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Ostholstein SHMF: Buh-Rufe auf Gut Hasselburg
Lokales Ostholstein SHMF: Buh-Rufe auf Gut Hasselburg
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20:10 03.08.2015
Das Berliner GlasBlasSing Quintett begeisterte mit seiner Flaschenmusik.
Das Berliner GlasBlasSing Quintett begeisterte mit seiner Flaschenmusik. Quelle: Fotos: Jens Seemann
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Hasselburg

Die Musikfeste auf dem Lande des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) sind immer für Überraschungen gut. Oft gibt es hochkarätige musikalische Talente zu entdecken. Beim Musikfest in Hasselburg gab es am Wochenende jedoch eine Überraschung der ganz anderen Art. Eine Hälfte des Sonnabend-Abendprogramms war so gründlich misslungen, dass ein Großteil der etwa 800 Zuhörer fassungslos vorzeitig die Konzertscheune verließ.

Wie konnte das passieren? Das Publikum war vom Festival auf einen heiteren Abend mit „Musik & Cabaret“ eingestimmt worden. An mangelnder Einsatzfreude der Mitwirkenden lag es nicht, dass die Erwartungen so tief enttäuscht wurden. Aber Carolin Sophie Schumann (Artistik und Jonglage) hat entweder einen furchtbar schlechten Tag gehabt oder — was wahrscheinlicher ist — noch keine Bühnenreife erlangt.

Auch das Trio Krischa Weber (Violoncello), Susanne Holl Busse und Mariana Madeira Humann (beide Tanz) machte es nicht besser. Ihre belanglose Performance war ebenso rätselhaft wie der Titel „Living Room“. Was komisch sein soll an einer Cellistin, die — leichte Muskelkrämpfe vorspielend — ihr Instrument misshandelt, blieb offen. Einen Höhepunkt erreichte die Publikumsqual, als die Tänzerinnen die Ergebnisse einer Publikumsbefragung präsentierten. Gefragt worden war: Was würdest du kochen, wenn Grubinger zum Abendessen kommt? Oder: Was legst du auf, wenn Tschaikowsky mit Blumen vor deiner Tür steht? In die nicht enden wollende Verlesung der Antworten mischten sich „Aufhören“-Rufe aus dem Publikum .

Zu diesem Zeitpunkt waren schon viele Stühle leer. „Eine Zumutung“, befanden etliche Zuhörer. Andere sinnierten darüber, ob sie wohl ihr Eintrittsgeld zurückbekommen würden. „Uns wurde ein lustiger Abend versprochen. Bisher waren die Programme des Festivals auch immer toll. Aber das war nichts“, so Boris von der Lippe, der aus Hamburg angereist war.

„Das hatte auch ich mir schlichtweg anders vorgestellt“, sagte Wiebke Schwarz, künstlerische Leiterin der SHMF-Musikfeste auf dem Lande: „Ich wollte gerne Tanz und bin jetzt beschämt.“

Aus drei Gründen wurde der Abend doch noch gerettet. Der erste: die hinreißende Moderation von Jessica Schlage, die unter anderem mit Galgenhumor meinte, der Abend stecke voller Überraschungen. Grund zwei: der misslungene Programmteil befeuerte Diskussionen beim Publikum. So viel Kommunikation ist sonst nie. Dritter und wichtigster Grund: der zweite Programmteil mit dem GlasBlasSing Quintett aus Berlin. Die fünf Musiker, selbsternannte Recycling-Spezialisten, blasen in oder schlagen auf alle Art Flaschen ein und beherrschen das Spiel auf Instrumenten wie der Wasserspender-Djembe virtuos. Zu ihrem Repertoire „Liedgut auf Leergut“ gehören Stücke wie der Instrumentaltitel „Popcorn“ und eigene Songs wie „Du kannst es nicht“.

Sie allerdings können es: spielen, singen, tanzen, sich selbst verulken, das Publikum in gute Laune versetzen. Beglückt ging es in die kühle Nacht. Es wäre schön, die fünf Künstler bald mal wieder in der Gegend zu wissen.

„Ich wollte gerne Tanz und bin jetzt beschämt.“
Wiebke Schwarz, künstlerische Leiterin der SHMF-Musikfeste auf dem Lande

Jens Seemann und Liliane Jolitz