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Ostholstein Vor 100 Jahren endete das große Sterben
Lokales Ostholstein Vor 100 Jahren endete das große Sterben
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12:04 12.11.2018
Die Grenzwache Scharbeutz bewachte 1915 die Grenze zwischen Deutschland und Dänemark. Das Foto stammt aus dem Fundus des Museums für Regionalgeschichte Pönitz/Sammlung Dr. Kersten Jungk. Quelle: HFR
Eutin/Süsel

Vor genau 100 Jahren, um 5 Uhr morgens am 11. November, endete der Erste Weltkrieg. An den Fronten schwiegen die Waffen, in der Heimat litten die Menschen weiter unter Lebensmittelknappheit und unter dem Verlust ihrer Väter, Männer, Brüder und Söhne. Es folgten die Wirren der Revolution. In Zeitzeugnissen, die sich überall in Ostholstein finden, wird diese Zeit lebendig.

Mobilmachung in Eutin

Ich stand am Samstagabend um 6 Uhr auf den Terrassen am See, in dem sich gegenüber der altväterliche Kirchturm von Eutin spiegelte. Unsägliche Anmut goß die goldene, langsam sich neigende Sonne über Wald und Flur, Garten und Wasser. Da schwangen sich weiche Glockenklänge vom Kirchturm über den See herüber. (. . .) In diesem Moment kommt der Gärtner gelaufen und ruft: „Krieg! Am Spritzenhaus schlagen sie die Mobilmachungsorder an.“

Am Abend war patriotische Musik der Stadtkapelle auf dem Marktplatz unserer kleinen Stadt. Eine dichte Menge vom umliegenden Lande und aus der Stadt selbst erfüllte ihn. Gedämpft war die Stimmung. Der Ernst der Stunde wurde stark empfunden. Am erhöhten Gitter des Kriegerdenkmals auf dem Markt stand ein Meldeoffizier, um den sich die Kriegsfreiwilligen, die zur Fahne wollten, herumdrängten. Der Bürgermeister hielt von den Denkmalsstufen aus eine vaterländische Ansprache, die mit begeisterten Hurrarufen aufgenommen wurde.

Aus: Georg Wegener, „Der Wall von Eisen und Feuer“.

„Am politischen Himmel ziehen sich drohende Wolken zusammen“, schreibt Johanna Steen in die Schulchronik der Mädchenschule Eutin. Die Konrektorin hat über die Kriegsjahre hinweg festgehalten, wie es den Menschen in Ostholstein ging. Otto Rönnpag hat ihr und ihren Texten im Jahrbuch für Heimatkunde Eutin von 1985 mit einem Artikel ein Denkmal gesetzt. Einer anderen, viel schwierigeren Aufgabe, hat sich der Ober-Sekundaner Peter Thede gewidmet. Er stellte 1916 zusammen, wie es ehemaligen Schülern erging und gab darüber ein kleines Heft heraus. Es trägt den Titel „Die früheren Schüler des Großherzoglichen Gymnasiums zu Eutin im Kriege“ und ist in der Eutiner Landesbibliothek zu finden.

Notreifeprüfung und Heldentod

Finanziert wurde der Druck des Heftes unter anderem durch Spenden der Großherzoglichen Regierung, von Herrn Bürgermeister Mahlstedt und Herrn Direktor Künnemann. Der Leiter des Gymnasiums schrieb auch das Vorwort und vermerkte darin über die ehemaligen Schüler: „Von manchem fehlt noch jetzt jede Kunde.“ Von anderen wusste man, dass sie „den Heldentod gestorben waren“. 33 Namen von Gefallenen sind auf der zweiten Seite vermerkt, unter anderem der von Friedrich Plewka, der 1914 die erste Notreifeprüfung auf dem Gymnasium ablegte, um in den Krieg zu ziehen. Er fiel am 26. Februar 1915 bei Moulin in Frankreich.

Wer noch lebte, dessen Schicksal listete das Heft genau auf. Von Willi Hirschfeldt, Abschlussjahrgang 1907, heißt es: „Im November 14 wurde er bei Chauny durch einen Beinschuss verwundet, erkrankte gleichzeitig an der Ruhr und kam nach Berlin in ein Lazarett.“ Damit war der Kriegseinsatz von Hirschfeldt längst nicht vorbei. Nach seiner Genesung wurde er erneut verwundet. „Im April erhielt er bei Flirey einen Streifschuss und wurde von einer 38 cm Granate gänzlich verschüttet. Nach sechs Tagen kam er im Lazarett in Hamburg wieder zum Bewußtsein. Nachdem er sich hier von einer Gehirnerschütterung und einem ,Nervenschok’ (Originalschreibweise) erholt hatte, kam er nach Berlin ins Lazarett und musste darauf zunächst in Döberitz Rekruten ausbilden.“

Ob Willi Hirschfeldt das „Rekruten ausbilden müssen“ schlimm fand, ist nicht überliefert. Wenig später, auch das verraten Thedes Recherchen, macht Hirschfeldt eine Ausbildung zum Flieger und wird nach Breslau versetzt. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Er taucht auf keiner Gefallenenliste auf und hat den Krieg vermutlich überlebt. So viel Glück hatten viele andere Ostholsteiner nicht. Allein 17 Mitarbeiter der Kreis-Oldenburger-Eisenbahn starben im Ersten Weltkrieg. Ihre Namen sind auf einem Denkmal in Heiligenhafen vermerkt. 14 Männer, davon vier mit Nachnamen Markmann, starben „im Kampfe um die Heimat von dem Gute Wintershagen den Heldentod“, wie es auf einer Tafel auf Privatgrund steht.

Grenzwächter aus Scharbeutz

Nicht nur die jungen Männer mussten in den Krieg ziehen. Die Mitglieder der Wache Scharbeutz, die sich Weihnachten 1915 zu einem Gruppenfoto zusammenfanden, hatten die 40 bereits überschritten. Sie wurden nicht auf den Schlachtfeldern im Westen verheizt, sondern bewachten die Grenze zwischen dem damals noch deutschen Sonderburg und Dänemark. Dort, berichtet der Scharbeutzer Heimatforscher Dr. Kersten Jungk, habe es einen Grenzwall gegeben, der mit schwerer Artillerie und sogar mit Zeppelinhallen bestückt war. Kämpfe wurden dort jedoch nicht ausgetragen. Deshalb kamen der Chef der Grenzwache, der Scharbeutzer Schuhmachermeister Otto Capell, und seine Männer gesund wieder nach Hause.

Während die Männer in der Schlacht waren oder die Grenzen bewachten, kam der Krieg in Gestalt von Gefangenen nach Ostholstein. Johanna Steen vermerkt: „In den letzten Wochen des Jahres 1917 trafen in der Stadt etwa 500 belgische, französische und englische Kriegsgefangene ein, die in der Kaserne untergebracht wurden.“ Zwar weckten die Gefangenen die Neugier der Eutiner, die aber kämpften vor allem gegen die Lebensmittelknappheit. Die Fleischrationen wurden auf 150 Gramm pro Woche für Erwachsene, Kinder die Hälfte, herabgesetzt. Weil es in Eutin zu „Gartendiebstählen“ kam, wurde zur Gründung einer Bürgerwehr aufgerufen, um die Gärten zu bewachen.

Frauenhaar für Dichtungsringe

Daneben musste Material für den Krieg gesammelt werden. Johanna Steen habe laut dem Artikel von Rönnpag berichtet, dass ausgekämmtes Frauenhaar für Treibriemen, Filzplatten, Dichtungsringe und vieles andere gesammelt werden sollte. Besonders sei darauf hingewiesen worden, dass es keine abgeschnittenen, sondern nur ausgekämmte Haare sein sollten. Auch Laubheu wird gesammelt und getragene Männerkleidung.

Heute erinnern auf den Schlachtfeldern in Frankreich Soldatenfriedhöfe mit Tausenden und Abertausenden von Kreuzen an das große Sterben. In der Heimat wurden Kriegerdenkmäler errichtet, auf denen die Namen der Gefallenen verzeichnet sind.

Susanne Peyronnet

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