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Ostholstein Prozess gegen Mutter aus Lensahn: Ärzte streiten um Rheuma-Diagnose
Lokales Ostholstein Prozess gegen Mutter aus Lensahn: Ärzte streiten um Rheuma-Diagnose
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18:33 30.10.2019
Die Angeklagte nimmt mit ihren Verteidigern Tim Brühland (links) und Frank-Eckhard Brand im Gerichtssaal Platz. Quelle: 54°/Felix König
Lübeck

Im Prozess gegen eine Mutter aus Lensahn, die vier ihrer fünf Kinder in den Rollstuhl gezwungen und ihnen schwere Krankheiten angedichtet haben soll, ist am Mittwoch ein mit Spannung erwarteter Zeuge gehört worden: Dr. Nikolay Tzaribachev, umstrittener Kinder-Rheumatologe aus Bad Bramstedt, der über Jahre die vier Kinder der Angeklagten wegen Rheuma behandelt hat. Bei seiner Aussage beharrt er darauf, dass die Kinder, eine Tochter und drei Söhne, heute im Alter zwischen elf und 19 Jahren, an der Krankheit leiden.

Vier Krankenakten auf dem Tisch vor sich, sitzt der schmächtige Arzt als Zeuge vor der Richterbank. Offenbar ist er nervös, seine Hand, die die Seiten umblättert, zittert leicht, immer wieder nimmt er einen Schluck aus seiner Wasserflasche. Nicht nur deshalb erregt er den Unmut der Vorsitzenden Richterin Helga von Lukowicz. Auch mit seinen teils seltsamen Antworten bringt er die sonst so beherrschte Richterin dazu, dass ab und zu ein Anflug von Missfallen über ihr Gesicht huscht. Etwa als er auf die Frage nach den Behandlungskosten für die Kinder sagt: „Das kostet, was es kostet.“

Die Vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz leitet den Prozess gegen die Mutter aus Lensahn. Quelle: 54°/Felix Koenig

Eine Diagnose für alle Kinder

Die Rede ist von 30 000 Euro pro Jahr und Kind. Das ist aber nicht das Entscheidende bei dieser Aussage. Es ist die Diagnose. Tzaribachev sagt, er habe bei allen Kinder chronische Gelenkentzündungen im Kindesalter festgestellt. Mit der Wortwahl geht es ein bisschen hin und her, mal ist von Polyarthritis die Rede, mal von juveniler Arthritis, mal von Rheuma. Aber immer läuft es darauf hinaus, dass Tzaribachev die Kinder behandelt hat und dass es ihnen laut seiner Aussage nur deshalb besser ging.

Die Behandlung mit Infusionen, wegen deren Anwendung Tzaribachev so umstritten ist, endete im Herbst 2016. Da nahm das Jugendamt der Familie die Kinder weg. Sie lebten fortan in Pflegefamilien und Kinderheimen – und hatten laut Zeugenaussagen keine Beschwerden. Sie sprangen im Schwimmbad vom Fünfmeterbrett, kletterten auf Bäume, lieferten sich Schneeballschlachten. Alles ohne die Therapien ihres Rheuma-Arztes, hielt Staatsanwältin Renate Hansen Tzaribachev vor. „Wie ist das zu erklären?“, fragt sie ihn.

Unterschiedliche Angaben zum Befinden

„Ich habe genau das Gegenteil von dem gehört, was Sie gehört haben“, kontert der Zeuge. Die Jungen hätten über diese Zeit berichtet, dass sie Schmerzen hatten und es ihnen schlecht ging. Aber wie könne es denn sein, dass es den Kindern ohne Behandlung gut gehe, sei das mit der Diagnose vereinbar?, hakte Hansen nach. Ja, gibt der Arzt zurück, die Krankheit verläuft in Schüben, es kann lange gut gehen.

Plädoyers und Urteil

Die Beweisaufnahme im Fall der Mutter, die nach Aussagen einer Gutachterin am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidet und ihren Kindern neben Rheuma die Bluterkrankheit, die Glasknochenkrankheit und Asthma angedichtet haben soll, ist beendet. Am Montag, 4. November, um 9 Uhr halten Staatsanwaltschaft und Verteidigung im Lübecker Landgericht, Schwartauer Landstraße 9-11, ihre Plädoyers.

Das Urteil will das Gericht am Mittwoch, 13. November, um 8.30 Uhr verkünden.

Das alles kommt dem kinderärztlichen Gutachter in diesem Prozess, Professor Christoph Härtel vom Uniklinikum Lübeck, unter anderem mit dem Fachgebiet Kinder-Rheumatologie, komisch vor. Zur Häufigkeit von Rheuma führt er aus, dass eines von 1000 Kindern erkranke und dass Mädchen häufiger betroffen seien als Jungen. „Ich habe mich gewundert, dass drei Jungen krank waren. Hat Sie das nicht gewundert?“, fragt Härtel Tzaribachev und nennt eine solche Häufung eine „absolute Rarität“. „Nein“, antwortet der Rheumatologe, „es gibt solche Fälle, wo ganze Familien erkrankt sind.“

Zweifel an der Diagnose Rheuma

Das beeindruckt den Gutachter nicht, er zerpflückt die Angaben des Rheumatologen. Er habe Zweifel an der Diagnose Rheuma, bei allen Kindern seien die klinischen Befunde unspezifisch. Dass die Kinder, die zurzeit wieder bei Tzaribachev in Behandlung sind, über Schmerzen klagten, führt Härtel auf eine ganz andere Ursache zurück. Es könnten auch psychosomatische Störungen sein, die durch die derzeitige schwierige Situation der Familie entstanden sein könnten. Weiter sieht Härtel Kindeswohlgefährdungen, etwa durch den angeblich durch die Mutter ausgeübten Zwang, im Rollstuhl zu sitzen, und durch erhebliche psychische Auswirkungen wie Angst, Depressivität oder soziale Stigmatisierung wegen der angeblich chronischen Krankheiten der Kinder.

Prof. Christoph Härtel, Oberarzt am Uniklinikum in Lübeck, bewertete die Aussage des Zeugen Dr. Nikolay Tzaribachev. Quelle: 54°/Felix König

Die Prozessbeteiligten interessieren sich noch für die Neben- und Langzeitwirkungen der von Tzaribachev verabreichten Medikamente. So seien laut Härtel Substanzen eingesetzt worden, die für Kinder nicht zugelassen seien. Sie könnten das Immunsystem schwächen. Und: „Wir wissen wenig über Langzeitwirkungen.“ Aus seiner Sicht seien weder die Diagnose Rheuma noch die angewendete Behandlung richtig, sagt Härtel. „Ich kann mit sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, dass diese Krankheit vorliegt.“

Berichte über den Prozess und einen ähnlichen Fall

Der Prozess um die Ostholsteiner Mutter, die ihre Kinder in den Rollstuhl gezwungen haben soll, ist Dauerthema. Hier gibt es einen Überblick:

Der Prozessbeginn:
So lief der erste Tag vor dem Lübecker Landgericht.

Für Aufregung sorgte die Nachricht, dass einige der Kinder noch bei der Mutter leben. Warum das Jugendamt dies nicht verhindern konnte, steht hier.

Lehrkräfte und Schulbegleiter haben ausgesagt:
Die Mutter geriet bereits 2014 ins Visier der Ermittlungsbehörden.

Am dritten Prozesstagsagte der medizinische Gutachter aus: Keine krankhaften Befunde.

Die Odyssee der Kinder nach der Inobhutnahme ist hier beschrieben.

Alles, was am Anfang bekannt ist, ist hier zusammengefasst.

Kommentar zum Prozess:
Kinder dürfen nicht zum zweiten Mal zu Opfern werden

Welche merkwürdigen Randnotizen es bei dem Prozess gibt,lesen Sie hier.

Drohungen und Manipulation?
Zeugen berichten vom Schreckensregime der Mutter

Zeugen belasten Mutter schwer:
Kinder wurden gedemütigt.

Am sechsten Verhandlungstag zeigt die Mutter zum ersten Mal Emotionen.

Gutachten wird mit Spannung erwartet: Wie tickt die Mutter?

Am 7. Verhandlungstag nennt eine Expertin die Mutter mitleidslos.

Warum das Jugendamt
jetzt nicht reagiert.

Ein ähnlicher Fall wurde 2015 vor dem Hamburger Landgericht verhandelt. Eine Mutter hatte ihrem dreijährigen Kind monatelang Fäkalien, Speichel und Blumenwasser gespritzt.

Von Susanne Peyronnet

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