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Ostholstein Nach Urteil gegen Mutter: Wer hilft den Kindern aus Lensahn?
Lokales Ostholstein Nach Urteil gegen Mutter: Wer hilft den Kindern aus Lensahn?
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13:35 16.11.2019
Lensahn ist durch den Prozess gegen die Mutter mit dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom in die Schlagzeilen geraten. Quelle: Rosenkötter/dpa/Montage
Lensahn

Sie hat nicht nur ihre Kinder krank gemacht und ihnen die Kindheit genommen: Die Mutter aus Lensahn, die deshalb zu acht Jahren Haft verurteilt wurde und nun hinter Gittern sitzt, hat auch ihre Familie gesprengt. Während sie sich in der Justizvollzugsanstalt befindet, sind ihre drei Söhne Lukas (17), Leander (14) und Leon (11, alle Namen geändert) mit ihrem Vater allein.

Er, der nach Zeugenaussagen jahrelang passiv blieb, muss jetzt das Familienleben organisieren und seinen Söhnen helfen. „Der war dieser Frau nie gewachsen“, sagt jemand, der die Eltern kennt. Der Mann, der jetzt ohne die sehr dominante Mutter dasteht und alles selbst entscheiden muss, bekommt dabei aber Unterstützung. Es gibt eine Reihe von Angeboten, die er in Anspruch nehmen kann. Er muss das nur wollen und beantragen. Sein Arbeitgeber zeigt nach dessen Angaben viel Verständnis für die Situation und ermöglicht ihm, sich seine Zeit freier einzuteilen.

Trotz Leid enge Verbindung zur Mutter

Die Kinder haben plötzlich ihre bisher wichtigste Bezugsperson verloren – ihre Mutter. Der Prozess hat deutlich gemacht, dass die drei Söhne und eine inzwischen ausgezogene Tochter zwar erheblich unter den Taten der Angeklagten litten, ihr aber auch bis jetzt sehr eng verbunden sind. Es bestehe eine geradezu krankhafte Identifikation zwischen Mutter und Kindern, hatte die psychiatrische Sachverständige Dr. Mariana Wahdany im Prozess gesagt.

Wie geht es jetzt weiter mit den Jugendlichen? Wie können sie sich aus ihrer krank machenden Abhängigkeit von der Mutter befreien, das Geschehene verarbeiten, um ein einigermaßen normales Leben zu führen? Das Jugendamt des Kreises Ostholstein beruft sich in einer Stellungnahme auf den Sozialdatenschutz: „Insbesondere die Kinder der Familie gilt es vor einer noch weitergehenden Zurschaustellung ihres Lebens zu schützen“, teilt Alfred Grüter, Leiter des Fachbereichs Soziales, Jugend, Bildung und Sport des Kreises Ostholstein, mit.

In Lensahn herrscht wieder Ruhe

Damit ist nicht nur das gemeint, was an Innenansichten aus dem Leben der Familie im Laufe des Prozesses ans Licht der Öffentlichkeit kam. Auch der kleine Ort Lensahn ist durch diesen Fall in die Schlagzeilen geraten. Dieter van Bühren, Büroleiter im Amt Lensahn, hat davon gehört, dass Kamerateams das Haus der Familie belagerten und versucht wurde, in die Fenster zu fotografieren. Mittlerweile sei im Ort aber wieder Ruhe eingekehrt.

„Das Jugendamt setzt weiter auf Kontakt und Zusammenarbeit mit der Familie – zum Schutz der Kinder“, heißt es in der Erklärung von Grüter. Wenn Eltern ihre Kinder schädigten, vernachlässigten oder misshandelten, habe das Jugendamt die Aufgabe, das zu erkennen und zu verhindern. Der Wunsch der Kinder, bei ihren Eltern zu sein, müsse dabei berücksichtigt werden. Die Opfer sollten nicht erneut zu Opfern gemacht werden. Daher sei eine sorgfältige Abwägung aller Aspekte notwendig.

Wann sind Kinder in Gefahr?

Dass der Vater und die Kinder der Mutter aus Lensahn jetzt Hilfe benötigen, dürfte niemand bestreiten. Was aber können Angehörige, Nachbarn, Freunde oder Lehrer tun, damit Kinder erst gar nicht zu Opfern werden? Wie mit der Unsicherheit umgehen, ob Toben und Rangeln die Ursache für blaue Flecken bei Kindern sind oder vielleicht doch Misshandlungen? Wie reagieren, wenn einem etwas komisch vorkommt, der Gang zum Jugendamt aber gescheut wird? Beratungsstellen für Familien helfen weiter. Es gibt sie beim evangelischen Kirchenkreis Ostholstein und beim Kinderschutzbund Ostholstein.

Hier gibt es Rat

Der Kinderschutzbund Ostholstein betreibt in Neustadt eine Familienberatungsstelle Gewalt gegen Kinder. Ein ähnliches Angebot gibt es in der Heiligenhafener Außenstelle. Die Beratung erfolgt anonym, direkt und kostenfrei. Weitere Infos gibt es unter der Nummer 045 61/51 23 25.

Die beiden Beratungsstellenfür Familien-und Lebensfragen des Kirchenkreises Ostholstein stehen allen Ratsuchenden kostenfrei zur Verfügung. Zehn Berater bieten in Neustadt, Eutin, Burg auf Fehmarn, Oldenburg sowie Stockelsdorf ihre Unterstützung bei Erziehungsfragen, familiären Schwierigkeiten, partnerschaftlichen Problemen oder in Lebenskrisen an. Die Beratungsstellen in Eutin und Stockelsdorf sind unter Tel. 045 21/800 54 24, die in Neustadt, Oldenburg und auf Fehmarn unter Tel. 045 21/800 5410 erreichbar.

„Wir haben mehrere Fachkräfte, die angesprochen werden können, sagt Sozialpädagoge Matthias Thoms, Fachbereichsleiter beim Kinderschutzbund. Dort werden Fragen geklärt, ob ein Verdacht begründet ist oder auf Spekulationen beruht. Thoms macht aber auch klar: „Bei Gefahr im Verzug ist das Jugendamt einzuschalten.“ Der Kinderschutzbund habe eine Lotsenfunktion, sagt dessen Geschäftsführer Henning Reimann. Oft herrsche Unsicherheit, wer wofür zuständig sei.

Zahlreiche Hilfsangebote

Hilfe und Beratung leistet das Kinderschutzzentrum des Kinderschutzbundes aber nicht nur Außenstehenden, die sich Sorgen um Kinder machen. Das Elterntelefon mit der kostenlosen Nummer 08 00/111 05 50 (montags bis freitags 9 bis 11 Uhr, dienstags und donnerstags 17 bis 19 Uhr) ist ein Beratungsangebot für alle Menschen, die an der Erziehung von Kindern beteiligt sind. Eltern können mit kompetenten Beratern anonym über Erziehungsprobleme sprechen. Weitere Angebote sind Ambulante Hilfen, die Familien durch Krisen und Konflikte helfen.

Auch das Jugendamt sei jederzeit ansprechbar, sagt Grüter. Es gibt eine 24-Stunden-Bereitschaft. Sie ist während der regulären Arbeitszeiten über die Telefonzentrale des Kreises, Tel. 045 21/78 80, und nachts sowie am Wochenende über die Polizei zu erreichen.

Berichte über den Prozess gegen die Mutter und seine Folgen

Der Prozess um die Ostholsteiner Mutter, die ihre Kinder in den Rollstuhl gezwungen haben soll, ist Dauerthema. Hier gibt es einen Überblick:

Der Prozessbeginn: So lief der erste Tag vor dem Lübecker Landgericht.

Für Aufregung sorgte die Nachricht, dass einige der Kinder noch bei der Mutter leben. Warum das Jugendamt dies nicht verhindern konnte, steht hier.

Lehrkräfte und Schulbegleiter haben ausgesagt: Die Mutter geriet bereits 2014 ins Visier der Ermittlungsbehörden.

Am dritten Prozesstag sagte der medizinische Gutachter aus: Keine krankhaften Befunde.

Die Odyssee der Kinder nach der Inobhutnahme ist hier beschrieben.

Alles, was am Anfang bekannt ist, ist hier zusammengefasst.

Kommentar zum Prozess: Kinder dürfen nicht zum zweiten Mal zu Opfern werden

Welche merkwürdigen Randnotizen es bei dem Prozess gibt,lesen Sie hier.

Drohungen und Manipulation? Zeugen berichten vom Schreckensregime der Mutter

Zeugen belasten Mutter schwer: Kinder wurden gedemütigt.

Am sechsten Verhandlungstag zeigt die Mutter zum ersten Mal Emotionen.

Gutachten wird mit Spannung erwartet: Wie tickt die Mutter?

Am 7. Verhandlungstag nennt eine Expertin die Mutter mitleidslos.

Warum das Jugendamt jetzt nicht reagiert.

Am 8. Verhandlungstag wurde ein interessanter Zeuge gehört.

In ihrem Plädoyer forderte die Anklage eine hohe Haftstrafe.

Das Urteil: Die Angeklagte muss acht Jahre in Haft.

So siehtunsere Kommentatorin das Urteil.

Von Susanne Peyronnet

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