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Ostholstein Überfall erfunden: Post-Chef muss in Haft
Lokales Ostholstein

Raubüberfall erfunden: Schöffengericht Eutin verurteilt Postbetreiber aus Scharbeutz zu zwei Jahren und acht Monaten haft

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14:31 19.01.2021
Diese Postfiliale soll laut dem Angeklagten im Januar 2017 überfallen worden sein. Das Gericht schenkte dem keinen Glauben und verurteilte den damaligen Post-Betreiber zu einer Haftstrafe.
Diese Postfiliale soll laut dem Angeklagten im Januar 2017 überfallen worden sein. Das Gericht schenkte dem keinen Glauben und verurteilte den damaligen Post-Betreiber zu einer Haftstrafe. Quelle: LN-Archiv
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Eutin

Der Angeklagte schaute die Richterin Anja Farries ungläubig an, schüttelte während der Urteilsverkündung immer wieder vehement mit dem Kopf. Denn das, was das Schöffengericht Eutin als erwiesen ansah, bestritt der 53-Jährige in den drei Verhandlungstagen bis zuletzt. Für die Staatsanwaltschaft und das Gericht stand jedoch fest: Der Betreiber einer Postfiliale in Scharbeutz hat vor knapp zwei Jahren einen Raubüberfall auf sein Geschäft vorgetäuscht, bei dem knapp 55 000 Euro erbeutet worden sind sollen. Das Schöffengericht verurteilte ihn wegen Vortäuschens einer Straftat, Untreue in 18 Fällen und versuchten Betrugs zu zwei Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe.

Das Geld, das er von seiner Versicherung einfordern wollte, muss er nun zurückzahlen. Zudem soll der Mann im Zeitraum zwischen Februar 2015 und Januar 2017 regelmäßig Bargeld aus dem Tresor der Post entnommen und für sich verwendet haben. „Der Raubüberfall hat so nicht stattgefunden“, sagte die Richterin in ihrer Urteilsverkündung.

Angeklagter sprach von zwei Männern mit Schusswaffen

Das Gericht folgte damit dem Strafmaß des Oberstaatsanwaltes Dirk Hartmann. In seinem Plädoyer erklärte er, dass es grundsätzlich ein komplizierter Fall sei, der aber doch eindeutig sei. „Es hat keinen Überfall gegeben“, betonte Hartmann. Der Angeklagte bestritt bis zuletzt die Vorwürfe, er berichtete stattdessen von zwei maskierten Männern mit Schusswaffen. Sie sollen vor der Tür seines Ladens, der in einem großen Supermarkt eingebunden war, einen Zettel mit der Aufschrift „Überfall“ an die Scheibe gehalten haben. Während die Täter an der Tür gewartet haben sollen, ging der Angeklagte nach seinen Angaben ohne den Alarmknopf zu betätigen in seine Filiale und händigte dem Räuber-Duo knapp 55 000 Euro aus.

Passanten und Supermarkt-Kunden, die sich zur angeblichen Tatzeit am frühen Morgen auf dem Parkplatz vor dem Gebäudekomplex aufhielten und von der Polizei vernommen wurden, haben jedoch keinen Überfall beobachten können. „Zeugen gehen am Geschehen vorbei und sehen gar nichts“, sagte der Staatsanwalt. Er ist davon überzeugt, dass der Mann ein Motiv hat, das Ganze vorzutäuschen. „Sie haben Geld aus der Kasse der Post entnommen und durch Umschläge ersetzt.“

Staatsanwalt wirft Angeklagtem Realitätsblindheit vor

Zudem hielt der Staatsanwalt dem Angeklagten versuchten Betrug vor: Der Gesamtschaden von 55 000 Euro, den der Angeklagte gemeldet hatte, sollte bei der Versicherung ausgeglichen werden. Hartmann forderte zwei Jahre und acht Monate Haft, zudem seien die knapp 55 000 Euro als Wertersatz einzuziehen. Eine erhebliche kriminelle Energie sei vorhanden. Außerdem sprach Hartmann davon, dass der Angeklagte unter Realitätsblindheit leide.

Verteidiger Joachim Hess forderte dagegen Freispruch. Für Hess ist klar, dass der Überfall stattgefunden hat. Sein Mandant habe konkret die Personenzahl und die Kleidung der Täter nennen können. „Er hätte sofort mit einer Aufdeckung rechnen müssen“, erklärte Hess. Zum Vorwurf der Veruntreuung sagte er: „Die Post war über alle Zahlungsvorgänge informiert.“ Ein System, Buchungen und Zahlungen zu verschleiern, gebe es nicht. Inzwischen habe sein Mandant als Postbetreiber ein Schuldengeständnis in Höhe von den erbeuteten 55 000 Euro gemacht. Von seiner Versicherung gebe es kein Geld. Es sei in keinem Fall für ihn von Vorteil. „Die Folgen der Tat treffen ihn schwer. Aufgrund der Zweifel beantrage ich, den Angeklagten freizusprechen.“

Umschläge werden erfunden, um Fehlbeträge zu vertuschen

Für Richterin Anja Farries bestanden jedoch keine Zweifel. Kompliziert ist der Fall dann, wenn man dem Angeklagten folgt. Sonst ist alles relativ klar“, sagte sie. Farries war überzeugt, dass der Angeklagte das Geschehen erfunden hatte. „Einen bewaffneten Raubüberfall vorzutäuschen, ist keine Kleinigkeit.“ Nach ihren Angaben musste der Angeklagte die Tat vortäuschen, „weil es eng wurde“. Der Mann wollte seine neue Lebensgefährtin mit Geld beeindrucken. Er habe sein Vermögen vom Bestand der Post genommen. Und damit keine Fehlbeträge entstünden, seien Umschläge erfunden worden. „Es fehlte Geld in der Kasse, das mit Umschlägen vorgetäuscht wurde“, sagte Farries. Auch der Betrug ist für sie bewiesen. Die Post habe ein Verlust von 55 000 Euro gehabt, dieses Geld wollte sich der Angeklagte wieder beschaffen.

Für das Gericht wog das Vortäuschen einer Straftat allerdings am schwersten. Das sei ein ganz negativ zu bewertendes Verhalten. „Wir wollen alle, dass Täter gefasst werden. Alle Arbeit der Polizei für nichts. Nur weil Sie den dicken Max machen wollten.“

Beke Zill