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Ostholstein „Selma“: Erwachsenen-Alltag im eigenen Zuhause
Lokales Ostholstein „Selma“: Erwachsenen-Alltag im eigenen Zuhause
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09:00 22.12.2019
Premiere des Brotbackautomaten in der eigenen Küche: Thomas und Stella Soost befüllen das neue Gerät, Betreuerin Karin Siewert (r.) wirft noch einen Blick in die Bedienungsanleitung. Quelle: Sabine Latzel
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Eutin

Ordnung scheint das oberste Gebot zu sein in der Wohnung von Stella und Thomas Soost. Sämtliche Zimmer sind picobello aufgeräumt, nicht eine einzige, winzige Staubflocke zeigt sich. „Das ist ihnen sehr wichtig“, sagt Karin Siewert, die das Ehepaar im Alltag unterstützt. „Selma“ heißt dieses Angebot des gemeinnützigen Unternehmens „Die Ostholsteiner“, eine Abkürzung für „Selbstständig Leben mit Assistenz“. 45 Menschen mit Behinderung im Kreis – hauptsächlich in Eutin und Oldenburg – können dadurch im eigenen Zuhause wohnen.

Normaler Alltag – etwa beim Test des Brotbackautomaten

Ein Neuzugang in der Küche von Stella und Thomas Soost sorgt an diesem Tag für große Spannung: Sie haben sich einen Brotbackautomaten gekauft und studieren jetzt mit ihrer Betreuerin Karin Siewert die Bedienungsanleitung. „Nur die Backmischung hineinschütten, und etwas warmes Wasser dazugeben“, meint Karin Siewert schließlich. Thomas Soost nickt, seine Frau kippt die Mischung in den Automaten und drückt den Startknopf. Alle drei blicken neugierig durch das Sichtfenster der klobigen Küchenmaschine, deren Knethaken sich langsam dreht. Stella Soost will einige weitere Tasten betätigen. „Nicht!“. Thomas Soost schüttelt entschieden den Kopf.

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Die Küche ist ein wichtiger Ort in der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung der Soosts in Eutin. „Sie kochen jeden Abend zusammen“, berichtet Karin Siewert. Und was? „Aufläufe“, berichtet Stella Soost. „Tomatensuppe, Klopse, aber auch gern Fleisch“, ergänzt ihr Mann. Er ist 53 Jahre alt, seine Frau 31, beide haben geistige Behinderungen. Vor fünf Jahren haben sie sich verlobt und sind 2015 in die gemeinsame Wohnung gezogen. Im Juni 2017 haben sie geheiratet, zahlreiche Fotos in einem großen Rahmen im Wohnzimmer zeugen von diesem schönen Tag. Beide arbeiten in den Werkstätten der „Ostholsteiner“ – Stella Soost im Bereich Verpackungen, Thomas Soost in der Pulverbeschichtung.

Unterstützung beim Umgang mit Behörden und Papieren

„Sie machen fast alles zusammen“, erklärt Karin Siewert: morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, danach kochen und fernsehen, einkaufen, putzen. Dabei benötigt das Ehepaar Soost grundsätzlich keine Hilfe, doch wenn es um den gefürchteten Papierkrieg geht, den Umgang mit Behörden, mit dem Vermieter, dem Hausmeister oder Besuche beim Facharzt, ist Karin Siewert zur Stelle. Thomas Soost kann sich verbal schlecht verständigen, dabei leistet sie Unterstützung.

Ihren Haushalt führen Stella und Thomas Soost, zwei Eutiner mit geistiger Behinderung, weitgehend selbstständig. Betreuerin Karin Siewert schaut für einige wenige Stunden pro Woche vorbei.

Auch kritische Situationen wie Konflikte untereinander oder mit anderen Menschen überfordern Stella und Thomas Soost gelegentlich. Das Mietshaus ist hellhörig, wenn es laut wird, sorgt das bei Nachbarn nicht durchweg für Begeisterung, und dann gilt es, die Wogen zu glätten. Karin Siewert kümmert sich nur einige wenige Stunden pro Woche um das Ehepaar, ist aber telefonisch von montags bis freitags ständig erreichbar. Bei Krisen am Wochenende kann Stella Soost sich bei ihren Eltern melden.

Bus-Reise an den Gardasee, Boule-Spielen im Stadtpark

Ohne das „Selma“-Angebot würde sie vermutlich auch noch bei ihrer Mutter leben, denn Stella Soost kann schlecht alleine sein. Umso wichtiger ist ihr das gemeinsame Leben mit ihrem Mann in der eigenen Wohnung. Die Mitarbeiter von „Die Ostholsteiner“ haben sie darauf vorbereitet, weitgehend ohne Hilfe zurechtzukommen. „Der Wunsch, selbstständig zu wohnen, ist entscheidend“, berichtet Karin Siewert. Wie sehr ihr das Ehepaar Soost am Herzen liegt, ist am Umgang der drei miteinander zu merken. „Ich bin richtig stolz auf die beiden“, meint die Betreuerin lächelnd. „Das klappt alles so gut.“ Sogar Reisen unternehmen Stella und Thomas Soost, organisierte Busreisen – ohne Betreuer. „Bislang hat das immer funktioniert“, sagt Karin Siewert, im Mai nächsten Jahres soll es an den Gardasee gehen. Als Hobby haben Stella und Thomas Soost das Boule-Spielen im Stadtpark für sich entdeckt.

Weihnachten feiern sie natürlich zusammen, dann kommt Hähnchenkeule mit Rotkohl auf den Tisch. Jetzt aber sehnen sie erst einmal das Ergebnis aus dem Brotbackautomaten herbei. Doch der verrichtet ungeachtet der Ungeduld seiner Eigentümer gemächlich sein Werk, über drei Stunden benötigt er dafür. So lange wollen ihn Stella und Thomas Soost dann doch nicht bei der Arbeit beobachten, sie gehen in dieser Zeit lieber einkaufen. Schließlich möchten sie später noch etwas kochen – in der eigenen Küche, in der eigenen Wohnung, im eigenen Alltag zweier erwachsener Menschen.

So können Sie spenden

Spenden können auf dieses Konto bei der Sparkasse Holstein überwiesen werden:

Inhaber: Die Ostholsteiner

Stichwort: „Hilfe im Advent“ (wichtig!)

IBAN: DE08 2135 2240 0179 2255 52

BIC: NOLADE21HOL

So berichten die LN über die Ostholsteiner

Bis Weihnachten sammeln die Lübecker Nachrichten Spenden für die Ostholsteiner. Hier finden Sie alle bislang erschienenen Artikel:

Weitere Informationen zu „Hilfe im Advent“

Klicken Sie hier, um auf einer Themenseite alle Berichte zur LN-Aktion „Hilfe im Advent“ zu lesen

Leben mit Behinderungen: So meistert eine Lübecker Familie die Barrieren des Alltags (große LN-Reportage)

Der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung im Interview: Warum Schleswig-Holstein Nachholbedarf hat

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Lübeck: Die Marli GmbH hilft schwerbehinderten Menschen. Mehr Informationen zum Projekt.

Ostholstein: „Die Ostholsteiner“ helfen Menschen mit Behinderung zu mehr Selbständigkeit und Bewegungsfreiheit. Mehr Informationen zum Projekt.

Segeberg und Stormarn: Die „Lebenshilfe“ hilft Menschen mit Behinderungen, dass sie an alltäglichen Aktivitäten wie Disco oder Kegeln teilnehmen können. Mehr Informationen zum Projekt.

Herzogtum Lauenburg: In der integrativen Kindertagesstätte Heidepünktchen werden Kinder mit und ohne Handicap gemeinsam aufs Leben vorbereitet. Mehr Informationen zum Projekt.

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Von Sabine Latzel