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Ostholstein Schattenwurf-Debatte um Windräder
Lokales Ostholstein Schattenwurf-Debatte um Windräder
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20:46 02.01.2015
Die Idylle ist trügerisch: Die vielen Windräder zwischen Cismarfelde, Kabelhorst und Koselau — hier östlich von Kabelhorst — sorgen seit Jahren für Differenzen. Quelle: Irene Burow
Riepsdorf

Die maximale Zeit, die Windräder Schatten auf Wohnhäuser werfen dürfen, wird in dem Windpark Riepsdorf/Kabelhorst/ Grömitz teilweise erheblich überschritten. Das geht aus einem kürzlich veröffentlichten Gutachten hervor, das in Zusammenhang mit dem Erörterungstermin des Landesamtes für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) zum Repowering-Vorhaben erstellt und nachgereicht worden ist. „Das gilt für viele Wohnorte rund um den Windpark“, kritisiert Holger Diedrich aus Riepsdorf. Der Vorsitzende der BUG-Fraktion und Gegner der großen Windräder präsentierte die Ergebnisse in der jüngsten Gemeindevertretung.

Die Grafik zeigt die Schattenwurfbelastung.

Rotor und Turm eines Windrades dürfen laut der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz (LAI) nicht länger als 30 Stunden pro Jahr und 30 Minuten am Tag auf ein Wohnhaus einwirken. Für Baugenehmigungen müssen Investoren dafür Gutachten vorlegen. Die Wählergruppe hatte die neuen Berechnungen jedoch für Bestandsanlagen gefordert. Laut Diedrich gab es die vorher nicht.

Dem Gutachten, erstellt von dem Sachverständigen Jörg Dedert von der Zertifizierungsgesellschaft DNV GL, ist zu entnehmen, dass die Belastung in Rüting mit 58 bis 95 Stunden und in Kabelhorst-Grünbek mit 82 bis 100 Stunden besonders groß ist. Dort werden die zulässigen Werte um mehr als das Dreifache übertroffen. In Koselau betreffe das laut Bürgermeister Hartwig Bendfeldt (CDU) nur zwei Häuser, von denen eines von einem Windkraftbetreiber bewohnt werde. „In Riepsdorf sind rund 20 Häuser betroffen“, beziffert Diedrich. Hier wurden die höchsten Werte zwischen 30 bis 68 Stunden berechnet. In Cismarfelde betragen die höchsten Werte 37 bis 50 Stunden. Nach dem Repowering verschlechtern sich die Werte laut Gutachten fast ausschließlich.

„Bei der Modellrechnung geht man vom schlimmsten Fall aus“, kommentiert der Bürgermeister diese seiner Meinung nach höchst unwahrscheinlichen Zahlen. „Dabei müsste es 365 Tage im Jahr ständig Sonne geben und ständig Wind. Das ist Sandkastenspielkram, nicht realistisch“, so Bendfeldt, der Repowering-Befürworter. Die BUG-Fraktion kritisiert, dass die Bevölkerung rings um den Park seit mehr als zehn Jahren rechtswidrig durch Schattenwurf belastet werde, ohne dass eine Behörde vom Amt, Kreis oder Land bisher eingeschritten sei. „Obwohl das LLUR schon beim Erörterungstermin im Mai darauf angesprochen wurde, hat es bisher nichts unternommen, um den Zustand zu beheben“, so Diedrich. Anfragen seien nicht beantwortet worden. Wie LLUR-Sprecher Martin Schmidt mitteilt, wird zurzeit die Genehmigungssituation der alten Anlagen ermittelt und überprüft. „Da alle vorhandenen Windkraftanlagen im Bereich Grömitz/Riepsdorf/Kabelhorst im baurechtlichen Verfahren durch den Kreis Ostholstein zwischen 1998/1999 genehmigt wurden, liegt uns keine ausreichende Aktenlage vor. Diese muss erst aufwendig erstellt werden.“ Es gebe gesetzliche Grundlagen, die Werte begrenzen zu lassen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Schmidt: „Es muss berücksichtigt werden, dass erst nach dem Jahr 2000 abgesicherte Regelungen zur Begrenzung des Schattenwurfs eingeführt wurden. Zudem ist der Bestandschutz der Anlagen zu berücksichtigen.“

Für die BUG ist die Lage klar: „Wir haben als Gemeinde eine Fürsorgepflicht und müssen die Bürger schützen“, appellierte der BUG- Chef jüngst an den Gemeinderat. Denn neben dem störenden Schatten werden auch nächtliche Lärmgrenzwerte von 45 Dezibel teils überschritten. Einen entsprechenden Antrag, nach dem die Gemeindevertretung die Einwohner gegen zu hohe Umweltbelastungen schützen soll, lehnte die Mehrheit von CDU und SPD jedoch ab. „Wenn Bürger sich belästigt fühlen, müssen sie sich direkt beim LLUR beschweren. Wir sind nicht antragsberechtigt“, wimmelte Bürgermeister Bendfeldt den Vorschlag ab. „Aber die meisten Bürger wissen ja nicht einmal von den Mehrbelastungen“, bemerkte Diedrich. Wer sich einen Eindruck davon verschaffen wolle, wie die großen 150-Meter- Anlagen auf Mensch und Umwelt wirken, könne das beim gerade eröffneten Windpark Schönwalde- Kniphagen sehen. „Ein anschauliches Beispiel bietet sich vom Standort Petershöh aus.

Es ergibt ein ähnliches Bild, wie es nach dem Umbau von Gosdorf aus sichtbar wäre.“

• Eine Grafik mit der Schattenwurfberechnung des Sachverständigen Jörg Dedert finden Sie im Internet unter www.LN-Online.de/Ostholstein

Abschalten durch Module
Der Bereich Riepsdorf/Kabelhorst/Grömitz zählt zu den größten Windparks in Schleswig-Holstein. Von den dutzenden Anlagen sollen im Zuge des Repowerings zwölf abgebaut werden und acht in größerer Form entstehen.


Bei Überschreitung der zulässigen Schattenwerte müssen Windräder abgeschaltet werden, solange ihr Schatten auf ein Wohnhaus fällt. Das ist durch eingebaute Abschaltmodule möglich.
Dadurch muss gewährleistet sein, dass die tatsächliche Schattenwurfbelastung den Wert von acht Stunden im Jahr und 30 Minuten pro Tag nicht überschreitet. „Bei den Genehmigungen der neuen Anlagen ist alles im grünen Bereich“, so der Riepsdorfer Bürgermeister Hartwig Bendfeldt (CDU). Da würden Module eingebaut. Laut LLUR müssen neue Windkraftanlagen so betrieben werden, dass die Schattenwurfbegrenzungen eingehalten werden.
„Erst 2000 wurden abgesicherte Rege- lungen eingeführt.“
LLUR-Sprecher Martin Schmidt zum Thema Schattenwurf

Irene Burow