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Ostholstein Prozess gegen Mutter aus Lensahn: Die Odyssee der Kinder
Lokales Ostholstein Prozess gegen Mutter aus Lensahn: Die Odyssee der Kinder
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18:35 10.09.2019
Die Anklage im Prozess gegen die Mutter aus Lensahn wird vertreten durch die Staatsanwältinnen Renate Hansen (r.) und Dorothea Röhl. Quelle: 54° / John Garve
Lensahn/Eutin

Sie stehen bis heute unter dem Einfluss ihrer Mutter: Die drei Jungen Lukas (17), Leander (14) und Leon (11, alle Namen geändert) sind jahrelang von ihrer Mutter in den Rollstuhl gezwungen und wegen angeblich schwerer Krankheiten behandelt worden. Jetzt steht die 49-Jährige aus Lensahn wegen Misshandlung Schutzbefohlener, Körperverletzung und Betrugs vor dem Lübecker Landgericht. Doch ihre Söhne halten noch immer zu ihr, folgen unbeirrt ihren Anweisungen.

Einfluss aus der Ferne

Am dritten Prozesstag sagten Pflegemütter, Erzieherinnen und ein Sozialpädagoge des SOS-Kinderdorfs Lütjenburg aus, bei denen das Jugendamt die Söhne ab Herbst 2016 untergebracht hatte. Übereinstimmend berichteten die Zeugen davon, dass es heimlichen Kontakt zwischen der Mutter und ihren Söhnen gegeben habe. Ihr Einfluss reichte offenbar so weit, dass die drei Jungen eines Nachts aus Lütjenburg verschwanden.

Später machten sie sich aus einer anderen Einrichtung in Rostock aus dem Staub, in dem sie Bettlaken zusammenknoteten und sich aus einem Fenster im ersten Stock abseilten. Erst später, meinte ein Zeuge zu wissen, seien sie in Mittel- oder Süddeutschland aufgegriffen worden. Nach LN-Informationen soll die Mutter ihre Söhne vor den Behörden versteckt haben.

Die Flucht der Heimkinder

Ein Post von ihr bei Facebook aus dem Juli 2017 weist darauf hin, wie sie die Inobhutnahme durch das Jugendamt sieht. „3 entflohene Heimkinder wieder in Gefangenschaft: Die Jungen protestieren aktiv gegen ihre staatliche Freiheitsberaubung“, heißt es in der Überschrift zu einem von der Mutter verlinkten Blogartikel, der nur per Passwort lesbar ist. Neben dem Link ist ein Foto zu sehen: Ein Junge, dessen Gesicht mit Ausnahme der Stirn geschwärzt ist. Auf der steht in roten Buchstaben: „Wir wollen nach Hause.“ Ein anderer verlinkter Blogartikel vom Juni 2017 ist überschreiben: „3 Heimkinder sind den Zwängen ihres unfreiwilligen Heimaufenthaltes entflohen.“ Mittlerweile leben die drei Jungen wieder bei den Eltern in Lensahn.

Eine der Pflegemütter, die im Herbst 2016 eine kurze Zeit lang Leander und Leon ein Zuhause gab, erzählte, dass diese Zeit endete, weil die Kinder sich abends heimlich mit ihrer Mutter trafen. „Das war mir unheimlich, das waren nicht abgesprochene Treffen.“ Es habe eine heimliche Kommunikation gegeben, die Kinder hätten die halbe Nacht mit ihrer Mutter SMS getauscht, dass es ihnen so schlecht gehe. Das ging so lange, bis das Jugendamt ihnen die Handys wegnahm.

Heimliche Treffen mit der Mutter

Auch eine andere Pflegemutter, die Lukas betreute, berichtete von abendlichen Ausflügen, die einem Treffen mit der Mutter galten. Als die Pflegeeltern mit dem Auto nach dem Jugendlichen suchten, entdeckten sie das Familienauto der Eltern, aus dem Lukas gerade ausstieg. „Es endete damit, dass er abgeholt und ins SOS-Kinderdorf gebracht wurde“, erzählte die Pflegemutter weiter.

Dort waren laut der Zeugen aus dem Kinderdorf Leander und Leon in einer Kinderdorffamilie und Lukas in einer Wohngruppe untergebracht. Die jüngeren Brüder hätten fast täglich gesagt, dass sie dort nicht sein wollten, berichtete eine Zeugin. Einen Abends hätten sie ihren großen Bruder in der Wohngruppe besucht und seien nicht wiedergekommen.

Ein verschlossener Jugendlicher

Lukas, der Älteste, damals 15 Jahre alt, soll seine beiden jüngeren Brüder stets im Sinne der Mutter beeinflusst, ihnen Anweisungen gegeben haben. „Sie waren wie ferngesteuert“, hatte ein Beobachter das Verhalten der Kinder gegenüber den LN charakterisiert. Lukas habe in der ersten Zeit in der Wohngruppe im SOS-Kinderdorf fast nichts gegessen und mit niemandem gesprochen, erzählte ein Zeuge dem Gericht. Zwar sei er mit der Zeit aufgetaut, aber ein bekanntes Muster wiederholte sich. „Abends ist er immer mit seinem Handy rausgegangen und erst viel später wieder reingekommen. Wir konnten nicht erfahren, was er gemacht hat.“ Was folgte, war die Flucht aus dem Kinderdorf.

Übereinstimmend berichteten alle Betreuer der Kinder, dass die alles andere als krank waren. Im Gegenteil, sie hätten sich Schneeballschlachten geliefert und seien auf Bäume geklettert. Zwar hätten sie ab und zu über Schmerzen geklagt. Aber, so formulierte es eine Zeugin: „Ich glaube das waren Keine-Lust-auf-Schule-Schmerzen.“

Aussage verweigert

Die beiden älteren Söhne hatten als Zeugen vor Gericht die Aussage verweigert, was ihnen als nahe Angehörige der Angeklagten zusteht. Außerdem haben sie widersprochen, dass die Untersuchungsergebnisse über ihren Gesundheitszustand in den Prozess eingebracht werden dürfen. Für Leon (11) hat eine sogenannte Ergänzungspflegerin, der vom Familiengericht das Sorgerecht teilweise übertragen worden ist, die Freigabe erteilt. Als Zeuge musste der jüngste Sohn nicht vor Gericht erscheinen.

Die Verhandlung wird am Montag, 16. September, um 9 Uhr im Lübecker Landgericht fortgesetzt.

Berichte über den Prozess und einen ähnlichen Fall

Der Prozess um die Ostholsteiner Mutter, die ihre Kinder in den Rollstuhl gezwungen haben soll, ist Dauerthema. Hier gibt es einen Überblick:

Der Prozessbeginn:
So lief der erste Tag vor dem Lübecker Landgericht.

Für Aufregung sorgte die Nachricht, dass einige der Kinder noch bei der Mutter leben. Warum das Jugendamt dies nicht verhindern konnte, steht hier.

Lehrkräfte und Schulbegleiter haben ausgesagt:
Die Mutter geriet bereits 2014 ins Visier der Ermittlungsbehörden.

Am dritten Prozesstag sagte der medizinische Gutachter aus: Keine krankhaften Befunde.

Alles, was bisher bekannt ist, ist hier zusammengefasst.

Kommentar zum Prozess:
Kinder dürfen nicht zum zweiten Mal zu Opfern werden

Ein ähnlicher Fall wurde 2015 vor dem Hamburger Landgericht verhandelt. Eine Mutter hatte ihrem dreijährigen Kind monatelang Fäkalien, Speichel und Blumenwasser gespritzt.

Von Susanne Peyronnet

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