arbeitsgemeinschaft gegen Gewalt an Schulen (Aggas) beitreten. Ziel dieser Kooperation ist ein direkter Kontakt zwischen Schule und Polizei.

Noch mehr Artikel aus Ostholstein

 

Von Ulrike Benthien

Als „zahnlosen Papiertiger“ bezeichnet Heiko Godow die Pflegeberufekammer in Schleswig-Holstein. Der Pflegedienstleiter ist einer von vielen, die die Kammer stark kritisieren. Die Zwangsmitgliedschaft ist nur einer der Gründe.

22.11.2019

An der Heinrich-Harms-Schule hat ein Jugendlicher einen 16-Jährigen mit einem Schlag ins Gesicht niedergestreckt. Er war zunächst bewusstlos und kam für mehrere Tage ins Krankenhaus.

22.11.2019

Große Unterstützung für die Ahrensböker Familie: Das Autohaus am Bungsberg in Oldenburg stellt ihnen ein größeres Fahrzeug zur Verfügung. In dem Seat ist genug Platz für Therapiestuhl, Kinder-Rollstuhl und Reha-Buggy.

22.11.2019