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Ostholstein Nach Haus-Crash: Maßregelvollzug für die Fahrerin?
Lokales Ostholstein

Nach Haus-Crash von Ratekau: Fahrerin droht Maßregelvollzug

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20:00 16.11.2021
Bei der Kollision richtete der SUV schwere Schäden an einem Bungalow in Ratekau an. Verletzt wurde zum Glück niemand.
Bei der Kollision richtete der SUV schwere Schäden an einem Bungalow in Ratekau an. Verletzt wurde zum Glück niemand. Quelle: Holger Kröger/LN-Archiv
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Ratekau/Lübeck

Maßregelvollzug oder Rückkehr zur Familie: Darum geht es für Milena G. (Name geändert) im Sicherungsverfahren vor dem Lübecker Landgericht. Die 29-Jährige war mit ihrem SUV, in dem auch ihr kleiner Sohn saß, in suizidaler Absicht in einen Bungalow in Ratekau gerast. Am vierten Verhandlungstag hat sich die Gutachterin geäußert. Staatsanwältin und Verteidiger hielten ihre Plädoyers.

Beschuldigte war „vollkommen losgelöst von der Realität“

An der Schuldunfähigkeit von Milena G. bestehen keine Zweifel, erklärte die Gutachterin Dr. Christine Heisterkamp, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vor der I. Großen Strafkammer des Lübecker Landgerichtes: „Sie war vollkommen losgelöst von der Realität und stand massiv unter Druck.“ Die Beschuldigte leidet demnach unter paranoider Schizophrenie, die häufig Verfolgungswahn hervorruft.

Suizidgedanken: Hier gibt es Hilfe

Wer Suizidgedanken hat, für den gibt es zahlreiche Hilfsangebote. Unter anderem können kostenfrei und anonym die Mitarbeiter der Telefon-Seelsorge angerufen werden. Die Nummer lautet 08 00/111 01 11.

Hilfe gibt es außerdem bei den Beratungsstellen des Kirchenkreises. Diese befinden sich unter anderem in Eutin, Neustadt, Stockelsdorf, Oldenburg sowie auf Fehmarn. Weitere Infos gibt es unter Telefon 045 21/800 54 24 oder 045 21/800 54 10 sowie auf der Internetseite www.kirchenkreis-ostholstein.de.

Unterstützung bei Lebenskrisen bietet auch die Brücke Ostholstein gGmbH an. Der Verein hat mehrere Beratungsstellen im Kreis. Detaillierte Informationen finden sich unter www.bruecke-oh.de.

Ein Angebot für Menschen unter 25 Jahre, die Suizidgedanken haben, hat die Caritas. Betroffene können sich anonym per E-Mail beraten lassen. Die IP-Adresse wird nicht erfasst. Die Schweigepflicht gilt. Weitere Informationen gibt es im Internet auf www.u25-deutschland.de.

Eltern von Kindern und Jugendlichen können sich unter der Nummer 04 51/400 25 04 00 bei der Institutsambulanz in Lübeck melden. Erwachsene bekommen auch beim sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamts unter 045 21/78 81 60 Hilfe.

Unter dem Einfluss eines „komplexen Wahnsystems“ fuhr die aus Polen stammende 29-Jährige im April dieses Jahres von ihrem Wohnort in Dänemark nach Schleswig-Holstein und nahm ihren damals elf Monate alten Sohn mit. Zunächst fiel Milena G. als Geisterfahrerin auf der Autobahn 1 auf, dann raste sie in der Nacht mit ihrem Audi Q5 in einen Bungalow in einem Ratekauer Wohngebiet, um sich das Leben zu nehmen. Die Beschuldigte, ihr Kind und die Hausbewohner, ein älteres Ehepaar, kamen nur mit Glück unverletzt davon. Die Ratekauer Eheleute sind aber bis heute auf Reparaturkosten von 100 000 Euro sitzen geblieben.

Könnte Milena G. erneut sich und andere gefährden?

„Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr in Tateinheit mit versuchtem Totschlag“, lautet der Vorwurf. Milena G. befindet sich seit dem verhängnisvollen Crash in einer psychiatrischen Fachklinik. Die Frage ist: Muss sie im Maßregelvollzug bleiben, weil sie im Zuge einer möglichen weiteren Psychose erneut sich und andere gefährden könnte – oder kann sie zu ihrem Kind und ihrem Verlobten nach Dänemark zurückkehren?

Die 29-Jährige habe gut auf Medikamente angesprochen und erkannt, dass sie psychisch krank sei, erläuterte Dr. Heisterkamp. „Sie schämt sich und hat in einem Gespräch gesagt, dass es nicht zu fassen sei, was sie getan hat.“ Zudem habe Milena G. vor ihrer Erkrankung ein normales Leben geführt. Wichtig sei jedoch, dass die medikamentöse und psychiatrische Behandlung der 29-Jährigen fortgesetzt werde: „Ohne Medikamente kommen in etwa zwei Drittel aller Fälle Psychosen zurück.“ Zudem müsse Milena G. lernen, auf frühe Warnzeichen zu achten.

„Es muss ein möglichst sicheres Netz vorhanden sein“, führte auch Staatsanwältin Britta Berkenbusch aus. „Aber das sehe ich noch nicht.“ Die medikamentöse Behandlung von Milena G. in Dänemark müsse von vornherein gesichert sein, ebenso die psychiatrische Behandlung auf Englisch, das die Beschuldigte sehr gut spricht. „Trotz der derzeit positiven Entwicklung beantrage ich deshalb die Unterbringung“, so Berkenbusch.

Die 29-Jährige will alle Auflagen erfüllen

Milena G. sei bereit, alle Auflagen zu erfüllen, betonte hingegen ihr Verteidiger Morten von Holdt, der dafür plädierte, die Unterbringung zur Bewährung auszusetzen. Er verwies darauf, dass seine Mandantin durch ihre Krankheit brutal aus ihrem unauffälligen Leben gerissen worden sei. So habe sie die ersten beiden Monate nach dem Crash in der Klinik fast ohne jeden Kontakt zur Außenwelt verbringen müssen, auf einer Pritsche liegend, nur mit einer Art dickem Poncho bekleidet.

Milena G. habe ihre Krankheit angenommen, sagte der Rechtsanwalt, „doch sie hat riesige Angst, nicht mehr in ihr Leben zurückkehren zu können“. Diese Angst verdeutlichten auch die Abschlussworte der Beschuldigten. „Ich möchte so gern zurück nach Hause, zu meinem Kind“, sagte Milena G. unter Tränen. „Ich bin bereit, alles dafür zu tun, um meine Krankheit zu bekämpfen.“ Die Entscheidung des Gerichtes soll am Freitag, 19. November, verkündet werden.

Von Sabine Jung