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Ostholstein Ostholsteins Rettungsdienst wird neu organisiert
Lokales Ostholstein Ostholsteins Rettungsdienst wird neu organisiert
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18:04 24.05.2019
Der Rettungsdienst im Kreis Ostholstein soll neu organisiert werden. Quelle: Susanne Peyronnet
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Ostholstein

Es ist ganz einfach: Wer schnell medizinische Hilfe benötigt, ruft die 112 an. Und schon ist ein Rettungswagen und bei Bedarf ein Notarzt unterwegs, damit dem Patienten schnell geholfen werden kann. Bisher kommen die Sanitäter in Timmendorfer Strand vom Malteser Hilfsdienst, in Heiligenhafen und Burg auf Fehmarn vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), in Cismar von der Johanniter-Unfall-Hilfe, in Oldenburg, Neustadt und Bad Schwartau vom DRK. Den Rettungsdienst in Eutin teilen sich Johanniter und DRK.

Im Konzert der vier Hilfsorganisationen soll es nun einen neuen Spieler geben, den Kreis Ostholstein. Der ist zwar formal schon jetzt Träger des Rettungsdienstes, strebt aber eine eigene Rettungsorganisation an, die „Rettungsdienst Holstein“ heißen wird. Die kreiseigene Organisation soll sich vor allem um die Verwaltung des Rettungsdienstes kümmern, will aber auch einen Teil der Rettungsdienstfahrten übernehmen. Genau da liegt der Knackpunkt. Zunächst hieß es sogar, der „Rettungsdienst Holstein“ solle die zusätzlichen Fahrten übernehmen, die künftig notwendig werden

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Kreis will Rettungsdienst-Fahrten absolvieren

Das Vorhaben hat die vier Hilfsorganisationen auf den Plan gerufen. Die neue Organisation will ihnen zwar nichts wegnehmen, jedenfalls nicht direkt. Aber der sogenannte Aufwuchs der Rettungsmittel, wie es im schönsten Behördendeutsch heißt, sollte vom kreiseigenen „Rettungsdienst Holstein“ übernommen werden. „Die Gründe dafür kann ich nicht nachvollziehen“, kritisiert Kai-Uwe Preuß, Regionalvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe im Namen aller vier Hilfsorganisationen.

Ein Gutachter hat festgestellt, dass Ostholstein deutlich mehr Rettungswagen und Sanitäter braucht, als bisher vorhanden sind. Das ist der sogenannte Aufwuchs der Rettungsmittelvorhaltung. Heißt konkret: Der demografische Wandel macht mehr Fahrten des Rettungswagens nötig. Rein statistisch, erläutert der DRK-Bereichsleiter Rettungsdienst Christian Kraft, kämen auf 1000 Einwohner im Alter von 80 Jahren pro Jahr 500 Notfälle, bei 85-Jährigen seien es gar 1000. „Ostholstein ist ein alter Kreis", sagt Kraft.

Unterkühlung als Notfall

Hinzu kommt eine Änderung bei der Notfall-Bemessung. Die Gefahr einer Unterkühlung wurde bisher nicht als Notfall geführt, ist jetzt aber eine. Wer mit einem verknacksten Knöchel an kalten oder kühlen Tagen irgendwo draußen sitzt, ist ein Fall für den Rettungsdienst. Das war bisher nicht so. Das alles führt dazu, dass der Kreis Ostholstein außerhalb der Touristensaison die Zahl der Rettungswagen und Sanitäter um 27 Prozent aufstocken muss.

Die Rettungswagen reichen nicht mehr aus. Der Kreis muss mehr Rettungsmittel bereit stellen. Quelle: Susanne Peyronnet

Diese 27 Prozent wollte komplett der kreiseigene „Rettungsdienst Holstein“ übernehmen. Und zog sich damit den Unmut der Hilfsorganisationen zu. Die fürchten um ihre Reputation und dass ihnen die Ehrenamtlichen weglaufen. Diese erledigen laut Preuß etliche Aufgaben im Rettungsdienst und im Katastrophenschutz. „Die Kreisorganisation hat keine Ehrenamtlichen.“ Außerdem werde der Rettungsdienst Holstein immer größer werden und die Hilfsorganisationen ausbluten.

Viel Geld eingespart

Die Idee, dass der Kreis selbst einen Teil des Rettungsdienstes erledige, „würde die Grundstruktur der Hilfsorganisationen mit Füßen treten“, befürchtet Preuß. In einem Schreiben an die Politik machen die vier Hilfsorganisationen klar, dass „wir allein in den letzten drei Jahren knapp 20 000 ehrenamtliche Stunden in die Rettungsdienstvorhaltung“ eingebracht haben, was den Krankenkassen mehr als 400 000 Euro an Kosten erspart habe.

Der Kreis begründet die Idee einer eigenen Rettungsdienstorganisation mit Ausschreibungsrichtlinien. Die zusätzlichen Fahrten, die 1,6 Millionen Euro pro Jahr kosteten, müssten ausgeschrieben werden. Zwar gebe es für die Vergabe an Hilfsorganisationen Ausnahmen, doch die seien nicht rechtssicher.

Der Rettungsdienst im Kreis Ostholstein soll neu organisiert werden. Zähneknirschend nehmen Christian Kraft (DRK-Bereichsleiter Rettungsdienst), Elke Sönnichsen (Geschäftsführerin Arbeiter-Samariter-Bund Ostholstein), Sara Drews (Dienstellenleiterin Maleteser-Hilfsdienst Timmendorfer Strand) und Kai-Uwe Preuß (Regionalvorstand Johanniter-Unfallhilfe, von links) den Kompromiss zur Kenntnis. Quelle: Susanne Peyronnet

Die Hilfsorganisationen hatten sich mit ihren Bedenken gegen den „Rettungsdienst Holstein“ an die Kreispolitiker gewandt. Die hatten sich intensiv in die komplizierte Materie vertieft. Am Ende kam ein Kompromiss dabei heraus: zwei Drittel der zusätzlichen Rettungsfahrten übernimmt der „Rettungsdienst Holstein“ in einer noch zu gründenden Rettungswache, ein Drittel die Hilfsorganisationen. Preuß: „Der Kompromiss ist für uns sehr schmerzhaft.“ Aber er kommt. Der Sozialausschuss hat ihn einstimmig beschlossen.

Susanne Peyronnet