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Ostholstein Prozess gegen Mutter: Angeklagte zeigt erstmals Emotionen
Lokales Ostholstein Prozess gegen Mutter: Angeklagte zeigt erstmals Emotionen
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17:47 26.09.2019
Die Angeklagte auf dem Weg zum Gerichtssaal im Lübecker Landgericht. Quelle: Rainer Jensen/dpa
Lübeck

Der sechste Verhandlungstag gegen eine Mutter aus Lensahn, die vier ihrer fünf Kinder in den Rollstuhl gezwungen und ihnen schwere Krankheiten angedichtet haben soll, brachte die Angeklagte zum Weinen. Eine langjährige Freundin sagte am Donnerstag vor dem Lübecker Landgericht über das Familienleben im Haushalt der Mutter in Lensahn aus.

Die Zeugin, die sich mittlerweile von der Angeklagten distanziert hat, erzählte von einem stets vollen Haus. „Es war das Haus einer Großfamilie, da herrschte immer Jubeltrubel.“ Nie habe die Mutter irgendwelchen Besuch anderer Kinder abgelehnt. Ihre Kinder hätten Freunde gehabt, die sie von klein auf begleitet hätten.

Kurze Umarmung mit der Tochter

An dieser Stelle begann die Angeklagte zu weinen. Als wenig später ihre Tochter Laura (19, alle Namen geändert) noch einmal als Zeugin gekommen war, umarmte sie ihre Mutter kurz. Das Mädchen hatte sich im Herbst 2016 an das Jugendamt gewandt und damit die Ermittlungen mit ausgelöst, die ihre Mutter auf die Anklagebank brachten.

An einem der vorherigen Verhandlungstage war ein Fax der jungen Frau beim Gericht eingegangen, in dem sie der Verlesung aller über sie denkbaren Aussagen widersprach und jegliche Schweigepflichtenbindung bestritt. „Ich wollte nicht, dass das alles öffentlich vorgelesen wird. Meine Privatsphäre geht niemanden etwas an“, sagte sie am Donnerstag dem Gericht. „Das haben Sie nicht allein zu entscheiden“, beschied ihr die Vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz.

Berichte über den Prozess und einen ähnlichen Fall

Der Prozess um die Ostholsteiner Mutter, die ihre Kinder in den Rollstuhl gezwungen haben soll, ist Dauerthema. Hier gibt es einen Überblick:

Der Prozessbeginn:
So lief der erste Tag vor dem Lübecker Landgericht.

Für Aufregung sorgte die Nachricht, dass einige der Kinder noch bei der Mutter leben. Warum das Jugendamt dies nicht verhindern konnte, steht hier.

Lehrkräfte und Schulbegleiter haben ausgesagt:
Die Mutter geriet bereits 2014 ins Visier der Ermittlungsbehörden.

Am dritten Prozesstagsagte der medizinische Gutachter aus: Keine krankhaften Befunde.

Die Odyssee der Kinder nach der Inobhutnahme ist hier beschrieben.

Alles, was bisher bekannt ist, ist hier zusammengefasst.

Kommentar zum Prozess:
Kinder dürfen nicht zum zweiten Mal zu Opfern werden

Welche merkwürdigen Randnotizen es bei dem Prozess gibt,lesen Sie hier.

Drohungen und Manipulation?
Zeugen berichten vom Schreckensregime der Mutter

Zeugen belasten Mutter schwer:
Kinder wurden gedemütigt.

Ein ähnlicher Fall wurde 2015 vor dem Hamburger Landgericht verhandelt. Eine Mutter hatte ihrem dreijährigen Kind monatelang Fäkalien, Speichel und Blumenwasser gespritzt.

Angeklagte wollte sich ärztlich untersuchen lassen

Die langjährige Freundin der Angeklagten berichtete in ihrer Aussage weiter, dass die Mutter erwogen habe, sich auf das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom testen zu lassen. Bei dieser Störung machen Mütter ihre Kinder krank, um selbst Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Zeugin: „Sie war sehr verzweifelt. Wenn sie schädlich für ihre Kinder sein sollte, wollte sie gehen. Wenn nicht, wollte sie ihre Kinder zurückhaben.“ Da hatte das Jugendamt die Kinder bereits in Obhut genommen.

Zum Zerwürfnis der Freundinnen hatte eine offenbar gefälschte Abrechnung über Verhinderungspflege geführt, die die Freundin angeblich für die Angeklagte geleistet haben sollte. Eine solche Vertretung steht pflegenden Angehörigen zu, wenn sie krank oder sonst irgendwie verhindert sind. „Ich habe Leander (heute 14 Jahre alt, d. R.) nicht gepflegt“, stellte die Zeugin klar. Die Unterschrift auf der Quittung für die Krankenkasse sei nicht ihre, und Geld habe sie auch nicht bekommen. „Das Fälschen der Unterschrift passt nicht zu ihr“, sagte die Zeugin, „aber wer soll es sonst gewesen sein?“ Eine ähnliche Aussage, auch dort ging es um Verhinderungspflege, kam von einem jungen Mann. Jedem Pflegenden stehen pro Jahr bis zu 2418 Euro für Verhinderungspflege zu.

Zweifel an der Pflegebedürftigkeit

An diesem Verhandlungstag ging es oft um Geld und um Gutachten, bei denen der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) die Pflegestufen (damals) oder Pflegegrade (heute) festlegt. Etliche Gutachterinnen sagten aus, viele davon, dass sie sich auf Arztbriefe und Atteste gestützt hätten. Dass es dennoch Zweifel gab, machte Dr. Martin Schünemann, Chirurg und Abteilungsleiter Pflegeversicherung des MDK, deutlich. Er hatte den Sohn Leon (heute 17) nicht nur persönlich begutachtet, sondern war im Mai 2016 sogar zusammen mit einer Kollegin in der Familie gewesen.

Viel Geld für Schulbegleitung

Alle drei Söhne der Angeklagten sind über eine mehr oder weniger lange Zeit von Helfern in die Schule begleitet worden. Die Kosten dafür trägt der Kreis Ostholstein, nachdem die Eltern einen Antrag gestellt hatten und das Gesundheitsamt die Notwendigkeit bestätigt hat.

Insgesamt rund 38 700 Euro hat der Kreis für diese Schulbegleitung der drei Jungen bezahlt. Das sagte eine Verwaltungsangestellte vom Kreis am Donnerstag als Zeugin aus.

Arzt vermutet, dass die Kinder medikamentös ruhig gestellt wurden

Eine Schweigepflicht-Entbindung habe die Mutter abgelehnt. Die Unterlagen und Arztbriefe seien aber bei ihr einzusehen gewesen. Da kam wieder der ominöse Arztbrief aus der Kieler Uniklinik ins Spiel, der sich mittlerweile als gefälscht herausgestellt hat. Aber auch sonst war einiges beim Besuch der MDK-Gutachter merkwürdig. „Der Junge saß im Rollstuhl und wirkte sehr müde. Ich habe mich gefragt, wie kann das sein?“, sagte Schünemann dem Gericht. Er vermute, dass Medikamenteneinfluss dazu geführt habe, dass der Junge so schläfrig, einsilbig und verschlossen gewesen sei.

Im Laufe der Begutachtung sei das Kind etwas wacher geworden, habe sich auch mal hingestellt, was aber nicht sicher möglich gewesen sei. „Dann hat er sich in den Rollstuhl zurückfallen lassen und dabei gegrinst. Das war ein auffälliges Verhalten, das würde man nicht erwarten“, sagte der Zeuge. Warum etliche Gutachterinnen des MDK dann aber doch die eine oder andere Pflegestufe und damit Pflegegeldzahlungen bescheinigten, erklärte Schünemann mit dem Zwängen des Pflegeversicherungsgesetzes und den Schwierigkeiten, vor Ort Diagnosen von Fachärzten zu überprüfen. Das sei schlicht nicht möglich.

Gefälschtes Attest bescheinigte Sohn IQ von 218

Verwunderung löste an diesem Verhandlungstag ein Arztbrief der Uni-Klinik Lübeck aus, wonach ein nonverbaler Intelligenztest einem der Söhne einen Wert von 218 attestierte. Eine Anfrage bei der Klinik ergab, dass es sich um eine Fälschung handelte. Der Intelligenzquotient (IQ) sei auf einen unglaubwürdigen Wert geändert worden. Albert Einstein hatte einen IQ, der auf einen Wert zwischen 160 und 180 geschätzt wird. Wer einen Wert über 130 hat, gilt als außergewöhnlich intelligent.

Der Prozess wird am 14. Oktober um 9 Uhr im Lübecker Landgericht fortgesetzt. Dann soll das psychiatrische Gutachten über die Angeklagte erstattet werden.

Von Susanne Peyronnet

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