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Ostholstein Ostholstein hat bald die ältesten Bewohner im Norden
Lokales Ostholstein Ostholstein hat bald die ältesten Bewohner im Norden
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09:09 22.02.2019
Ein Foto mit Symbolkraft: In der Neustädter Fußgängerzone herrscht kaum Betrieb. Die Zahl der Einwohner nimmt ab. Quelle: Sebastian Rosenkötter
Eutin

 Der Kreis Ostholstein hat eine detaillierte Bevölkerungs- und Haushaltsprognose erstellen lassen. Demnach wird die Zahl der Einwohner in allen Orten außer Stockelsdorf und Sierksdorf im Jahr 2030 niedriger sein als aktuell. Überdurchschnittliche Verluste von acht bis elf Prozent erwartet das Gutachterbüro für ländliche Bereiche wie Bosau, Süsel, Lensahn, Oldenburg-Land und Grube.

Während Ende Juni 2018 noch 200 972 Ostholsteiner gezählt wurden, sollen es in elf Jahren nur noch 190 283 sein (minus 5,3 Prozent). Die Zahl der Neubürger reicht dann nicht mehr aus, natürliche Verluste auszugleichen. „Die Zahl der 65-Jährigen und Älteren nimmt um circa 20 Prozent zu. Der Anteil dieser Gruppe an der Gesamtbevölkerung, der bereits 2014 mit Abstand eine Spitzenstellung in Schleswig-Holstein einnahm, steigt damit von 27 Prozent 2014 auf 33 Prozent 2030 nochmals merkbar an“, heißt es in dem Abschlussbericht der Prognose.

So entwickelt sich die Bevölkerung im Kreis Ostholstein bis 2030. Die Zahl der Senioren wird stark ansteigen. Quelle: Jochen Wenzel (Grafik)

Prognose hilft Gemeinden

„2030 wird Ostholstein wohl der älteste Kreis in Schleswig-Holstein sein“, sagt Nils Hollerbach. Der Fachbereichsleiter Planung, Bau und Umwelt vom Kreis erläutert, dass die Daten in erster Linie für die Gemeinden erhoben worden seien. Ziel sei es gewesen, den Wohnbedarf zu ermitteln. „Jede Kommune hat Interesse, solche Daten zu bekommen“, betont er. Es gehe um den tatsächlichen Bedarf, darum, dass Neubauten und Neubaugebiete nicht umsonst geplant würden.

Darüber hinaus seien die Erkenntnisse auch für die Landesplanung relevant. „Das beauftragte Büro macht das in allen Kreisen. So hat man gemeinsame Ergebnisse mit einer Basis“, erläutert Nils Hollerbach. Hinzu komme, dass das Land Bauprojekte häufig nur dann genehmige, wenn eine Bevölkerungs- und Haushaltsprognose vorliege. „Wir befinden uns aktuell in einer Hochzeit des Bedarfs“, sagt Hollerbach. Fast überall im Kreis würden dringend Wohnraum und Bauland benötigt. Mit Hilfe der Daten könnten Gemeinden entscheiden, ob sie den „heißen Markt“ aushalten. Schließlich – so die Prognose – nehme der Bedarf in wenigen Jahren wieder ab.

Flüchtlinge verringern Rückgang

Auffällig ist, dass selbst der Zuzug zahlreicher Flüchtlinge seit 2015 den Bevölkerungsrückgang nicht aufhalten kann. „Lediglich in den ersten Prognosejahren bis 2018 führt der angenommene Flüchtlingszuzug zu einer zunächst noch steigenden Einwohnerzahl“, betonen die Macher der Studie. Weiter heißt es, dass die Zahl der Ostholsteiner ohne diese Gruppe der Neubürger sogar um 7,4 Prozent (etwa 14 700 Personen) sinken würde. Nicht vorhersehbar ist, ob anerkannte Flüchtlinge im Kreis bleiben oder sich in anderen Teilen Deutschlands niederlassen.

Ebenso wenig kalkulierbar ist laut Hollerbach ein weiterer Faktor – das Betongold. „An der Küste haben wir einen Ausverkauf. Zweit-, Dritt- und Viertwohnungen werden gekauft“, sagt er. Genaue Zahlen gebe es keine. Dennoch verschärfe sich die derzeitige Wohnungsnot. Eine Folge sei, dass Gemeinden empfohlen werde, bei Hotelneubauten Investoren zu verpflichten, Wohnraum für Angestellte zu schaffen. „Der Fachkräftemangel lässt sich ohne angemessenen Wohnraum nicht beheben“, sagt der Fachbereichsleiter des Kreises.

Kleine Haushalte nehmen zu

Laut Prognose wird die Zahl der Haushalte zunächst weiter ansteigen. Der Bedarf für den Zeitraum 2015 bis 2030 wird auf etwa 6400 Wohnungen beziffert. Darin enthalten ist ein Ersatzbedarf von 3300 Wohneinheiten. Insbesondere die Zahl der Ein-Personen-Haushalte für Menschen über 70 Jahre werde um 23 Prozent zunehmen. Dies verwundert wenig. Nicht nur werden die hier lebenden Bürger immer älter, auch ziehen viele Senioren aus anderen Bundesländern nach Ostholstein. „Der Kreis ist für Menschen im Ruhestand sehr angenehm. Wir haben eine gute Infrastruktur medizinischer Art“, erklärt Hollerbach. Viele hätten jahrzehntelang an der Ostsee Urlaub gemacht und würden nach getaner Arbeit dauerhaft bleiben wollen.

Die Macher der Studie

Die kleinräumige Bevölkerungs- und Haushaltsprognose für den Kreis Ostholstein bis zum Jahr 2030 wurde vom Gutachterbüro Gertz/ Gutsche/ Rümenapp erstellt. Auftraggeber war der Kreis. Finanziert wurde sie vom Land Schleswig-Holstein.

Datengrundlage waren Zahlen des Statistischen Landesamtes. Zudem wurden die Gemeinden, Ämter und Städte in Ostholstein eingebunden. Erfasst wurden unter anderem Infos über Gemeinschafts- und Sammelunterkünfte für Flüchtlinge, größere Arbeitgeber, größere Bauvorhaben in Vergangenheit und Zukunft sowie geplante Senioren- und Ferienwohnungen.

Sebastian Rosenkötter