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Ostholstein Selbstmord verhindert: Viel Lob für Neustädter Jungen
Lokales Ostholstein Selbstmord verhindert: Viel Lob für Neustädter Jungen
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18:18 05.03.2019
Thomas und David (l.) haben umgehend reagiert und die Polizei verständigt. Quelle: Sebastian Rosenkötter
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Neustadt

Thomas und David haben nicht weggeschaut. Sie haben gehandelt, die Polizei gerufen und damit ein Menschenleben gerettet. Wie die beiden Neustädter Jungen den Selbstmord verhinderten, schildern sie jetzt den Lübecker Nachrichten. Die 14 und 15 Jahre alten Neustädter waren vergangenen Sonntag mit ihren Fahrrädern unterwegs und beobachteten, wie sich ein Mann auf die Bahngleise legte (die LN berichteten). Sie blieben in der Nähe, bis die Beamten eintrafen. Nun gibt es großes Lob für ihre Zivilcourage.

Thomas und David kennen sich seit Jahren. Sie haben zusammen Judo gemacht und Boxen im Verein. Mit ihren Rädern waren die Achtklässler der Jacob-Lienau-Gemeinschaftsschule erstmals gemeinsam unterwegs. „Die sind eher selten draußen, spielen oft am Computer“, sagt Papa Stjepan Jaković. Nicht so am 3. März. „Wir haben uns gegen 17.45 Uhr getroffen und waren bei McDonalds. Dann wollten wir durch den Wald fahren in Richtung alte Burg“, sagt David. Auf dem Rückweg sei ihnen ein Mann entgegengekommen, der „komisch die Arme ausgestreckt hat“.

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Polizei war schnell vor Ort

„Der ging auf uns zu. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Er hat nichts gesagt und ist dann über den Zaun zu den Bahngleisen gesprungen“, schildert Thomas das Geschehen. Dort habe er sich auf die Gleise gelegt. „Wir haben ein bisschen gewartet und sind dann schnell zur Ameos-Pforte gefahren“, schildert David. Dann haben sie die Polizei gerufen. „Sie hat uns am Telefon gefragt, ob der Mann noch da ist. Wir sind ganz schnell mit unseren Rädern zurück zu der Stelle gefahren und haben nachgeschaut“, sagt David. Währenddessen wurde der Zugverkehr sofort eingestellt.

Mediziner spricht über Suizide

Der Ärztliche Direktor des Neustädter Ameos-Klinikums Dr. Jörn Conell hat mit den LN über Möglichkeiten gesprochen, Suizide zu verhindern und Frühwarnzeichen zu erkennen. Zudem äußert er sich zu Hilfsangeboten für Angehörige. Den ganzen Text gibt es hier.

Vater und LN-Leser loben die Jungen

Eine zufällig in der Nähe befindliche Streife war schnell vor Ort und kümmerte sich mit den Mitarbeitern des Rettungsdiensts um den Mann, der seine Suizidabsichten einräumte und anschließend in eine Klinik gebracht wurde. Eugen Wild, der Vater von Thomas, ist stolz auf die Reaktion seines Jungen. „Es ist toll, dass man in dem Alter so reagiert. Sie haben nicht nachgelassen und hatten den Mut die Polizei zu rufen. Sie haben verstanden, dass etwas nicht stimmt.“ Stjepan Jaković ergänzt, dass die Reaktion auch vorbildhaft für andere Kinder sein könnte.

Ähnlich äußern sich seit Bekanntwerden der Geschichte zahlreiche LN-Leser auf Facebook. „Wirklich klasse habt ihr das gestern gemacht. Wir, der Rettungsdienst von gestern, waren auch sehr stolz auf euch! Ihr habt sein Leben gerettet! Danke“, schreibt Liza-Melina Le. Lars Schäckermann betont: „Nicht weggeschaut . . . Top Jungs“.

So reagieren Ameos-Chef und Bürgermeister

Lobende Worte kommen zudem von Frank-Ulrich Wiener, Regionalgeschäftsführer Ameos-Nord: „Die beiden Teenager haben durch ihr verantwortungsvolles und schnelles Handeln den Suizidversuch an der Bahnstrecke verhindern können. Dafür gilt ihnen, der Polizei und den Rettungsdiensten unser besonderer Dank.“ Neustadts Bürgermeister Mirko Spieckermann (parteilos) bedankt sich für das umsichtige und verantwortungsvolle Handeln. „Sie haben damit ein Menschenleben gerettet. Es ist gut und wichtig, im täglichen Miteinander aufmerksam zu sein. Dieses haben die beiden Jungs eindrucksvoll bewiesen.“

Propst plädiert dafür, Menschen zu helfen

Propst Dirk Süssenbach Quelle: LN-Archiv (HFR)

Dirk Süssenbach, einer von zwei Pröpsten in Ostholstein, betont, dass die Kirche durch ihre Notfallseelsorger eng mit Helfern der Rettungsdienste, Feuerwehr und Polizei zusammenarbeite. „Als für die Feuerwehr zuständiger Pastor freue ich mich persönlich sehr, wenn gerade junge Leute nicht wegsehen, sondern sich kümmern, wenn sie einen Menschen in einer Notsituation antreffen“, sagt Süssenbach. „Es gehört eine Menge Mut dazu, auch dann Hilfe zu holen, wenn eine Situation nicht ganz klar ist, wie es bei Menschen mit akuten psychischen Krisen oft der Fall ist.“ In solchen Fällen den Notruf zu wählen und zu warten, bis Rettungskräfte eintreffen, verdiene Respekt. „Und das gilt übrigens auch dann, wenn sich eine Situation später als harmlos herausstellt“, stellt der Propst klar.

Hier gibt es Hilfe und Beratung

Wer Selbstmordgedanken hat, für den gibt es zahlreiche Hilfsangebote. Unter anderem können kostenfrei und anonym die Mitarbeiter der Telefon-Seelsorge angerufen werden. Die Nummer lautet 08 00/111 01 11.

Hilfe gibt es zudem bei den Beratungsstellen des Kirchenkreises. Diese befinden sich unter anderem in Eutin, Neustadt, Stockelsdorf, Oldenburg sowie auf Fehmarn.

Weitere Infos gibt es unter den Nummern 04521/800 54 24 oder 045 21/800 54 10 sowie auf der Internetseite www.kirchenkreis-ostholstein.de.

Unterstützung bei Lebenskrisen bietet auch die Brücke Ostholstein gGmbH an. Der Verein hat mehrere Beratungsstellen im Kreis. Detaillierte Informationen finden sich unter www.bruecke-oh.de.

Ein Angebot für Menschen mit Suizidgedanken unter 25 Jahre hat die Caritas. Betroffene können sich anonym per E-Mail beraten lassen. Die IP-Adresse wird nicht erfasst. Die Schweigepflicht gilt. Details gibt es auf www.u25-deutschland.de.

Eltern können sich unter der Nummer 04 51/400 25 04 00 bei der Institutsambulanz in Lübeck melden.

Erwachsene bekommen auch unter beim sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamts unter der Nummer 045 21/78 81 60 Hilfe.

Sebastian Rosenkötter