Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Ostholstein Punk-Pauker verlässt Ostholstein
Lokales Ostholstein Punk-Pauker verlässt Ostholstein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:51 03.06.2019
Annegret Vogelsang und Matthias Isecke-Vogelsang wollen Haus und Garten in Süsel verlassen. Sie ziehen nach Hamburg. Quelle: Susanne Peyronnet
Süsel

Er dürfte einer der bekanntesten Ostholsteiner sein, aber jetzt kehrt er seiner Heimat in Süsel den Rücken. Matthias Isecke-Vogelsang (66), ein Mann, der den Punk bis heute zelebriert, bricht auf zu neuen Ufern. Gemeinsam mit Ehefrau Annegret Vogelsang (63) zieht er kommendes Jahr nach Hamburg. Mitten hinein ins kulturelle Leben, wie beide sagen. „Wir wollen Kultur noch mal richtig erleben und mittendrin sein“, begründet Matthias Isecke-Vogelsang den Umzug. Außerdem, sagt seine Frau, müsse man den richtigen Zeitpunkt erwischen, um sich so einzurichten, wie man im Alter leben wolle.

Seit einem Jahr ist Isecke-Vogelsang im Ruhestand. Ab 1991 war er Schulleiter in Süsel, von 2010 an Leiter der Gotthard-Kühl-Schule in Lübeck. Das war der Moment, an dem er bundesweit bekannt wurde. Um den „schrillsten Schulleiter Deutschlands“ und den Punk-Pauker, so einige der gängigen Bezeichnungen, entspann sich ein Medienrummel. Der traf die Familie unvorbereitet und forderte ihr einiges ab. Eine solche bundesweite Aufregung hatte es in den vielen Jahren als Schulleiter in Süsel nicht gegeben. „Da siehst du mal, wie weltoffen wir sind“, hätten ihm die Süseler dazu gesagt, berichtet Isecke-Vogelsang.

Klicken Sie hier, um weitere Bilder aus dem Leben von Matthias Isecke-Vogelsang zu sehen!

Hohes ehrenamtliches Engagement

Vielleicht liegt es daran, dass der Punk so gutbürgerlich-situiert ist und im Ort höchstens durch sein Aussehen auffällt. Seine Frau und er leiteten jahrelang die Volkshochschule (VHS), er war bis gerade eben 24 Jahre lang DRK-Vorsitzender, engagierte sich ehrenamtlich in der Kirchengemeinde und war aktiv im Arbeitskreis 27. Januar. Annegret Vogelsang, die wegen der Kinder damals als Sonderschullehrerin pausierte, engagierte sich nach dem Umzug nach Süsel sehr schnell in der VHS. „Ich wollte nicht rumrennen als die Frau von . . .“, sagt sie und bezieht sich damit nicht auf den Punk, sondern auf den Schulleiter.

Lesen Sie auch ein Interview zum Thema: „Der Ruhestand ist ein Wechselbad der Gefühle“

Die schönsten Frisuren des Punk-Schulleiters Matthias Isecke-Vogelsang

Der fiel zunächst gar nicht so sehr auf, als die Haare noch schwarz und höchstens ein paar Zöpfchen im Nacken rot gefärbt waren. „Als wir 1979 geheiratet haben, hatte er einen Bart und lange Haare“, sagt seine Frau rückblickend. Irgendwann kam dann der farbige Irokesenschnitt, der bis heute das Markenzeichen von Matthias Isecke-Vogelsang ist. „Ich habe keine Lieblingsfarbe, das wechselt“, sagt er. Sie mag an ihm am liebsten blau-violett-grün, „eher die dunklen Farben“. Früher hat er noch selbst gefärbt, heute machen das Friseurinnen. In Hamburg hat er noch keine neue, „aber das sehe ich sehr entspannt, weil Hamburg in dieser Hinsicht noch breiter aufgestellt ist“.

Punk in Aussehen und Haltung

Das äußerliche Punk sein geht mit innerlichem Punk sein einher. Die gutbürgerliche Fassade mit Einfamilienhaus und Garten ist vor allem das Refugium von Annegret Vogelsang. Wer ihn nach punktypischem Chaos fragt, bekommt eine prompte Antwort: „Das Chaos kann ich schon bieten.“ Dann verweist er auf sein Arbeitszimmer in der Schule. Am Punk ist für Matthias Isecke-Vogelsang vor allem eines wichtig: die Haltung und die Einstellung. „Da bin ich schon Punk, denn ich setze mich für eine Gesellschaft ein, die mit allen ihren Mitgliedern auf Augenhöhe kommuniziert und allen gleiche Chancen gibt.“

Mehr als nur Äußerlichkeiten

Punk ist nicht nur eine Musikrichtung und ein Kleidungsstil, Punkt ist eine Haltung. „Punk ist das, was im Kopf passiert, nicht das, was man am Körper trägt“, hat Rod, Bassist der Band „Die Ärzte“, den Punk charakterisiert. Punker zeichnet aus, dass sie rebellisch und nicht gesellschaftlich nicht konform sind.Mitte der 1970er Jahre entstand die Punkbewegung in England. Punk heiß wörtlich übersetzt Müll. Als diesen, meinten die Jugendlichen damals, sehe die Gesellschaft sie an. Der frühe Punk richtete sich gegen Spießer, Politiker und Lehrer, der spätere gegen Sexismus, Rassismus und Kapitalismus

Mit den Chancen der Gotthard-Kühl-Schule in Lübeck stand es nicht zum besten, als ihn das Bildungsministerium fragte, ob er die vakante Schulleiterstelle übernehmen wolle, und das Kollegium seiner Ernennung zustimmte. „Da wollte keiner hin.“ Schüler mit an die 50 Herkunftssprachen – hier kam Isecke-Vogelsang seine Ausbildung für Deutsch als Zweitsprache zugute – und eine Regionalschule mit ramponiertem Ruf, so fand er die Gotthard-Kühl-Schule vor. Den Rummel um seine Person habe er genutzt, um die Schule aus ihrem Mauerblümchen-Dasein herauszuholen. Das hat ihn auf die Zeitungsseiten bis hin zur Bild-Zeitung und in Fernseh-Talkshows geführt. Der Erfolg gab ihm recht.

Medienstar für den Ruf der Schule

Nachdem die Geschichte vom schrillsten Schulleiter durch die Gazetten gegangen war, habe die Gotthard-Kühl-Schule „wahnsinnig gute Anmeldezahlen“ gehabt. „Heute steht die Schule gefestigt und sicher da.“ Isecke-Vogelsang verhehlt aber auch nicht, dass ihm sein Aussehen, sein Punksein, auch Nachteile gebracht hat. „Ich musste mehr arbeiten, als wenn ich angepasst gewesen wäre. Das war der Anspruch an mich selbst.“ Sollte ja keiner „siehste!“ sagen, wenn es nicht funktioniert hätte.

Punk vom Scheitel bis zur Sohle: Seine Kinder haben Matthias Isecke-Vogelsang Punk-Turnschuhe geschenkt. Quelle: Susanne Peyronnet

Nun also seit einem Jahr der Ruhestand, halbherzige Versuche seinerseits, etwas im Garten zu tun, und demnächst der Umzug nach Hamburg, ran an die Kultur. Die zog schon in Ostholstein die Vogelsangs an. Dabei ist er musikalisch nicht festgelegt, geht sogar zu den Eutiner Festspielen, in die Oper. „Der Punk hört nicht nur Punk“, versichert Isecke-Vogelsang. „Wir beide haben einen sehr weiten musikalischen Begriff. Ich mag aber schon lieber Rhythmus, Melodik ist nicht so mein Steckenpferd.“ Eben doch ein Hang zum Punk.

Susanne Peyronnet