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Ostholstein Rennautos mit null PS: In Oldenburg wird die Seifenkisten-Tradition gelebt
Lokales Ostholstein Rennautos mit null PS: In Oldenburg wird die Seifenkisten-Tradition gelebt
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07:03 06.08.2019
Haben großen Spaß in ihrer Seifenkiste: Alexander (r.) und Bendix. Quelle: Fabian Boerger
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Oldenburg in Holstein

Eine Kiste auf Rollen, ein Rennauto ohne Motor, ein Kindheitstraum aus vergangenen Tagen: All das ist die Seifenkiste. In Zeiten von Social Media und Smartphones wirkt die rollende Box antiquiert. Doch gibt es sie noch, die Väter, die mit ihren Kindern in mühsamer Handarbeit Seifenkisten in der heimischen Werkstatt bauen.

Peter Jubel und Uwe Wolters aus Oldenburg sind zwei, die an der Faszination Seifenkiste festhalten. Noch heute bauen sie die rein mechanischen Holzkisten und veranstalten jährlich das Seifenkisten-Rennen in Putlos.

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Für Peter Jubel begann alles vor 33 Jahren. Mit seinem Vater schraubte er schon an Seifenkisten und war derjenige, der die Kisten zur Probe fuhr. Heute im Jahr 2019 hat sich das Blatt gewendet. Nun wollen seine Söhne fahren: „Und was mache ich: Ich baue eine neue Kiste“, sagt Jubel Senior und lacht. Es scheint für ihn selbstverständlich zu sein, dass er weiter festhält an der Tradition. Insgesamt sieben Kisten hat er bereits gebaut, die seine Kinder, Alexander (9) und Bendix (7), heute fahren.

Jeder geübte Heimwerker kann eine Seifenkiste bauen

Der Bau einer Kiste sei ganz einfach, sagt er. Die Box, in der der Fahrer sitzt, besteht bei den insgesamt 13 Kisten, die es in Oldenburg gibt, aus Sperrholz. Für die Anordnung der Räder, für die Bremse und die Steueranlage, die mithilfe eine Bautenzuges funktioniert, gibt es feste Vorgaben, die der Deutsche Seifenkistenverband vorgibt. Etwa 600 bis 800 Euro kostet das Gesamtpaket inklusive Holz, Leim und Farbe.

Dass diese Elemente aus einem Guss sind sei wichtig, sagt Uwe Wolters, da sie für die Sicherheit der Fahrer entscheidend seien. So ist zum Beispiel die Bremse, die am Boden der Kiste befestigt ist und sich wie ein Stempel beim Bremsen auf die Straße drückt, aus einem Guss, und darf nicht willkürlich zusammengeschraubt sein. Das mache die Seifenkiste nicht nur sicherer, sondern es ist auch einfacher ein solches Fahrzeug zu bauen: „Jeder einigermaßen geübte Heimwerker schafft so etwas“, sagt Peter Jubel.

Alte Waschkisten wurden in Amerika zu flotten Rennautos

Während der Anfangszeiten des Seifenkisten-Kults habe es noch kaum Regeln gegeben. Da habe man noch die Räder von Kinderwagen für die Seifenkisten genutzt, erzählt Wolters. Doch die seien in den Kurven weggebrochen, weshalb man fortan auf Räder setzte, die für die Seifenkisten ausgelegt sind.

Ursprünglich kommt die Seifenkiste aus Amerika. Dort wurden Räder unter Kisten geschraubt, in denen Waschmittel transportiert wurde. Der Name „Seifenkiste“ ist zurückzuführen auf die Werbung der Seifenhersteller, die auf die Kisten graviert war. Schnell entwickelte sich aus den rasenden Waschkisten ein eigener Kult, eine eigene Rennszene, die bis heute existiert. Auch in Schleswig-Holstein.

33. Seifenkistenrennen in Putlos

So jährte sich im Juni das große Seifenkistenrennen in Putlos bereits zum 33. Mal. Seit einigen Jahren findet es auf dem Truppenübungsplatz der Bundeswehr, nördlich vom Weissenhäuser Strand, statt. Auf einem abschüssigen Asphaltweg donnern dort jedes Jahr die Seifenkisten eine 200 Meter lange und 4,5 Meter breite Strecke auf Zeit hinunter. Bis zu 40 Kilometer die Stunde schnell kann eine Seifenkiste dabei werden. Für den nötigen Schwung geht’s beim Start eine etwa 2,50 Meter hohe Rampe hinunter. Die Strecke wiederum ist bis auf eine einzige Kurve gerade.

„Das fahrerische Können liegt darin, wie die eine Kurve angefahren wird“, erklärt Wolters. Je dichter sie angefahren wird, desto schneller ist man am Ende im Ziel. Die schnellsten Fahrer absolvieren die Putloser Strecke in 42 Sekunden. Wer „bleiert“, was im Fachjargon so viel wie bremsen bedeutet, verliert. In den vergangenen Jahren waren bis zu 28 Teilnehmer im Alter von acht bis 15 Jahren in Putlos mit dabei. Da allein Zug- und Fliehkräfte das Fahrzeug beschleunigen, sei es zudem das umweltfreundlichste Rennen in Schleswig-Holstein, sagt Uwe Wolters stolz.

Die beste Therapie für Kinder

Doch was macht die Faszination eines Seifenkistenrennens aus? „Es ist die beste Therapie für Kinder um nicht am Smartphone zu hängen“, zitiert Wolters einen Schulrektor, dessen Kind beim Rennen teilnahm. Es solle den Kindern Spaß machen, ihnen eine Abwechslung bieten. „Sie bekommen ein Feingefühl, um ein Fahrzeug zu lenken, ein Gespür für die Technik und den Verkehr.“ Auch für Peter Jubel steht der Spaß für die Kinder im Vordergrund. Ein positiver Nebeneffekt sei es, dass sie lernen, eigenverantwortlich mit einem Fahrzeug umzugehen und es unter Kontrolle halten.

Fabian Boerger