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Ostholstein Rettberg-Kaserne: Benannt nach einem Kriegsverbrecher?
Lokales Ostholstein Rettberg-Kaserne: Benannt nach einem Kriegsverbrecher?
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19:45 17.05.2019
Die Kaserne an der Oldenburger Landstraße trägt seit 1938 den Namen Rettberg-Kaserne. Quelle: Susanne Peyronnet
Eutin

Der Name ist Allgemeingut in Eutin und in etlichen Gemeinden in der Umgebung, die Patenschaften mit Kompanien des Aufklärungsbataillons 6 „Holstein“ pflegen: Rettberg-Kaserne. Aber wer war Karl von Rettberg (1865 – 1944)? War er ein unbescholtener Soldat oder hat er sich etwas zuschulden kommen lassen? Jakob Knab aus Kaufbeuren (Bayern) und Hermann Fricke aus Hannoversch-Münden (Niedersachsen) halten den Mann nicht für würdig, dass eine Kaserne nach ihm benannt ist. Zumal diese Namensgebung laut Fricke „im Gefolge der ideologischen Aufrüstung für die künftigen Angriffs- und Vernichtungskriege“ vorgenommen wurde.

Fricke hat eine Eingabe an den Eutiner Standortältesten, den Kommandeur des Aufklärungsbataillons 6 „Holstein“, Oberstleutnant Tobias Aust, gerichtet. „Ich bin ein Weggefährte von Jakob Knab, dem Sprecher der ,Initiative gegen falsche Glorie`“, begründet Fricke sein Engagement. Knab habe es sich seit drei Jahrzehnten zur Aufgabe gemacht, die Öffentlichkeit über Personen aufzuklären, die nicht würdig seien, dass etwas nach ihnen benannt wird.

Tod von Zivilisten

Zu denen zählen Knab und Fricke auch Karl von Rettberg. „Unter dem Kommando von Major Rettberg wurden am 25. und 26. August 1914 von dessen Bataillon in den beiden belgischen Ortschaften Herent und Leuven Häuser abgebrannt und Zivilisten erschossen“, schreibt Fricke an den Eutiner Standortältesten. Weiter heißt es in dem Schreiben über Rettberg: „Damit war er für den Tod und die Verwundung von unbeteiligten Zivilisten verantwortlich.“

Die Vernichtung von Leuven

Die belgische Stadt Leuven (deutsch: Löwen) wurde im August 1914 von deutschen Truppen eingenommen. Es folgten vier Tage, in denen beinahe das gesamte Zentrum der Stadt durch Feuer vernichtet wurde. 1081 Häuser brannten nieder, 248 Zivilisten starben in den Flammen oder wurden erschossen, 1500 Einwohner der Stadt bis 1915 in Deutschland interniert.

Das Infanterie-Regiment „Lübeck“ (3. Hanseatisches) Nr. 162 mit Heimatkaserne Eutin war in Leuven dabei. Von Rettberg übernahm nach seiner leichten Verwundung in Leuven dessen Kommando.

Ein Vorwurf, den offenbar ein internes Gutachten der Bundeswehr belegt, das im Dezember 2018 vom Zentrum für Militärgeschichte in Potsdam verfasst worden sein soll. Das Papier liegt den LN vor. Dort heißt es: „Die historischen Forschungen und die im Zusammenhang mit dieser Stellungnahme ermittelten Zeugenaussagen lassen jedoch den Schluss zu, dass Rettberg an beiden Orten in mehrfacher Weise gegen Bestimmungen des damals geltenden Kriegsvölkerrechts verstoßen hat und dadurch für den Tod und die Verwundung einer unbekannten Zahl von unbeteiligten Zivilisten verantwortlich ist.“ Das Wort „jedoch“ bezieht sich darauf, dass unter den Opfern auch sogenannten „Aufständische“ gewesen sein könnten.

„Alles, was in den Weg kommt, niedermachen“

Konkret wird Rettberg vorgeworfen, dass er seinen Soldaten befohlen habe, Häuser in Brand zu stecken, Zivilisten, die mit der Waffe in der Hand gefasst würden, sofort zu erschießen oder zu bajonettieren und ein Ehepaar niederzustechen, obwohl ein Kompaniechef von dessen Unschuld überzeugt war. Weiter ist laut Gutachten durch Zeugenaussagen belegt, dass Rettberg den Befehl erteilte, „alles, was in den Weg käme, niederzumachen“ und dass er mindestens 20 belgische Zivilisten, auch Frauen und Kinder, als menschliche Schutzschilde missbraucht haben soll.

Die Eingabe von Fricke hat die Verantwortlichen in der Eutiner Kaserne völlig überrascht. Bisher habe es keinen Grund gegeben, an Rettberg zu zweifeln, die Aufklärer hätten sich aber auch nicht mit ihm auseinandergesetzt, sagt Aust. Der Kommandeur geht davon aus, dass 70 bis 80 Prozent der Soldaten in der Kaserne keine Antwort darauf geben könnten, wer Rettberg ist. „Die Kaserne heißt so, aber er ist für uns keine Bezugsperson.“ Die Vorwürfe gegen den Namensgeber wögen schwer, deshalb brauche es eine intensive Prüfung. „Dazu bitten wir um Geduld“, sagt Aust.

Oberstleutnant Tobias Aust ist Kommandeur des Aufklärungsbataillons 6 "Holstein" in der Eutiner Rettberg-Kaserne. Quelle: Susanne Peyronnet

Einen langem Atem haben

Jakob Knab rechnet nicht mit einer schnellen Reaktion aus Eutin. „Ich kenne das Geschäft seit 30 Jahren, zunächst heißt es abtauchen und Beine stillhalten. Dann muss man mahnen und Beschwerde bei der vorgesetzter Behörde einlegen.“ Der Mann, der sich seit 1995 für die Umbenennung von Kasernen und Straßennamen einsetzt, um deren Namensgebern „die falsche Glorie“ zu nehmen, weiß, dass es einen langen Atem braucht, um zum Ziel zu kommen. Dabei will er die Truppe aber nicht insgesamt kritisieren. Seine Erfahrung: „Ich muss die Bundeswehr in Schutz nehmen, die aufrechtesten Demokraten finden wir bei der Bundeswehr.“

Karl von Rettberg kämpfte im ersten Weltkrieg. Ihm werden Kriegsverbrechen in Belgien vorgeworfen.

Knab und seine Mitstreiter haben seit 1995 die Umbenennung von 29 Bundeswehr-Liegenschaften erreicht. Für historisch bedenklich halten sie etliche weitere Namen, darunter in Schleswig-Holstein neben Rettberg die von Admiral Reinhard Scheer (Scheerhafen Kiel) und Großadmiral Alfred von Tirpitz (Tirpitz-Mole Kiel). Die Entscheidung über Umbenennungen trifft am Ende die Verteidigungsministerin.

Aber wie könnte die Rettberg-Kaserne nach einer Umbenennung heißen? Laut Knab sind in solchen Fällen üblicherweise Natur- oder regionale Namen gewählt worden. Seine Idee: Ostholstein-Kaserne. Analog zur den bereits umbenannten Liegenschaften Allgäu-Kaserne, Karwendel-Kaserne oder Südtondern-Kaserne.

Susanne Peyronnet

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