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Ostholstein Prost Eierlikör! Ein Udo in Bestform
Lokales Ostholstein Prost Eierlikör! Ein Udo in Bestform
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12:13 28.04.2017
Zum Show-Abschluss zog Udo dann seinen Udonauten-Anzug an.
Timmendorfer Strand

Er kam, sang und siegte – zweieinhalb Stunden lang gab es am Mittwochabend Lindenberg pur auf der Bühne des großen Saales im Maritim Seehotel in Timmendorfer Strand. „Ganz nah und ohne Gummi“, so beschrieb der Künstler selbst die Atmosphäre der Generalprobe, die sich bei den Fans in den vergangenen Jahren als Familienkonzert etabliert hat.

Der 70-Jährige begeistert 1300 Zuschauer bei der Generalprobe im Maritim Seehotel.

Doppelplatin-Party

Heute geschlossene Gesellschaft hieß es gestern im Timmendorfer Restaurant Wolkenlos für alle, die nicht zur Doppelplatin-Party auf der Seeschlösschenbrücke geladen waren. Udo Lindenbergs Jahresbest-Album „Stärker als die Zeit“ verkaufte sich mehr als 400 000 Mal, das wurde kräftig gefeiert.

Und auch in diesem Jahr wurde der Abend in der Balance von Lässigkeit und Professionalität ein voller Erfolg.

Zwar erlaubten die Gegebenheiten nur eine abgespeckte Version der Lichtshow, wie sie für die großen Hallen der Tournee geplant ist und auch der Udonauten-Raumanzug kam nur symbolisch beim Abgang zum Einsatz, der Stimmung jedoch tat das keinen Abbruch. Textsicher in den alten Songs ebenso wie in den aktuellen Titeln folgte das Publikum dem Altmeister. Der war mit präziser Performance und hochkonzentriert stets strahlender Mittelpunkt des Geschehens und damit offensichtlich genau dort, wo er sein wollte.

Nach dem Ende der „Keine-Panik"-Stadion-Tournee 2016 mit 14 Shows in neun Städten vor insgesamt 312000 Zuschauern habe man sich weinend in den Armen gelegen: „Wir dachten: Das darf nicht vorbei sein! So wie ihr auch. Manche von euch erkenne ich heute wieder“, sagte Lindenberg. „Auf Tour zu gehen ist mein persönliches El Dorado“. Nach dem das Panikorchester den großen Arenen bereits eingeheizt hat, soll es das nun in den Hallen der kleineren Städte wiederholen.

Dass die Stücke auch ohne bombastischen Rahmen funktionieren, zeigte sich in der Show im Maritim Seehotel. Bestens bei Stimme und akustisch gut zu verstehen („Es kommt auch auf die Texte an“) zeigte Lindenberg, der während des Konzertes immer wieder zu Eierlikor und Zigarre griff, viele Facetten: Romantisch, politisch, sexy und rockig – oder in Songtiteln „Cello“, „Bunte Republik Deutschland“, „Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frauen“ und „Candy Jane“, alles war dabei.

Das Panikorchester zeigte sich ebenfalls in Bestform – Bläser, Tänzer und Backgroundsänger strotzten vor Enthusiasmus. Einen besonders herzlichen Applaus heimste der Lübecker Sänger Ole Feddersen ein. „Gegen die Strömung, gegen den Wind“ performte Lindenberg im Duett mit Josephin Busch, die als Darstellerin des Mädchens aus Ostberlin in seinem Musical „Hinterm Horizont“ bekannt geworden ist.

Mit der gesungenen Frage „Wozu sind Kriege da“ schlug der 70-Jährige gemeinsam mit Pascal Kravetz eine Brücke ins Jahr 1983. Damals hatte Kravetz als Zehnjähriger den Gesangspartner gegeben. Nicht nur bei diesem Stück war zu spüren, dass Lindenbergs Alter bei aller verrockter Vitalität seine Lieder durchaus prägt: Zeilen wie „Nimm dir das Leben und lass es nicht mehr los, denn alles, was du hast, ist dieses eine bloß“ haben überzeugende Tiefe, wenn sie ein Mann singt, der im Jahr 1946 geboren worden ist.

Dennoch gab es keinen Grund, dauerhaft in Melancholie zu verfallen. Der „große alte Mann“ des deutschen Rock verkündete die Gründung eines Clubs der 100-Jährigen mit dem Ziel, auch in 30 Jahren noch am Start zu sein. Und auch als Vater ist der 70-Jährige durchaus noch attraktiv: Der Wunsch „Udo, ich will ein Kind von dir!" schallte mehrmals durch den Saal. Was will man mehr?

 Astrid Jabs