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Ostholstein Schulleiterin alarmiert: Gewaltbereitschaft nimmt zu
Lokales Ostholstein Schulleiterin alarmiert: Gewaltbereitschaft nimmt zu
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13:46 28.02.2019
Die Schulsozialarbeit an der Grundschule Süsel muss ausgeweitet werden - es gibt viele "ungewöhnliche Kinder", sagt die Schulleitung. Quelle: Ulrike Benthien
Süsel

An der Grundschule Süsel herrscht teilweise ein raues Klima. „Wir müssen mehr präventiv arbeiten. Die Gewaltbereitschaft nimmt zu. Wir haben in allen Klassen Kinder, die Hilfe brauchen.“ Mit diesem Appell unterstrich Schulleiterin Swantje Popp-Dreyer ihren Antrag auf eine Stundenerhöhung der Schulsozialarbeit. Träger dieser Stelle ist der Deutsche Kinderschutzbund, Kreisverband Ostholstein. Dessen Vertreterin Silke Hüttmann bestätigte im Schulausschuss: „Es gibt Kinder, die sind rahmenlos. Sie treten, beißen, schlagen und gehen auf Lehrer los.“ Das sei aber nicht nur in Süsel der Fall.

19 Stunden Schulsozialarbeit reichen nicht aus

19 Wochenstunden hat die Gemeinde dem Kinderschutzbund bislang für Schulsozialarbeit – geleistet von den Schulsozialarbeitern Michelle Karbon und Nils Küssner – zugebilligt. Das kostet sie im Jahr 38 800 Euro, abzüglich einer Förderung in Höhe von knapp 15 000 Euro vom Land. Die beiden Kräfte des Kinderschutzbundes haben in der Schule ein breites Leistungsspektrum: unter anderem unterstützen sie Lehrer und Eltern im Umgang mit besonderen Kindern, sind Ansprechpartner für die Schüler, bieten Konfliktlotsenausbildung und -betreuung.

Ziele der Schulsozialarbeit sind in Bezug auf die Schüler Prävention und Intervention. So sollen soziale Kompetenzen gefördert und das soziale Klima in Gruppen, Klassen und an der Schule verbessert werden. „Prävention ist aber schwierig geworden. Wir sind mehr Feuerwehr und müssen überall löschen“, beschrieb Michelle Karbon ihren Alltag.

Sinkende Wertschätzung gegenüber Lehrkräften

Silke Hüttmann legte dem Ausschuss Zahlen vor. 2016 habe es wöchentlich 25 Beratungsgespräche, sieben sozialpädagogische Hilfsmaßnahmen im Einzelfall und vier Hilfsmaßnahmen in Gruppen gegeben. 2018 seien 35 Gespräche, 16 Hilfestellungen für einzelne Schüler und acht für Gruppen erforderlich geworden. Eltern und Kinder brächten Lehrern gegenüber immer weniger wertschätzendes Verhalten auf. „Die Selbst- und Fremdgefährdung nimmt zu. In der Pause fällt auf, wie sehr Frustgrenzen sinken und Sozialkompetenzen nicht mehr gegeben sind“, sagte Silke Hüttmann. „Ob schulreif oder nicht, die Kinder werden eingeschult“, benannte sie ein Problem.

Sehr deutlich wurde Jens Reinecke, Mitglied des Schulelternbeirats: „Inklusionskinder in einer Klasse ziehen so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass normale Kinder benachteiligt sind.“ Er forderte, ein Regelwerk aufzustellen, wie mit besonderen Kindern umgegangen werden solle.

Gemeindevertreter erlebten tobendes Kind

Gemeindevertreter hätten vor drei Wochen ein verstörendes Erlebnis gehabt, schilderte Claus Ehlers (CDU). Bei einer Schulbegehung sei ein Achtjähriger in einer zweiten Klasse derartig ausgerastet, dass die Mitschüler aus dem Klassenzimmer heraus- und vor ihm in Sicherheit hätten gebracht werden müssen. „Das soll immer wieder vorkommen. Das Kind hat Sie auch mit Steinen beworfen. Wann wird ein Problemkind aus einer Klasse herausgenommen?“ wollte Ehlers von der Schulleiterin hören. Nach mündlicher und schriftlicher Missbilligung könne ein Klassenwechsel und letztlich ein Schulwechsel erfolgen – „das ist aber keine Lösung für das Kind“, erklärte Swantje Popp-Dreyer. „Aber für 26 andere“, sagte Jens Reinecke.

Befristet bis 31. Juli wird die Wochenstundenzahl für die Schulsozialarbeit auf 25 ausgedehnt – eine Soforthilfsmaßnahme der Gemeinde. Einstimmig beschloss der Ausschuss zudem, dass es nichtöffentliche Gespräche mit allen Beteiligten geben soll. Und bei der Kreisjugendhilfe soll die Einrichtung einer Kooperativen Erziehungshilfe erwirkt werden, die Kinder mit Beeinträchtigungen in der emotionalen und sozialen Entwicklung unterstützt.

Ulrike Benthien