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18:38 26.01.2019
Heinz Zander (75) aus Heiligenhafen. Vor genau 60 Jahren (am 2. Februar 1959) wurde er nach einem Schiffsunglück vor Dänemark aus der eiskalten Ostsee gerettet.
Heinz Zander (75) aus Heiligenhafen. Vor genau 60 Jahren (am 2. Februar 1959) wurde er nach einem Schiffsunglück vor Dänemark aus der eiskalten Ostsee gerettet. Quelle: Gäbler
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Heiligenhafen

Es waren furchteinflößende Stunden in der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 1959 – also vor fast genau 60 Jahren: Ein eiskalter Wind peitschte über die See, Wellen schlugen über, Wasser stand in der Bilge (dem tiefsten Punkt im Schiff) der MS „Tross“ und konnte wegen einer Verstopfung nicht abgepumpt werden, dann stieg es auch im Lade- und später im Motorraum immer höher – bis die Maschine aussetzte. Die Notsignale des Holzschoners aus Heiligenhafen nahm niemand wahr. Letztendlich lautete das Kommando „Klarmachen des Rettungsbootes!“ Es dauerte Stunden, bis endlich Rettung nahte.

Wenn Heinz Zander (75) aus Heiligenhafen an die Stunden in dieser Nacht zurückdenkt, ist er immer noch gerührt. Die Havarie der MS „Tross“, auf der er als Schiffsjunge mitfuhr, liegt sechs Jahrzehnte zurück. Und dennoch schießen Zander noch heute Tränen in die Augen, wenn er sich an die Nacht erinnert und davon berichtet. Zu tief hat sich das Unglück in die Seele des damals 15-Jährigen eingebrannt. Eigentlich hat er am 18. November Geburtstag. Zumindest im Stillen denkt er aber auch jedes Jahr am 2. Februar an seine Rettung aus der eiskalten Ostsee bei Dänemark. Dieser Tag ist für ihn zu seinem zweiten Geburtstag geworden.

Das zweite Leben des Heinz Zander

Damals ging Heinz Zander noch in Heiligenhafen zur Schule. Sein Großvater, Otto Zander, arbeitete als Steinfischer. Gemeinsam mit dem Bestmann (Steuermann ohne Patent) Hermann Lüth und Heinz, der in den Ferien anpackte, holten sie Steine vom Meeresgrund, die in Heiligenhafen zu Bordsteinen und Pflasterungen für Hamburg verarbeitet wurden. Ein mühseliges Geschäft. Kein Wunder, dass der Großvater sich nach etwas anderem umschaute.

Großvater verlangte ein Rettungsboot

Die Chance bot sich, als eine Lübecker Reederei ihn als Kapitän für den 120-Tonnen-Holzschoner MS „Tross“ anheuern wollte. Das Schiff hatte bereits zwei Jahre lang im Kommunalhafen der Warderstadt gelegen. Otto Zander griff zu, das Schiff wurde rundum überholt und bekam einen neuen Hagelstein-Motor. Ein Rettungsboot kam auf Drängen des Großvaters mit an Bord – zum Glück, wie sich später zeigte.

Als sich das Ende der Schulzeit näherte, bekam Heinz Zander von seinem Schulrektor die Erlaubnis, auf der MS „Tross“ mitzufahren. Am 1. Februar 1959 ging er an Bord. Das Schiff wurde in Lübeck mit Salz beladen, das die Dänen auf Bornholm für ihre Fisch-Delikatessen – die „Bornholmer“ – brauchten. Über die Trave ging es dann raus auf die eisig-kalte Ostsee in Richtung Dänemark, Kurs Rönne.

Wassereinbruch auf der MS „Tross“

„In den späten Nachtstunden des 2. Februars gegen 23.30 Uhr nahm das Unglück dann seinen Lauf“, erinnert sich Heinz Zander und sagt: „Opa kam, weckte mich, und sagte, dass wir Wasser in der Bilge hätten und ich gemeinsam mit Hermann Lüth an die Pumpe müsse.“ Sie pumpten, was das Zeug hielt, wechselten immer zwischen Lade- und Maschinenraum. Aber irgendwann kamen sie gegen die Wassermassen einfach nicht mehr an. Als gegen 2 bis 3 Uhr der Motor erstarb, wurde es ernst. Beide, Hermann Lüth und Heinz Zander, standen da schon brusttief im Bilgenwasser.

„Da musste ich raus an Deck und Notsignale entfachen“, sagt Zander rückblickend. „Ich musste eine Wanne mit Petroleum entzünden, aber niemand beachtete den Feuerschein auf dem Ruderhaus. Ebenso wenig die Kanonenböller und Rotfeuer.“ Also wurde das Rettungsboot zur Seite weggefiert. „Das konnten wir einfach über die Reling schieben, so tief lag die MS ,Tross’ im eiskalten Ostseewasser“, sagt Zander. Bevor die drei Männer überstiegen, hissten sie noch ein letztes Notsignal – eine Wolldecke wurde am Mast hochgezogen. „Da habe ich das erste Mal wirklich gebetet“, sagt Zander.

Die MS „Tross“ (im Hintergrund) lag zwei Jahre lang im Heiligenhafener Hafen, bevor sie wieder auf Fahrt geht. Quelle: HFR

Fischkutter „Carl Sylow“ eilte zu Hilfe

Sie mussten Stunden ausharren. Aber dann tauchte plötzlich ein dänischer Fischkutter auf: die „Carl Sylow“ aus Stubbeköbing (Insel Falster). Der Kapitän ging längsseits, nahm die Havaristen an Bord, versorgte sie im Ruderhaus mit trockenen Sachen. Die MS „Tross“ noch abzuschleppen, gelang nicht. Sie versank in der Ostsee.

Ein bis zwei Tage blieben sie in Dänemark, wurden aufgepäppelt, dann ging es über Gedser und Großenbroderfähre zurück nach Heiligenhafen. Ein halbes Jahr später kam es zur Seeamtsverhandlung in der Warderstadt, bei der der Crew korrektes Verhalten bescheinigt wurde. Trotz dieses Ereignisses blieb Heinz Zander über all die Jahrzehnte der Seefahrt treu: er wurde Schiffsjunge, Jungmann, Leichtmatrose, Matrose und hatte schließlich sogar das kleine Kapitänspatent in der Tasche.

Spurensuche im dänischen Stubbeköbing

Doch die Ereignisse in der Nacht ließen ihn nicht mehr los. 2017 recherchierte er im Internet den Hafenmeister von Stubbeköbing und erfuhr, dass der alte Kutterkapitän inzwischen verstorben war. Der Hafenmeister vermittelte Zander aber ans Stadtarchiv, die stellten den Kontakt zu Lotte Poulsen her. Die Tochter des alten Kapitäns – damals zehn Jahre alt – ist inzwischen selber schon 70, erinnerte sich aber noch gut an den damals 15-jährigen Jungen aus Heiligenhafen.

Also wurde kurz vor Weihnachten 2018 ein Treffen in Stubbeköbing organisiert. „Mit meiner Frau fuhr ich rüber nach Dänemark und wir staunten über die tolle Gastfreundschaft. Lotte Poulsen hatte ein riesiges dänisches Büffet aufgebaut.“ Erinnerungen und Bilder wurden ausgetauscht, von der MS „Tross“ genauso wie von der „Carl Sylow“, dem Fischkutter von Lotte Poulsens Vater. Heinz Zander: „Es war mir in all den Jahren immer ein Anliegen, noch mal ,Danke’ zu sagen.“

Weitere Infos zur MS „Tross“ gesucht

Wer noch weitere Informationenoder Hinweise zur Geschichte der MS „Tross“ geben kann oder über alte Fotos des Holzschoners verfügt, möge sich bitte an Heinz Zander in Heiligenhafen wenden.

Er ist erreichbarunter Telefon 043 62/21 07 oder per E-Mail an Heinz.Zander@gmx.de.

Louis Gäbler