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Ostholstein „Plan E“ kündigt: Ärger um Fairtrade-Titel in Eutin
Lokales Ostholstein „Plan E“ kündigt: Ärger um Fairtrade-Titel in Eutin
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10:25 12.09.2019
Die Initiative „Plan E“, hervorgegangen aus der Fairtrade-Initiative, hat ihre Zusammenarbeit mit der Stadt aufgekündigt: „Es gab keine Kommunikation“, sagen die Akteure. Quelle: Ulrike Benthien
Eutin

Seit November 2013 ist Eutin anerkannte Fairtrade-Stadt und stolz darauf, die erste in Ostholstein mit diesem Titel gewesen zu sein. Jetzt steht zum zweiten Mal eine Rezertifizierung über die nationale Fairtrade-Organisation Transfair an. Aber die dafür notwendige lokale Steuerungsgruppe, die Initiative „Plan E“, hat nun hingeworfen: „Wir haben dem Bürgermeister am Dienstag mitgeteilt, dass wir unsere Funktion mit sofortiger Wirkung aufgeben“, sagt „Plan E“. Die Initiative ist enttäuscht vom Verhalten der Stadt, beklagt eine seit Jahren mehr als holprige Kommunikation. Die Situation lasse sich so zusammenfassen: Eutin schmücke sich mit dem Titel Fairtrade-Stadt, überlasse aber die Arbeit den Ehrenamtlichen.

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Die Mitglieder von „Plan E“ seien schon seit Jahren unzufrieden mit dem Verhalten der Verwaltung, erklärt Barbara Braasch. Bis zur Landesgartenschau (LGS) im Jahr 2016 habe es gemeinsame Aktionen gegeben, aber danach seien Interesse und Beteiligung der Stadt abgeebbt. „Die Stadt wollte nach der LGS zum Tagesgeschäft zurück“, sagt auch Hans-Peter Klausberger. Die von Bürgermeister Carsten Behnk oft zitierte „Multiprojektlage“ binde wohl alle Kräfte, sagen die Fairtrade-Akteure ernüchtert.

Gruppe beklagt mangelnde Verlässlichkeit der Verwaltung

Dafür, dass das Projekt „Fairtrade“ so stiefmütterlich behandelt werde, nennen sie Beispiele: „Wir haben mehrfach darauf hingewiesen, dass die Homepage der Stadt beim Stichwort ,Fairtrade’ aktualisiert werden muss. Da sind Leute aufgeführt, die längst nicht mehr dabei sind. Ein Betrieb, der Fairtrade-Produkte anbietet, ist einfach nicht in die Liste aufgenommen worden. Uns ist eine Ansprechpartnerin in der Verwaltung genannt worden, die sich aber so gut wie nie bei uns zurückmeldet. Zusagen vonseiten der Stadt sind nicht eingehalten worden, vereinbarte Termine fanden nicht statt und wurden zum Teil nicht einmal abgesagt“, beklagen die Ehrenamtlichen. Ihren Unmut über die mangelnde Zusammenarbeit mit der Stadt hätten sie auch Bürgervorsteher Dieter Holst mitgeteilt, der sich bemüht hätte zu vermitteln und ein gemeinsames Treffen mit dem Bürgermeister organisiert hätte.

Bedingungen für das Siegel

Als fairer Handel gilt ein kontrollierter Handel, bei dem den Erzeugern ein bestimmter „Mindestpreis“ gezahlt wird. Fairtrade verbietet ausbeuterische Kinderarbeit. Es geht darum, Lebensverhältnisse zu verändern und Zwischenhändler zu vermeiden. Das Fairtrade-Siegel steht für fair angebaute und gehandelte Produkte.

Damit eine Stadt sich als Fairtrade-Stadtbezeichnen darf, müssen verschiedene Kriterien erfüllt sein: Es muss einen Beschluss der Stadtvertretung dazu geben, es muss eine Steuerungsgruppe vorhanden sein, Einzelhandel und Gastronomie müssen Fairtrade-Produkte anbieten, ebenso Schulen, Vereine, Kirchen. Die örtlichen Medien müssen darüber berichten.

An diesem Gespräch im August haben vier Akteure der Fairtrade-Initiative teilgenommen. „Wir sind von der Stadt informiert worden, dass die Rezertifizierung ansteht. Sie dachten, wir kämen hin, um den Fragebogen auszufüllen. Das sollte verwaltungsmäßig abgehandelt werden. Aber wir sind demokratisch, so etwas muss in der Gruppe besprochen werden“, schildern Anja Jacobsen und Hans-Peter Klausberger. „Plan E“ sei es zudem darum gegangen, in einen Dialog zu kommen. „Aber der Bürgermeister sagt, er sei damit überfordert. Die Vereine in Eutin machten ihre Arbeit selbst und ließen die Stadt in Ruhe“, berichtet Klausberger.

„Fairtrade-Gedanke ist bei der Stadt nicht angekommen“

Die Initiative ist der Ansicht, die Stadt habe den Fairtrade-Gedanken nicht verstanden. „Fairtrade funktioniert vernetzt und muss gelebt werden“, sagt Anja Jacobsen. Katja Helmbrecht verweist dabei auf die Zusammenarbeit von „Plan E“ beispielsweise mit der Fahrrad-Initiative und dem Organisationsteam von „Fridays for Future“. Hans-Peter Klausberger konstatiert: „Die Stadt sieht den Zusammenhang mit Klimawandel und Fluchtursachen nicht.“

Vortrag und Diskussion

„Faire Geldanlagen – wie geht das?“ Antworten darauf gibt am Freitag, 27. September, der Journalist und Sachbuchautor Frank Herrmann. Er ist ab 19 Uhr im Wohnprojekt Analog 6.8, Albert-Mahlstedt-Straße 8, in Eutin zu Gast. Er wird Anlagen erläutern, die ethische Grundsätze und ökologische Kriterien berücksichtigen. Dazu stellt er unter anderem Alternativbanken und grüne Altersvorsorge vor. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.

Die Gruppe „Plan E“ beschreibt sich als „hochmotiviert und stabil“. Sie will sich weiterhin für ein zukunftsfähiges Eutin und eine offene Gesellschaft einsetzen und auch das Thema fairer Handel vorantreiben. So organisiert sie im September eine Veranstaltung zu fairen Geldanlagen.

Stadtsprecherin: Eutin hält an Fairtrade-Rezertifizierung fest

Im Rathaus ist die „Kündigung“ gelassen aufgenommen worden. „Die Stadt Eutin bewirbt sich um die erneute Rezertifizierung für zwei Jahre als Fairtrade-Stadt. Dazu wurden die bisherigen Akteure zur Rückmeldung aufgefordert. Die Auswertung läuft noch“, sagt Stadtsprecherin Kerstin Stein-Schmidt. Hinsichtlich der Steuerungsgruppe gebe es Gespräche. Die Stadt fühle sich dem fairen Gedanken in vielfältiger Weise verbunden, betont die Stadtsprecherin. Sie verweist unter anderem auf den Ausschank fairen Kaffees im Rathaus und weiterer fairer Getränke bei Sitzungen und Veranstaltungen.

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